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NAHOST Vor dem Tor zur Hölle

Vergeltung oder Verhandlungen? Nach den massiven Raketenschlägen der Israelis setzt Palästinenserführer Arafat auf internationale Hilfe. »Pufferzonen« zwischen den erbitterten Gegnern sollen das Blutvergießen stoppen.
• aus DER SPIEGEL 48/2000
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Ihr guter Wille wurde ihnen zum Verhängnis. Auch inmitten des umkämpften Gaza-Streifens hatten die israelischen Soldaten den Kontakt zu ihren palästinensischen Sicherheitspartnern nicht kappen wollen.

Kaum war das Treffen im Verbindungsbüro nahe der jüdischen Siedlung Newe Dekalim beendet, da explodierte ein Sprengsatz. Ein Offizier starb, zwei Soldaten sowie palästinensische Polizisten wurden verletzt. Mit dem Bombenanschlag vom letzten Donnerstag sei, so ein Militärsprecher, der letzte Rest von Vertrauen »weggesprengt« - weitere zwei Israelis und vier Palästinenser wurden Freitagnacht erschossen.

In der Tat schien es nach acht Wochen von Terror und Gegenterror, als sei die Gewalt nicht mehr aufzuhalten. Gleich zwei Anschläge hatten in den vergangenen sieben Tagen israelische Busse getroffen. Dabei starben 4 Menschen, über 70 wurden verletzt. Im gleichen Zeitraum töteten israelische Soldaten zahlreiche Palästinenser, darunter in einer gezielten Aktion vier mutmaßliche Fatah-Aktivisten.

Israels Premier Ehud Barak holte nach dem ersten Anschlag zu massiven Vergeltungsaktionen aus. Dutzende von Raketen zerstörten die Trainingsräume der persönlichen Garde von Palästinenserführer Jassir Arafat, schlugen in die Büros seiner Fatah ein und in die Gebäude palästinensischer Rundfunkstationen, die aus israelischer Sicht ihre Hörer aufhetzen. Gaza-Stadt fiel in Dunkelheit, unter der Bevölkerung breitete sich Panik aus. Über hundert Menschen wurden verletzt.

Erstmals trafen die Raketen auch Einrichtungen der von Mohammed Dahlan geleiteten »Präventiven Sicherheitskräfte«. Dahlan galt bisher als enger Kooperationspartner. Nun wollen die Israelis »harte Geheimdienstinformationen« besitzen, nach denen Dahlans Agenten etwa an dem Anschlag auf den Schulbus im Gaza-Streifen beteiligt waren.

»Wir haben die ernste Sorge, dass der Konflikt außer Kontrolle gerät«, formulierte US-Verteidigungsminister William Cohen nach einem Treffen mit Barak diplomatisch seine Kritik. Anders als von den Strategen des Premiers erwartet, dämmte die harte Faust des israelischen Militärs den palästinensischen Aufstand nicht ein, sondern stachelte ihn ganz offensichtlich weiter an. Uno-Generalsekretär Kofi Annan, der im Oktober voller Hoffnung zu vermitteln suchte, sprach in New York tief niedergeschlagen von einem »Kriegszustand« im Nahen Osten.

Könnte sich die Intifada, der Aufstand der Palästinenser gegen die israelischen Besatzer und Siedler, doch zu einem neuen Krieg ausweiten? Sollten die längst abgeschriebenen Hardliner unter den arabischen Staaten mit ihren Forderungen nach einem »Heiligen Krieg« gegen den verhassten Judenstaat wirklich noch Gehör finden? Oder können der innenpolitisch angeschlagene Barak und der von militanten Islamisten bedrängte Arafat die Spirale der Gewalt wieder zurückdrehen?

Zum Wochenende zeichnete sich zumindest ein Hoffnungsschimmer ab. Arafat wolle wieder verhandeln, richtete US-Außenministerin Madeleine Albright den Israelis nach einem Gespräch mit dem Palästinenser-Chef aus. In einem Telefonat mit dem israelischen Außenminister Schlomo Ben-Ami regte Albright »Pufferzonen« in den Zentren der Unruhen an.

Die Entsendung von Uno-Beobachtern, die immer mehr Vermittler als letzten Ausweg ansehen, könnte den Weg aus der Krise ebnen. »Die Uno muss uns schützen«, verlangt Arafat (siehe Interview Seite 230). In New York bemüht sich Annan derzeit um eine Friedensmission, der auch die Israelis zustimmen können.

