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Vorbild Wisconsin?

Hilfe und Härte: Der US-Staat geht ungewöhnliche Wege in der Sozialpolitik.
• aus DER SPIEGEL 33/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist der Blick, der sie unterscheidet. Die Hilfesuchenden im Dr. Martin Luther King Jr. Drive, Hausnummer 1915, gucken weg. Dieser Versuch, jeden Augenkontakt mit dem Gegenüber zu vermeiden, ist eine Überlebenstechnik, die man sich offenbar aneignet, wenn man lange am Rande der Gesellschaft lebt.

Auch Yolanda Thompson hat noch diesen seltsam scheuen Blick. Dabei gibt sie sich alle Mühe, einen gefestigten Eindruck zu machen. Yolanda sitzt an einem großen Konferenztisch von YW Works, einer der fünf Fürsorgeagenturen in Milwaukee für die Armen der Stadt, um Dankbarkeit zu bekunden, Dankbarkeit dafür, dass ihr der Staat Wisconsin von einem Tag auf den anderen alle finanziellen Beihilfen strich.

Die Geschichte, die Thompson erzählt, ist zunächst die Geschichte einer typischen US-Sozialhilfekarriere: Schulabbruch, da ist gerade das erste Kind unterwegs; ein paar Gelegenheitsjobs als Kassiererin und als Küchenhilfe bei McDonald's - das Übliche eben für junge schwarze Frauen ohne vernünftige Ausbildung.

Seit sie in Milwaukee lebe, sei sie 15mal umgezogen, sagt Thompson. Denn natürlich habe das Geld, das ihr der Staat überwies, nie bis zum Monatsende gereicht. So blieb sie die Zahlungen für Licht und Wasser schuldig, manchmal auch die Miete, und bevor sie jemand belangen konnte, zog sie mit den Töchtern halt ein paar Straßen weiter, in eine andere Ein-Zimmer-Wohnung, genauso schäbig, genauso feucht wie die vorherige.

Fünf Jahre ging das so, bis zu dem Tag, an dem ihrem Scheck ein kleines Begleitschreiben beilag, das sie davon in Kenntnis setzte, dass von nun an andere Regeln gelten würden in Wisconsin. »W-2« hieß das neue Sozialhilfeprogramm, das im September 1997 anlief, eine Abkürzung für »Wisconsin Works«, und so wie Thompson es verstand, bedeutete es das Ende jeglicher Zahlungen - ein »furchtbarer Schock«, der sie zunächst in eine tiefe Depression stürzte.

Doch Yolanda Thompsons Geschichte ist auch eine Erfolgsgeschichte, und wenn man den Verfechtern von W-2 glauben kann, sogar eine ziemlich typische: Die heute 31-Jährige hat ihren Schulabschluss nachgemacht, sie arbeitet wieder, und an den Wochenenden lernt sie für einen College-Abschluss.

Denn plötzlich gab es da Einrichtungen wie YW Works, die zwar kein Bargeld ohne Gegenleistung mehr anboten, dafür aber Beratung und persönliche Hilfe: bei der Job- und Wohnungssuche wie bei der Frage, wie man am besten zur Arbeit kommt oder wo man in der Zwischenzeit die Kinder lässt.

»Ending welfare« lautet das Motto der republikanisch geführten Regierung in Wisconsin. Und auch wenn sie ihr Ziel, die staatlich organisierte Wohlfahrt auszutrocknen, noch nicht ganz erreicht hat - sie ist ihm schon ziemlich nahe gekommen. Von den 5,2 Millionen Einwohnern des US-Staats erhalten heute nur noch 7500 regelmäßig direkte finanzielle Hilfen - im Jahr 1997, zu Beginn der neuen Regelung, lag die Zahl der Sozialhilfeempfänger bei über 40 000.

Tatsächlich ist dieser Rückgang um über 80 Prozent selbst für amerikanische Verhältnisse so spektakulär, dass Wisconsin zu einer Art Pilgerstätte geworden ist, und das gilt nicht nur für Konservative wie den hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch, der sich kürzlich von der zuständigen Ministerin Jennifer Reinert alles im Detail erklären ließ. Einrichtungen wie die Fürsorgeagentur YW Works haben einen eigenen, florierenden Beratungszweig eröffnet.

