Vorhersehbare Entwicklung
Nr. 2/2008, Titel: Die Migration der Gewalt - Junge Männer: Die gefährlichste Spezies der Welt
Ihr eingehend recherchierter Artikel hat mich überzeugt: durch die Vielzahl der Fallbeispiele, der diversen Lösungsansätze und vor allem durch die Stellungnahmen der verschiedenen Experten und Kenner der Szene, die allesamt von einer Verschärfung abraten und einer Ausschöpfung der bestehenden rechtlichen Möglichkeiten das Wort reden. Es ist dem SPIEGEL damit auch gelungen, die durchsichtigen und heuchlerischen, auf Wählerstimmen am rechten Rand ausgerichteten wahltaktischen Manöver als das zu entlarven, was sie sind: billige populistische Schnellschüsse.
KIRCHHEIM UNTER TECK DR. ERNST KEMMNER
In Ihrem wichtigen Beitrag stellen Sie zwar die richtige Frage nach den biologischen Ursachen, lassen dann aber leider keinen Humanethologen den Sinn einer derartigen evolutionären Disposition erklären. Damit fehlt leider auch das Positive: Junge Männer sind ungemein leistungs- und begeisterungsfähig! Jetzt sind dringend neue Gedanken gefragt, wie man sich dieses brachliegende Potential zunutze machen kann, bevor wieder Militaristen, Terroristen oder Bauernfänger von rechts oder links zum Zuge kommen.
BERLIN ANDREAS MIETZSCH DIPL.-BIOLOGE
Wie bei dem dressierten Hund, bei dem der Sabber läuft, wenn nur ein Klingelton ertönt, so reagieren Politiker mit unsäglichen Sprechblasen auf die Vorfälle in der Münchner U-Bahn. Jawohl, ich bin für Erziehungscamps. Ein Großteil der Plätze müsste dort für solche Populisten wie Herrn Koch reserviert werden, um Anstand, Sitte, Ehrlichkeit, Selbstkritik zu lernen.
BÖBLINGEN (BAD.-WÜRTT.) DR. MICHAEL HERING
Bei den Zahlen über Gewalttaten männlicher Jugendlicher wird nicht berücksichtigt, dass diese nur die dokumentierte Spitze eines Eisbergs darstellen. Es kommen wöchentlich noch Tausende nicht angezeigte Übergriffe dazu, die zum Glück nicht mit Verletzungen geendet haben, Zehntausende Bedrohungen, die nicht nachweisbar sind, und ein millionenfaches mulmiges Gefühl, das Normalbürger im öffentlichen Raum beschleicht. Vor allem ältere Personen fürchten sich davor, ihre Wohnung verlassen zu müssen. Kinder fürchten sich vor dem Schulweg und vor der Pause in der Schule.
WIEN MANFRED KÖPPL
Als »Gastarbeiter«-Kind, welches das »Erziehungsdrama« überforderter Eltern (prügelnder Vater, aufopfernde Mutter) miterlebt hat, vermisse ich in Ihrem Bericht die Beschreibung der wahren sozialpolitischen Ursachen für den Zustand der Jugend mit Migrationshintergrund. Wegen der oft archaischen Familienstrukturen suchen die jungen Leute Halt und Anerkennung in der Gesellschaft - diese ist jedoch immer abweisender. Die Folge ist ein spiralartiger Abstieg in den soziokulturellen Abgrund. Trotz allem gilt: Verbrecher müssen empfindlich bestraft werden - auch wenn es Heranwachsende sind. Die Verbesserung der Missstände kann jedoch nur durch die Beseitigung der wahren Ursachen erfolgen.
BRUCHSAL (BAD.-WÜRTT.) BRANKO TRALJIc
Ein Junge kommt nicht zur Welt und schlägt in der U-Bahn Leute zusammen. Wer nicht wegsieht, hätte die Entwicklung erkennen können. Seit acht Jahren ist bekannt, dass Jungen, insbesondere Migrantenjungen, die größten Bildungsverlierer in Deutschland sind. Trotzdem werden Jungen aus Fördermaßnahmen wie dem Zukunftstag ausgeschlossen. Migrantenjungen wurden von der ersten Studie im Jahr 2004 bis zum fertigen Integrationsplan 2007 von allen Parteien gezielt und bewusst aus der geschlechtersensiblen Integrationspolitik ausgegrenzt. Und jetzt benutzt die CDU die Gewalttat eines Migrantenjungen, um die rechte Wählerschaft mit dumpfen Klischees und Strafrechtsverschärfung zu ködern.