Neben Großbritannien und Norwegen gilt vor allem Frankreich als Befürworter zumindest einer kleinen Zahl unbewaffneter Beobachter. Nach ihren ernüchternden Erfahrungen mit den Kfor-Truppen im Kosovo sehen die Europäer in einem Uno-Einsatz weniger ein konkretes Instrument gegen die Gewalt als eine Möglichkeit zur Überwindung der politischen Blockade.

Auch Russland, stets auf der Suche nach neuen Einflussmöglichkeiten, hatte bereits angedeutet, Soldaten für eine Friedenstruppe bereitzuhalten. Am Freitag empfing der russische Präsident Wladimir Putin den Autonomie-Chef. Erster Erfolg: Putin vermittelte ein Telefonat zwischen Arafat und Barak.

Die Palästinenser fordern eine 2000 Mann starke Blauhelm-Einheit, »um unsere Zivilisten zu schützen«. Durch den Appell an die Weltorganisation möchte Arafat, der den USA zu große Parteilichkeit für die Israelis vorwirft, den Friedensprozess auf eine internationale Ebene ausweiten.

Die Israelis jedoch sehen eine solche Mission als unzulässige Einmischung, die ihre Souveränität einschränkt. Sie können sich Beobachter allenfalls nach einem Friedensabkommen mit den Palästinensern vorstellen. In der jetzigen Lage, so Baraks Büroleiter Gilad Scher, würde damit nur »die Gewalt der Palästinenser belohnt«.

Doch die Vergeltungspolitik - Auge um Auge, Wahn um Wahn - fällt immer deutlicher auf Israel selbst zurück. In ungewöhnlich deutlicher Sprache warf das US-Außenministerium dem israelischen Schützling erstmals »übermäßigen Militäreinsatz« vor. Obgleich Washington den Terroranschlag auf den israelischen Schulbus bei Kfar Darom scharf verurteile, seien die Luftangriffe der israelischen Armee - die bisher schwersten seit Beginn der Unruhen - »nicht der richtige Weg«.

Aufgeschreckt hat Amerikaner wie Israelis auch der Protest der Ägypter, die als stärkste Verbündete für den Friedensprozess im arabischen Lager galten. Nach den Raketen auf Gaza-Stadt zog Kairo seinen Botschafter aus Israel ab.

Mubaraks Entschlossenheit ist auch eine Reaktion auf die beachtlichen Erfolge der Islamisten bei den jüngsten Parlamentswahlen. Überdies hatten Studenten in der ägyptischen Hauptstadt schon mehrmals gegen Israel und auch gegen den Vermittlungskurs der eigenen Regierung demonstriert. Sämtliche Berufsvereinigungen des Landes, und nicht nur das von der islamistischen Muslimbruderschaft dominierte Ärztesyndikat, beschlossen, ein Wocheneinkommen ihrer Mitglieder der Autonomie-Regierung zu überweisen.

Auch Jordanien, das andere arabische Land, mit dem Israel einen Friedensvertrag abgeschlossen hat, bemüht sich inzwischen um deutliche Distanz. Aus Protest bleibt der vakante Botschafterposten in Tel Aviv vorerst unbesetzt. Nur mit Mühe kann der junge König Abdullah in seinem eigenen Land die teilweise gewalttätigen Demonstrationen gegen Israel unter Kontrolle halten. Der Herrscher muss auf die Stimmung jenseits der Grenze schon um des eigenen Machterhalts willen Rücksicht nehmen: Etwa 60 Prozent der Jordanier sind Palästinenser, die sich mit ihren Brüdern im Westjordanland und im Gaza-Streifen weitgehend solidarisieren. Die israelfeindliche Opposition setzt bereits Firmen, die mit dem Judenstaat Geschäfte machen, offen auf eine schwarze Liste. Der mächtige Vorsitzende des »Komitees zur Bekämpfung der Normalisierung mit Israel«, der Rechtsanwalt Salih al-Armuti, verlangt von der Regierung in Amman den »Abbruch sämtlicher Beziehungen«.

Vorläufiger Höhepunkt der Anti-Israel-Kampagne: Vorvergangenen Sonntag wurde der israelische Vizekonsul beschossen, als er vor seinem Haus in Amman gerade in sein Auto gestiegen war.

