Von Parteifreunden umzingelt
Es ist die Rolle seines Lebens, und er spielt sie gut. Am vergangenen Mittwoch war wieder einmal Günter-Rexrodt-Tag. Der FDP-Bundesschatzmeister trat - wie so oft in den letzten Wochen - im Erdgeschoss der Berliner Parteizentrale vor einem Gestrüpp von Mikrofonen auf.
Keiner gibt den schonungslosen Aufklärer so gut wie Rexrodt. In der Düsseldorfer Spendenaffäre seien die Täter mit »großem handwerklichem Geschick« vorgegangen, berichtete der FDP-Mann im Ton eines Staatsanwalts. »Sofort« habe er den »Herrn Bundestagspräsidenten« über die neuesten Entwicklungen informiert, sogar eine »Plausibilitätsprüfung« sei angeordnet worden.
Aufmerksam verfolgte sein Parteichef jedes Detail des Auftritts - drei Stockwerke höher vor dem Fernseher. Wieder einmal musste Guido Westerwelle mit ansehen, dass längst nicht mehr er in der FDP den Ton angibt. Während der frühere Bundeswirtschaftsminister in der Rolle des Chefaufklärers an seinem politischen Comeback arbeitet, ist Westerwelle zur Untätigkeit verurteilt.
Zu tief ist er selbst in die unappetitliche Faltblattaffäre seines Ex-Stellvertreters Jürgen Möllemann verstrickt. Viel zu lange hatte er den nordrhein-westfälischen FDP-Vorsitzenden gewähren lassen, zu unglaubwürdig sind seine Beteuerungen, er habe von der umstrittenen Wahlkampfaktion nichts gewusst. Westerwelle sieht aus wie ein Parteichef auf Abruf.
Vorsichtig gehen die ersten FDP-Größen zu ihrem Chef auf Distanz. Die öffentlichen Solidaritätsbekundungen sind bestenfalls noch lauwarm, der Amtsinhaber ist von Parteifreunden umzingelt. »Es gibt keine Personalspekulation an dieser Stelle«, sagt Rexrodt, und es ist klar, dass die Betonung auf den letzten beiden Worten liegt.
Er sei sich »ziemlich sicher«, beteuerte auch Baden-Württembergs FDP-Chef Walter Döring, dass es keine Debatte um Westerwelles Zukunft gebe, aber: »Rumgenörgelt wird schon.« Sein Kollege Holger Zastrow aus Sachsen wurde deutlicher: »Westerwelle braucht Rat und Unterstützung, allein kann er die Krise nicht bewältigen.« Wenn Parteifreunde erst mal mitfühlend ihre Fürsorge zu Protokoll geben, das dürfte auch Westerwelle wissen, ist das politische Ende oft nicht mehr fern.
Und so wird in der FDP schon munter diskutiert, wer wohl als Nachfolger in Frage kommen könnte. Vier Kandidaten sind im Gespräch. Sie wären wohl auch bereit - wenn man sie nur laut genug riefe:
* Ex-Parteichef Wolfgang Gerhardt, 58, der sich vom Spaß- und Krawallkurs Westerwelles und Möllemanns am entschiedensten distanziert hatte;
* Schatzmeister Rexrodt, 61, der als »Kommissar Rex« (Möllemann) den schwarzen Kassen nachspürt;
* Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Döring, 48, der sich stets ins Gespräch bringen lässt, wenn es um einen Platz in der FDP-Führung geht;
* Parteivize Rainer Brüderle, 57, der sich geschickt aus allen parteiinternen Querelen heraushält und als Strippenzieher hinter den Kulissen an seinem Image als Mann des Ausgleichs bastelt.
Die vier wissen, dass sie Zeit haben, mindestens bis zu den Landtagswahlen am 2. Februar in Niedersachsen und Hessen, die für die FDP zur Zitterpartie werden. Am besten, Freund Guido übernimmt für schwache Ergebnisse die Verantwortung - darin zumindest sind sie sich einig. Niemals würden sie öffentlich ihren Anspruch auf das oberste Parteiamt . Denn: Wer jetzt vorprescht, hat schon verloren.
