IRAN Vor heißem Sommer?
Der Machtkampf zwischen religiösen Ultras und Reformern in der Islamischen Republik spitzt sich weiter zu. Nach zahlreichen Verhaftungen von Oppositionellen und der Schließung von 14 regimekritischen Tageszeitungen und Zeitschriften droht dem Gottesstaat nun durch Irans Studenten ein politisch heißer Sommer. Ein Dreivierteljahr nach ihren landesweiten Protesten, die im Juli 1999 das Mullah-Regime erschütterten, wollen die Hochschüler erneut für Meinungsfreiheit und West-Öffnung auf die Straße gehen. Bereits Anfang der Woche hatten in der Provinzhauptstadt Schiras etwa 3000 Studenten gegen die Unterdrückungspolitik protestiert. Am Dienstag zogen rund tausend Kommilitonen mit Protesten in Teheran nach. »Wir werden die Zeitungsschließungen nicht einfach hinnehmen«, prophezeite ein Studentenführer weitere Aktionen. Mit offenen Protestaufrufen wollen sich die Studentenverbände jedoch so lange wie möglich zurückhalten. Sie möchten den Ultras keine neuen Vorwände für weitere Verhaftungswellen geben. Die Zeitungsverbote und die jüngste Serie von Festnahmen, die angeblich 150 Regimegegner getroffen haben soll, gelten als letztes Aufbäumen der islamistischen Fundis, die bei den Parlamentswahlen am 18. Februar gegen die Reformer deutlich verloren hatten. In der neuen Volksvertretung, die am 27. Mai erstmals zusammentreten soll, haben die eher liberalen Anhänger von Staatspräsident Mohammed Chatami nun voraussichtlich eine Zweidrittelmehrheit; noch aber sind nicht alle Mandate durch den Wächterrat bestätigt - und den dominieren Gefolgsleute des erzkonservativen religiösen Führers Ajatollah Chamenei. Auch das Justizwesen, der Geheimdienst und die Zensurbehörde gelten weiterhin als Hochburgen der radikalen Frommen. Erst kurz vor Ostern hatten religiöse Hardliner den Richtungsstreit verschärft. Im staatlich kontrollierten Fernsehen und in islamistischen Blättern wurde über eine Konferenz der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin offensichtlich bewusst verzerrt berichtet. Die aus Teheran angereisten Reform-Anhänger wurden als »moralisch verfallene Figuren« verdammt. Der prominenteste Teilnehmer an der Diskussionsrunde, der Journalist Akbar Gandschi, bekam die Rache der Ultras bereits zu spüren. Am Ostersamstag wurde er verhaftet.