KRONAU (BAD.-WÜRTT.) BRUNO KÖHLER MANNDAT - GESCHLECHTERPOLIT. INITIATIVE E.V.
Junge Männer sind die gefährlichste Spezies dieser Welt. Umso wichtiger ist es, diese entsprechend aufzuziehen. Familien versagen hierbei immer öfter, aus den unterschiedlichsten Gründen. Der Staat zieht sich, wo er kann, aus der Verantwortung. Als Erstes wird im Jugendsektor gespart. Solange die Politik diesem Ansatz huldigt, darf sie sich nicht wundern, wenn komplette Viertel ihrer Kontrolle entgleiten. Wer diese Männer nicht als Kinder formt, hat später nichts mehr zu lachen.
BERLIN CHRISTOPH HENSEL
Der Artikel ignoriert mehr als nur fahrlässig dieselben Probleme, die die westdeutschen Nachbarn beschäftigen, und zwar heftigst: Frankreich, Großbritannien, Belgien, die Niederlande - überall gescheiterte Integration und Jugendgewalt, und natürlich sind perspektivlose junge Männer die Ersten, die Radau machen. Das wäre hier der analytisch sinnvolle Vergleich gewesen. Stattdessen suggeriert diese enorm oberflächlich gestrickte Titelgeschichte, dass junge, perspektivlose Palästinenser, die gegen eine seit 40 Jahren währende Besetzung ihres Landes aufbegehren, oder zwangsrekrutierte
afrikanische Kindersoldaten Parallelen zu diesem doch sehr deutschen Problem darstellen - das ist natürlich hanebüchen.
BRÜSSEL NADIM KARKUTLI
Es ist wahr, dass es das Problem mit unbeschäftigten, zornigen jungen Männern schon immer gab. Als Leiter von Steinkohlenbergwerken im Ruhrgebiet hatten wir damals die Möglichkeit, schwierige Jugendliche ohne Schulabschluss als Bergjungarbeiter auch außerhalb der vorgeschriebenen Lehre, zu der sie keinen Zugang hatten, für eine Untertagetätigkeit auszubilden. Die waren dann wegen ihres höheren Testosteron-Gehalts oft aktivere Mitarbeiter als ihre gebildeten Kollegen.
MÜNCHEN DR. FRANK LESCHHORN
Gewalttätige Jugendliche sollen also mit Boxtraining zur Räson gebracht werden? Warum nicht gleich Schießtraining? Wie kann ein völlig Fachfremder, ehemaliger Verbrecher und Junkie, 137,12 Euro pro Tag für ein Konzept erhalten, das bisher weder wissenschaftlich belegt, geschweige denn statistisch hinterfragt wurde? Nach welchen Theorien der sozialen Arbeit oder nach welchen Standards gleich welcher Wissenschaft wird dort gearbeitet? Ich komme aus exakt diesem Bereich der sozialen Arbeit und vermisse in diesen Camps in erster Linie die schulische Ausbildung sowie die Vorbereitung auf einen Beruf. Was nützt das beste Boxcamp, wenn die Jugendlichen nicht auf die wirklich relevanten Dinge, nämlich Schule und Ausbildung, vorbereitet werden?
BERLIN MITJA MEIßNER
Die These der »Migration der Gewalt« ist eine hanebüchene Annahme, die jeglicher Grundlage entbehrt. Gewalt ist ohne Heimat und ohne Herkunft, diese Gewalt hat eventuell im einen oder anderen Fall eine soziokulturelle Ursache, nur handelt es sich auch hier um ein Produkt der letzten Jahrzehnte fehlgeschlagener Integration und anhaltender Ausgrenzung junger Menschen.
HAMBURG OLIVER TREDE
Ist es nicht ein Naturgesetz, das überall zu beobachten ist? Je mehr soziale Ungerechtigkeit und Perspektivlosigkeit herrscht, desto mehr Gewalt und Kriminalität entsteht. Es gibt viel zu tun bezüglich sozialer Gerechtigkeit und Integration von Migranten. Aber wer sich darauf einlässt, erlebt dies als sehr große wechselseitige Bereicherung.
WÜRZBURG STEFAN SCHRANNER