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• aus DER SPIEGEL 46/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Verbotene Küsse Montag, 20.15 Uhr, ZDF

Zu den Attraktionen des niedersächsischen Heidekaffs Soltau zählt neben einem Freizeitpark auch ein Apartment, in dem zwei adrette Mädchen anschaffen. Küssen wollen Martina (Natalia Wörner) und Tami (Fiona Coors) ihre Kunden nicht, das widerspricht ihrer Hurenehre, aber sonst sind sie gegen entsprechende Bezahlung für Extratouren durchaus zu haben. Es weihnachtet sehr, Martina besorgt einen Christbaum, Tami wünscht sich ein neues Leben und wird zwei Filmminuten später ermordet. Der Täter entkommt; Hurenkollegin Martina schwört Rache. Mit Hilfe eines Stammkunden (Ralph Herforth) gelingt ihr der Ausstieg aus der Prostitution und der Einstieg bei der Polizei, genauer: bei der Sitte. Die Edelkitsch-Räuberpistole, die nun folgt, mischt unverdrossen Asylanten- und Schlepperdrama, Liebesschnulze, sexuelle Obsession und Martinas Mörderjagd. Das ganze Durcheinander, wenngleich vollkommen unglaubwürdig, ist streckenweise durchaus unterhaltsam. Doch Regisseur Johannes Fabrick verrät einen fatalen Hang zu schwerer Filmkunst: Hauptdarstellerin Wörner blickt bleich auf das Geschehen, ein Verdächtiger (Vadim Glowna) muss trübsinnig vor sich hin philosophieren, und Herforth nuschelt Sätze wie: »Manchmal ist es gut, wenn das Vergangene ruhen darf.« Das sieht der Zuschauer am Ende der »Verbotenen Küsse« wohl genauso.

Jonathans Liebe Dienstag, 20.15 Uhr, Sat.1

Das kommt dabei heraus, wenn Sat.1 einen total sensiblen Fernsehfilm über einen Rollstuhlfahrer in Auftrag gibt: »Jonathan ist körperbehindert und führt ein zurückgezogenes Leben«, barmt der Pressetext, »nur die Liebe zu Nina könnte ihn aus seiner Isolation befreien.« Natürlich ist Jonathan (Benjamin Sadler) attraktiv, reich, ehrlich und einfühlsam - zumindest Letzteres kann man von Regisseur Zoltan Spirandelli nicht behaupten: Statt mit alten Klischees über Behinderte aufzuräumen, setzt er neue in die Welt.

David gegen Goliath - Der Aufstand gegen die Globalisierung Freitag, 22.00 Uhr, Arte

Als der französische Alternativbauer José Bové 1999 mit seinem Traktor eine in Bau befindliche McDonald's-Filiale verwüstete und anschließend in Handschellen abgeführt wurde, hatte der Kampf gegen die Globalisierung plötzlich ein Gesicht bekommen - und viele neue Anhänger, die nur noch mit schlechtem Gewissen ihre Hamburger mampfen mochten. Doch spätestens nach den Krawallen beim G-8-Gipfel im Juli in Genua änderte sich die Stimmung: Globalisierungskritiker wurden nun mitunter pauschal als ein Haufen von Gewalttätern, Spinnern und Träumern dargestellt; Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi verglich sie sogar mit Terroristen. Um einen objektiven Blick bemüht sich jetzt die Dokumentation von Martin Keßler. Neben einigen international führenden Köpfen der Globalisierungsgegner wie Bové kommen auch indische Tagelöhner, Stahlarbeiter in Cleveland (Ohio) und Kölner Straßenreiniger zu Wort. So zeigen vor Keßlers Kamera indische Bauern ihre Operationsnarben - wegen sinkender Baumwollpreise hat so mancher von ihnen eine Niere verkauft. Es sei höchste Zeit, nicht die Aufständischen zu bekämpfen, sondern die Ursachen des Aufstands - so lautet das Fazit dieses Films. Er mag einseitig sein; eindringlich ist er allemal.

Tatort: Hasard! Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Die Erleichterung war groß, als die singenden Hamburger »Tatort«-Kommissare Stoever und Brockmöller alias Manfred Krug und Charles Brauer im Januar ihr Abschiedsständchen trällerten. Doch nach den Auftritten ihres vermufften Nachfolgers Jan Casstorff (Robert Atzorn) wünscht man sich frei nach Freddy Quinn: Jungs, kommt bald wieder! Dass Krug und Brauer inzwischen sogar mit blonder Damenperücke für die Telekom werben, spricht nicht gegen sie - auch Casstorff muss sich bei seinem zweiten Fall in die Niederungen der New Economy begeben: Der Chef einer Software-Firma ist ermordet worden. Die Rache eines geprellten Kleinanlegers? Der Plan eines ehrgeizigen Geschäftspartners? Oder war's am Ende doch die betrogene Ehefrau? Wie auch immer: Casstorff lamentiert über »unsere durch und durch geldgeile Gesellschaft« und guckt auch sonst schwer betroffen aus der Wäsche, zumal sein halbwüchsiger Sohn sich arg vernachlässigt fühlt. So geht es dem Zuschauer übrigens auch: Zu selbstverliebt in seine Bilder, doch ohne erkennbares Interesse an Figuren und Dramaturgie, nervt Regisseur und Autor Thomas Bohn mit Stakkato-Schnitten, Schwarzweiß-Rückblenden und uralten Hamburg-Klischees. Kleiner Tipp für die Motivsuche: Imbissbuden gibt es nicht nur am Hafen.

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