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• aus DER SPIEGEL 1/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Verrückt nach Mary

Dienstag, 20.15 Uhr, RTL

Zum Jahreswechsel soll's schon ein Programm-Feuerwerk sein: Das ZDF will mit Dieter Wedels Sechsteiler »Die Affäre Semmeling« (siehe Seite 82) funkeln, Arte lässt mal wieder den »Blauen Engel« schillern, und RTL böllert mit einem in Hollywood eingekauften Kino-Knüller des Jahres 1998: In der charmant überdrehten Komödie der Regie-Brüder Peter und Bobby Farrelly ist Ben Stiller auch Jahre nach seinem peinlichsten High-School-Date noch verrückt nach Mary (Cameron Diaz). Über den grandios schlechten Geschmack des Films, der in einer längst legendären Sperma-Haargel-Szene gipfelt, lässt sich streiten - ein Ablach-Donnerschlag ist er allemal.

Liebe, Lügen, Leidenschaften

Donnerstag, Freitag, Samstag, jeweils 20.15 Uhr, ARD

Strapse, Büstenhalter, String-Tangas und Negligés - bei »Aphrodite« dreht sich alles nur um Damenwäsche. Das Edel-Label gehört dem Wiener Clan der Steiningers. Familienoberhaupt Franz (Maximilian Schell) hat sein ganzes Leben dem Konzern gewidmet. Als er erfährt, dass er bald sterben wird, steigt er Hals über Kopf - und ausgerechnet am Tag des Firmenjubiläums - mit seiner Geliebten (Barbara Sukowa) in den Flieger nach Capri. Zurück bleiben die vernachlässigte Ehefrau, die führungslose »Aphrodite« und eine finstere Intrige: Der Amerikaner Robert Fox (Philipp Brenninkmeyer) von der Billigwäschekette »F&F« will »Aphrodite« ruinieren. Mit Hilfe des Luders Karin (Julia Thurnau), die als Assistentin der Geschäftsleitung alle zehn Filmminuten mit einem anderen Mann in die Wäschekiste hüpft, kommt er seinem Ziel bedrohlich nahe. Der Regisseur Marco Serafini macht aus der Vorlage der Drehbuchautorin Christiane Sadlo dreimal 90 Minuten wüste Seifenoper - und lässt Stars wie Barbara Sukowa und den Oscar-gekrönten Maximilian Schell einen großen Haufen schmutzige Wäsche waschen.

Gotteszell

Donnerstag, 23.00 Uhr, ARD

Mauern, Gitter, Türen und Schlösser prägen den Alltag im Frauengefängnis Gotteszell. Die Dokumentarfilmerin Helga Reidemeister hat mehr als ein halbes Jahr dort gedreht. Sie zeigt ein Bild des Gefängnisalltags, das mit der Fiktion der RTL-Knastreihe »Hinter Gittern« nichts gemein hat. Einfühlsam porträtiert Reidemeister die Vollzugsbeamtinnen und sechs Gefangene: Sie lässt die Frauen ausgiebig über sich und ihr Leben in Gefangenschaft sprechen; erst spät erfährt der Zuschauer, welche Straftaten sie begangen haben. Zum Beispiel Petra, die wegen Mordes an ihrem Ehemann zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. »Meine Tat wird mich immer begleiten«, sagt sie, während die Kamera ihre Hand zeigt, an der immer noch der Ehering steckt.

Faust I und II

Samstag, Sonntag,

jeweils 20.15 Uhr, 3sat

Habe nun, ächz, 12 000 getreulich aufgesagte Goethe-Verse am eigenen Leib erlitten: Deutschlands Theaterkritiker fanden für Peter Steins »Faust«-Marathon, das zentrale Kulturspektakel der Expo 2000 in Hannover, kaum ein gutes Wort, doch das Publikum bejubelte auch die späteren »Faust«-Aufführungsserien in Berlin und Wien. Für ihre 13-stündige Fernsehadaption bekamen die Regisseure Peter Schönhofer und Thomas Grimm den diesjährigen Bayerischen Fernsehpreis. Das Werk, das wohl jedem Vers einen neuen Schnitt widmet, erinnert bisweilen eher an einen Videoclip denn an ein Theaterstück. Wie spricht Gretchen in dieser Reise »vom Himmel durch die Welt zur Hölle« am Spinnrad? »Mein armer Kopf ist mir verrückt / mein armer Sinn ist mir zerstückt.«

Tatort: Schrott und Totschlag

Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Eine Sechsjährige hat Magenschmerzen, der Freund ihrer Mutter massiert ihr den kranken Bauch - und für

den Zuschauer wird die scheinbar harmlose Szene zur Qual. Denn er weiß: Dieser Mann (René Hofschneider) geilt sich an kleinen Mädchen auf. Die ungewohnte Nähe des Kindes setzt unterdrückte sexuelle Phantasien in ihm frei; er rast planlos durch die Nacht, fährt dabei ein Mädchen auf einem Fahrrad an und versucht es zu vergewaltigen. Die Kleine kann entkommen. Als sie ihren Peiniger am nächsten Morgen jedoch zufällig im Bus trifft, springt sie vor Angst von einer Brücke in den Rhein und ertrinkt. Weil der Kinderschänder fürchtet, die Blutspuren an seinem Auto könnten ihn verraten, überredet er einen Schrotthändler, den Wagen illegal zu entsorgen. Das Drehbuch von Dorothee Schön war bereits fertig, als im Februar 2001 im brandenburgischen Eberswalde die zwölfjährige Ulrike von einem inzwischen verurteilten Täter mit dem Auto angefahren, entführt, vergewaltigt und ermordet wurde. Trotz der erschreckenden Parallelen hat der SWR an diesem »Tatort« mit Ulrike Folkerts als Kommissarin Lena Odenthal festgehalten - mit beklemmendem Resultat: Der Fernsehfilm des Regisseurs Jürgen Bretzinger ist die ebenso eindringliche wie erschütternde, niemals voyeuristische Studie eines Kindesmissbrauchs und seiner Folgen.

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