Aber rechtzeitig gepflegt auf Abstand gehen - das kann nicht schaden.
So lässt Gerhardt streuen, er habe Westerwelle nicht erst im Wahlkampf, sondern schon vor über einem Jahr geraten, die Distanz zu Möllemann zu wahren. Seine Kritik am Vorsitzenden verpackt er in harmlos klingende Sätze: »Die Partei braucht jetzt einen kalkulierbaren Pol, und das ist die Fraktion.« Soll heißen: Es gibt in der Parteizentrale keinen, der für Ruhe und Ordnung sorgt. Also muss Gerhardt ran.
Schatzmeister Rexrodt wird deutlicher. Westerwelles Ausrede, seine Büroleiterin habe frühzeitig von Möllemanns Faltblattaktion gewusst, ihn aber nicht informiert, kontert er mit der Feststellung, solche Schlampereien könne man »nicht nur den Mitarbeitern anhängen, verantwortlich ist auch der Chef«.
Döring wiederum war als Erster zur Stelle, als durch den SPIEGEL bekannt wurde, dass auch die Büroleiterin der Generalsekretärin Cornelia Pieper über das Möllemann-Faltblatt informiert war. Langsam werde die Geschichte »auch für gut Meinende unerträglich«, schäumte der schwäbische Parteivize: »Da müssen doch alle Alarmglocken schrillen.«
Brüderle hingegen bemüht sich, dem angeschlagenen Chef nicht öffentlich in den Rücken zu fallen. Aber schützend vor ihn stellen mag er sich auch nicht, obwohl Westerwelle im Präsidium ausdrücklich darum gebeten hatte. Eine Solidaritätsbekundung bekam der Parteivorsitzende von dem Mainzer nur in kleinster Runde.
Auch wenn Brüderle es inzwischen gern anders darstellt - ein Widerstandskämpfer gegen die von Möllemann ersonnene »Strategie 18« war er ebenso wenig wie Döring oder Rexrodt. Als Brüderle sich auf dem Mannheimer Parteitag als künftiger Wirtschaftsminister empfahl, gliederte er sein Programm ("Wohlstand für alle") in genau 18 Punkte.
Emphatisch benannte Döring auf dem gleichen Parteikonvent seinen ewigen Rivalen Möllemann überraschend liebevoll als »den Vater des Projekts 18 hier im Stammland der Liberalen": Nirgendwo sonst sei der ehrgeizige Plan schon einmal »so überzeugend und erfolgreich realisiert worden wie hier bei uns in Baden-Württemberg« - womit er die Wahl des FDP-Ministerpräsidenten Reinhold Maier vor 50 Jahren meinte.
Auch Rexrodt möchte heute ungern an seine Reden von früher erinnert werden. Empört hatte er in Mannheim die Spendenskandale von CDU und SPD gegeißelt - und getönt: »Wir können mit großem Nachdruck festhalten, dass wir alle, aber auch alle Vorkehrungen getroffen haben, dass es zu solchen Vorgängen in der FDP nicht kommen kann.« Gerhardt hingegen muss am wenigsten fürchten, dass er von den eigenen Worten eingeholt wird. Seine Reden galten stets als dröge, aber was früher langweilig war, ist heute ein Beleg für Gediegenheit und Solidität. Der Ex-Parteichef hat deshalb die größten Chancen, im Falle des Falles - und sei es nur für eine Übergangszeit - erneut an die Spitze der Partei gerufen zu werden.
Öffentlich wehrt Gerhardt zwar ab ("Meine Frau würde mich erschlagen"). Aber gleichzeitig tut es ihm sichtlich wohl, dass ihm erneut die Führung zugetraut wird. Die Kränkungen des Jahres 2001, als Westerwelle und Möllemann ihn aus dem Amt mobbten, hat er nicht vergessen.
ALEXANDER NEUBACHER, HARTMUT PALMER