BERLIN Vorgeschmack
In dem Rätselraten über den Sinn der Schüsse sowjetischer Jäger auf das fahrplanmäßige Flugzeug Frankfurt-Berlin der Air France über dem Ort Könnern haben sich Westberliner Politiker und Alliierte eine eigene Version gemacht: Die Schüsse seien womöglich vor den Bug der Bonner Generalvertrags - Politik gemeint gewesen.
Auf alle Fälle seien sie ein Vorgeschmack dessen, was kommen könnte, falls die Bundesrepublik im Rahmen der Generalvertrags - Souveränität die Lufthoheit bekommt. Für diesen Fall würden die Sowjets sicher der Sowjetzonenregierung ebenfalls das Recht eigener Lufthoheit zugestehen.
Grotewohls Regierung wäre dann in der Lage, die Luftkorridore nach Berlin zu sperren, wenn die westlichen Fluglinien sich nicht ausdrücklich um eine Benutzungserlaubnis bemühten, was sie nur könnten, wenn sie die »Deutsche Demokratische Republik« anerkennten. (Die Benutzung der Luftkorridore durch Zivilmaschinen ist schon unter dem jetzigen Status vertraglich nicht gesichert.)
Auch auf den anderen Zugangswegen nach Westberlin könnten sich bei der Ost-Integration der Sowjetzone, die als Antwort auf die West-Integration der Bundesrepublik komme, neue Mittel und Wege ergeben, den Berlin - Verkehr ohne unmittelbare sowjetische Verantwortung durch Maßnahmen der Regierung der »Deutschen Demokratischen Republik« zu torpedieren.
Westberlins Senat geht verstärkt daran, Vorräte an Knäckebrot, Fleischkonserven und sonstigen Grundnahrungsmitteln anzulegen. Ängstliche tippen auf eine neue Berlinblockade um Ende Juni herum.