Seit Bill Clinton Mitte der neunziger Jahre das »Ende der Sozialhilfe, wie wir sie kennen«, wahr machte, haben alle US-Staaten den Gesetzesanspruch auf staatliche Alimentation gestrichen. Doch kein Bundesstaat ist dabei so rigide vorgegangen wie Wisconsin. Nur wer arbeitet, und sei es als Pförtner oder städtischer Müllmann, hat dort ein Anrecht auf staatliche Unterstützung.

Arbeit, so die feste Überzeugung von Sozialreformern wie Reinert, ist der Schlüssel zu einem »selbständigen, erfüllten Leben« - allein eine regelmäßige Beschäftigung sichert einem den Platz als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft.

Über diejenigen, die sich dem neuen Programm verweigert haben, existiert in Wisconsin keine Statistik. Sie sind aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden, irgendwo gestrandet in den Scherbenvierteln von Milwaukee, wo niemand eingeworfene Fenster ersetzt, wo ganze Ladenzeilen mit Holzplatten verrammelt sind und das nächste Lebensmittelgeschäft die Tankstelle ist, ein zu einer Art Hochsicherzeitszone umgerüsteter Mini-Supermarkt, in dem die Angestellten von den Kunden durch fingerdicke Glasscheiben getrennt sind.

Die Gegenleistung freilich, die Wisconsin den Willigen bietet, ist umfangreicher als der eingängige Arbeitsappell »Wisconsin Works« vermuten lässt. So haben die Initiatoren des Programms ein ausgeklügeltes, mehrstufiges System entwickelt, das auf die Fähigkeiten der Hilfsbedürftigen abgestimmt ist.

Viele der ehemaligen Wohlfahrtsempfänger sind seit Jahren keiner geregelten Arbeit mehr nachgegangen und müssen erst mühsam lernen, wie man Bewerbungen abfasst oder einen Computer bedient. Stets hilft einer der so genannten Case-Manager, die maximal 50 Fälle betreuen. Zudem existiert ein tief gestaffeltes System von Beihilfen, das kostenlose Bustickets ebenso umfasst wie Lohnzuschüsse oder Stipendien.

Es ist eine sehr amerikanische Mischung aus Hilfe und Kontrolle, die Leute wie Reinert ersonnen haben: Für jede Fehlstunde setzt es Abzüge bei den Gratifikationen. Die Lebensmittelkarten der Bedürftigen sind so kodiert, dass niemand dafür Zigaretten oder Alkohol bekommen kann. Wer öfter als dreimal der Arbeit oder einer Schulung fernbleibt, erhält Hausbesuch von zwei freundlichen Herren, die mal nach dem Rechten sehen.

Tatsächlich spart das neue Sozialprogramm dem Staat kein Geld, im Gegenteil. Zwar ist die Zahl der direkten Zuwendungen, wie nicht anders zu erwarten, deutlich gesunken, von 300 Millionen Dollar jährlich auf nunmehr 60 Millionen.

Doch weil gleichzeitig die Ausgaben für Fortbildung, Sozialarbeit und Kinderbetreuung genauso deutlich gestiegen sind, haben sich die Gesamtkosten um gut 20 Prozent auf 490 Millionen Dollar pro Jahr erhöht. Und immerhin: Vier von fünf ehemaligen W-2-Teilnehmern haben heute einen Job, wie eine Studie vom vergangenen Jahr ergab.

Dass die meisten dabei nur wenig mehr als den Mindestlohn von derzeit 5,15 Dollar die Stunde verdienen und deshalb weiterhin auf Lebensmittelmarken oder Mietbeihilfen angewiesen sind - das, sagt Ministerin Reinert, sei doch eher ein Ansporn. Sie glaubt, sie hofft: »Dem ersten Job folgt der nächste.« JAN FLEISCHHAUER

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