In der islamischen Welt schuf der gemeinsame Wille, die Regierung Barak für ihre harten Reaktionen abzustrafen, seltene Koalitionen. Die prowestliche Erdölmonarchie Saudi-Arabien und die amerikafeindliche Islamische Republik Iran probten gegen Israel ebenso den Schulterschluss wie die Maghreb-Staaten Marokko und Algerien, die sich sonst über die Westsahara streiten.

Auf den Gipfeln von Kairo und Katar vereinbarten die Teilnehmer zudem, ihre gerade langsam und mitunter auch noch klammheimlich angelaufenen Handelsbeziehungen mit Israel wieder einzufrieren. Immerhin hatten 13 der 21 Mitgliedstaaten der Arabischen Liga schon entsprechende Kontakte eingefädelt.

Der internationale Druck auf Barak, vor allem aus den USA, scheint Wirkung zu zeigen. Nach dem verheerenden Bombenanschlag am Mittwoch in Hadera, mitten im israelischen Kernland, beschloss das Sicherheitskabinett erstmals keine sofortigen Vergeltungsschläge.

Einige Minister plädieren inzwischen dafür, den tödlichen Automatismus von Schlag und Gegenschlag zu durchbrechen. »Militärische Vergeltung bringt kein Ende der Gewalt«, glaubt der Zentrums-Minister Amnon Lipkin-Schahak, der bereits mehrmals mit Arafat zusammentraf. Gegen den Guerrilla-Krieg der Palästinenser, versucht auch die liberale Zeitung »Haaretz« zu mäßigen, helfe »kein Blitzkrieg und keine schiere Militärmacht«.

Doch sowohl Arafat als auch Barak stehen unter wachsendem Druck der Radikalen im eigenen Lager. Die islamistische Hamas drohte in einem Flugblatt bereits damit, das »Tor zur Hölle« zu öffnen: »Wir haben geschworen, den Tod in jedes Haus, jede Stadt, jede Siedlung zu bringen.«

Selbst Arafats Minister wie Hassan Asfur feuern inzwischen die Gewalttäter an: »Wenn Gaza so gut erreichbar ist für die israelischen Panzer, Kampfhubschrauber und Waffen, kann ich nur sagen, dass Jerusalem und Tel Aviv auch für Palästinenser nicht weit weg sind.« Doch der Autonomiechef weiß auch: Wenn er die Terroranschläge und die Schüsse seiner Fatah-Milizen auf israelische Soldaten und Zivilisten nicht stoppt, verliert er jede internationale Unterstützung für seinen Staat.

Auf der anderen Seite gießen jüdische Hardliner ihrerseits Öl ins Feuer. Die israelische Rechte, angeführt von den Siedlern, fordert immer lauter einen vernichtenden Militärschlag. Zehntausende demonstrierten vergangene Woche in Jerusalem gegen Barak unter dem Motto »Lass die Armee gewinnen«. Viele Israelis meinen, die Armee gehe zu zögerlich vor.

Der innenpolitische Druck schränkt den Spielraum des ohnehin angeschlagenen Premiers weiter ein. Doch pikanterweise ermutigt seine Regierung die rechten Nationalisten - indem sie Arafat als Friedenspartner bereits aufgegeben hat. »Unser Nachbar ist das palästinensische Volk«, verkündet Baraks Büroleiter Sher, »die palästinensische Führung ist nicht willens oder in der Lage, sich mit uns zu verständigen.«

Während sich Palästinenser-Präsident Arafat derzeit von Kairo bis Moskau internationaler Solidarität erfreut, wartet auf Barak der nächste Tiefschlag: Die Opposition hat einen Antrag zur Auflösung der Knesset vorgelegt, der Israel einen Schritt näher zu Neuwahlen bringen könnte. Noch nicht einmal die Stimmen der säkularen Schinui-Partei sind Barak sicher.

Auch die anhaltenden Gespräche mit dem Hardliner Ariel Scharon über die Bildung einer Notstandsregierung blieben Ende vergangener Woche ergebnislos. Scharon beharrt darauf, dass er einer Regierung nur beitrete, wenn Barak die beim Gipfel von Camp David diskutierten Kompromisse aufkündige.

Wohin allerdings eine militärische Lösung führt, glaubt der Leiter des norwegischen Ärzteteams im Gaza-Streifen zu wissen, das seit Wochen in pausenlosem Einsatz die Opfer der israelischen Gummimantelgeschosse behandelt: »Israel wird sich noch zu Tode siegen.«

DIETER BEDNARZ, ANNETTE GROßBONGARDT

* Bei Krankenbesuchen verletzter Landsleute.

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