Vorwärts in die Vergangenheit - DER SPIEGEL
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GROSSBRITANNIEN Vorwärts in die Vergangenheit

Die Konservativen haben ihren faden Parteichef abgesetzt. Der wahrscheinliche Nachfolger Michael Howard wird die Tories kaum beleben können.
• aus DER SPIEGEL 45/2003
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Als Michael Howard, 62, am vorigen Donnerstag schließlich seine Kandidatur für den Vorsitz der Conservative Party offiziell bekannt gab, tat er dies mit dem ihm eigenen süffisanten Lächeln. Der ehemalige Strafverteidiger, der bei den Buchmachern als haushoher Favorit für den vakanten Posten des Oppositionsführers notiert wird, erklärte: »Wir müssen nach vorn blicken, nicht zurück.«

Wohl wahr: Nur gut zwei Jahre hatte der farblose Ex-Offizier und frühere Rüstungsmanager Iain Duncan Smith, 49, die Partei angeführt. Am Mittwoch vergangener Woche sprachen ihm lediglich 75 Abgeordnete bei 90 Gegenstimmen ihr Vertrauen aus, und nun stehen die Tories in der Ära Blair schon zum dritten Mal ohne Chef da. Premier John Major war am 2. Mai 1997 nach einer demütigenden Wahlniederlage abgetreten. Sein Nachfolger als Parteivorsitzender, William Hague, gab wegen des erneuten Triumphs der Labour Party im Juni 2001 auf.

Duncan Smith bekam, wie ein verbitterter Anhänger feststellte, »nicht einmal die Chance, aufs Tor zu schießen«. Aus gutem Grund, denn selbst ihm anfangs gewogene Parteifreunde mussten erkennen, dass der Mann, der »so charismatisch wie eine leere Zigarettenschachtel« wirkt, wie ein Ex-Kollege lästerte, das Ziel des Machtwechsels klar verfehlen würde.

Obwohl Blair wegen des Irak-Kriegs und manch anderer Misserfolge an Zuspruch deutlich eingebüßt hat, können die Konservativen in der Wählergunst kaum zulegen. Die älteste politische Partei der Welt, deren Anfänge auf das 17. Jahrhundert zurückgehen, dümpelt in den Umfragen beständig bei gut 30 Prozent. Mittlerweile sind die Liberaldemokraten den Konservativen dicht auf den Fersen und könnten sie bei den nächsten Unterhauswahlen im Oktober 2005 als stärkste Oppositionspartei ablösen.

Mit Howard hätten die Tories zwar einen erfahrenen Profi und guten Redner an der Spitze, doch sie würden ihre Zukunft einem Mann mit Vergangenheit in die Hände legen. Der Jurist, der standesgemäß in Cambridge studiert hat, diente schon Ende der achtziger Jahre unter Margret Thatcher als Staatsminister für Umwelt. Von 1993 bis 1997 war er Innenminister in John Majors unbeliebter Regierung und profilierte sich mit populistischen Kampagnen gegen Kriminelle und Asylbewerber. Haften blieben Sprüche wie: »Die Ursache von Verbrechen sind Verbrecher.«

Tony Blair und seine Labour Party hätten leichtes Spiel, Howard als Exponenten der korrupten, herzlosen Tories der neunziger Jahre zu geißeln. Deren Rückkehr ist für die meisten Briten ein äußerst unattraktives Szenario.

Doch einerlei, wen die Tories küren - der Neue hat es mit einer Anhängerschaft zu tun, die desolat wirkt und demoralisiert ist. Anfang der fünfziger Jahre hatten die Konservativen noch knapp drei Millionen Mitglieder. Heute sind es weniger als 300 000.

Mittlerweile können Kandidaten jener Partei, die sich im 20. Jahrhundert als na-

türliche Regierungspartei etablierte und so bedeutende Politiker wie Benjamin Disraeli, Winston Churchill und Margret Thatcher hervorbrachte, nur noch in ihren Hochburgen im Süden der Insel ernsthaft auf Mandate hoffen. In Schottland, Wales und im Norden Englands sind die Tories zu einer Randerscheinung verkümmert.

Auf ihren Parteitagen dominiert verlässlich die »blue-rinse brigade« das Bild, Damen mit bläulich getönten Haaren, die Maggie Thatcher vergöttern und »Merry Old England« repräsentieren, nicht aber das moderne Großbritannien. In der Unterhausfraktion finden sich unter 165 Abgeordneten lediglich 16 Frauen und kein einziger Schwarzer oder Brite asiatischer Abstammung.

Zudem gelang es den Tories nicht, sich gegen den stets auf die Mitte zielenden Tony Blair mit inhaltlichen Alternativen zu profilieren. Ihre derzeitigen Forderungen nach Abschaffung der Studiengebühren und Erhöhung der Renten bei gleichzeitigen Steuersenkungen erscheinen den meisten Briten als unseriöse Milchmädchenrechnung.

Bis die Bewerbungsfrist am Donnerstag dieser Woche ausgelaufen ist, bleibt offen, ob neben Howard noch andere Kandidaten ihren Hut in den Ring werfen. Gibt es mehrere, muss nach den Parteiregularien die Unterhausfraktion so lange wählen, bis noch zwei übrig sind. Dann entscheiden alle Mitglieder in einer Urabstimmung - die ganze Prozedur kann mehr als drei Monate dauern.

Zwar könnte die Partei sich diesmal einen peinlichen internen Wahlkampf ersparen, da bereits etliche Aspiranten um eines geschlossenen Erscheinungsbildes willen verzichtet haben. Doch seit die Tories bei der letzten Urwahl mit Duncan Smith einen hoffnungslosen Außenseiter auf den Schild hoben, ist ihnen jede Überraschung zuzutrauen. MICHAEL SONTHEIMER

* Links: bei der Einweihung des Euro-Tunnels 1994; rechts: nachder Abwahl am vergangenen Mittwoch (neben seiner Frau Betsy).

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