AFFÄREN Vorwürfe an den Übervater
Die Stimmung war prächtig, spät abends im Weinzelt auf der Münchner Wiesn. Max Josef Strauß, 43, feierte vergangenen Donnerstag mit Ehefrau und Freunden bei edlen Tropfen und guter Brotzeit. Dass die Augsburger Staatsanwaltschaft erst wenige Stunden zuvor Anklage wegen Steuerhinterziehung gegen ihn erhoben hatte, schien den ältesten Sohn des 1988 verstorbenen bayerischen Ministerpräsidenten nicht zu kratzen. »Mir ist das nicht unrecht, dann kommt der Spuk endlich aus der Welt«, tönte Strauß.
Der Spuk dauert immerhin schon sieben Jahre. So lange ermittelte die Justiz in der so genannten Schreiber-Affäre. Max Strauß lasten die Fahnder an, er habe für den Verkauf von Airbus-Flugzeugen an Kanada und Thailand sowie für einen Panzer-Deal mit Saudi-Arabien von dem Lobbyisten Karlheinz Schreiber Provisionen in Höhe von 5,2 Millionen Mark (2,6 Millionen Euro) bekommen und nicht versteuert.
Nun, da die Anklage - bezeichnenderweise vier Tage nach der Bundestagswahl erhoben - in der Welt ist, könnte ein Konflikt offen ausbrechen, der lange unter der Decke gehalten wurde: Strauß-Clan gegen CSU.
Schreibers Millionen-Provisionen flossen nämlich auf ein Schweizer Konto, das von 1988 bis 1990 den Decknamen »Master« trug und danach in »Maxwell« umbenannt wurde. Die Staatsanwaltschaft schreibt in ihrer Anklage, hinter »Maxwell« verberge sich Max Strauß; »Master« steht nach Erkenntnis der Ermittler für dessen Vater, den langjährigen CSU-Chef Franz Josef Strauß. Genau auf diese »Maxwell«-Version hat sich pikanterweise auch die CSU festgelegt.
Verknüpft man die Aussage der CSU mit der Logik der Staatsanwaltschaft, so lässt sich folgern: Die Partei hält die Vermutung, auch für ihren einstigen Übervater sei während seiner Zeit als Ministerpräsident ein geheimes Provisionskonto eingerichtet worden, keineswegs für abwegig.
Gezwungen zu dieser Festlegung wurde die CSU durch die Aussage Schreibers vor dem Spenden-Untersuchungsausschuss des Bundestags. Dort hatte der nach Toronto geflohene Lobbyist im Mai plötzlich die Geschichte aufgebracht, das »Maxwell«-Geld sei ein Geheimfonds für die Partei gewesen - schwarze Kassen also à la CDU. Gewusst hätten dies Strauß senior und dessen Vertrauter Franz Josef Dannecker, Spitzname »Maxwell«. Gewusst habe davon aber auch der heutige Ministerpräsident Edmund Stoiber.
Derart in Verdacht geraten, schlugen die Christsozialen zurück - und zwar auf Kosten der Familie Strauß -, zumal Schreiber Beweise für die illegale Kriegskasse schuldig blieb. Im Schlussbericht zum Schreiber-Untersuchungsausschuss des Bayerischen Landtags, der mittlerweile vorliegt, schieben die CSU-Abgeordneten ihrem Parteifreund Max Strauß das Konto mit den 5,2 Millionen Mark zu.
Schreibers Anschuldigungen widersprächen den »eindeutigen Ermittlungsergebnissen der Augsburger Staatsanwaltschaft«, argumentieren die CSU-Parlamentarier. Die Ermittler rechneten »Maxwell« schließlich Max Strauß zu. Und auch die CSU-Zentrale beteuert: »,Maxwell'' ist kein Konto der CSU.«
Die Strauß-Geschwister - Max Josef, Franz Georg und CSU-Vize Monika Hohlmeier - lassen hingegen nichts unversucht, um Schreibers Vorwurf gegen die Partei zu
stützen. Franz Georg Strauß hatte Schreiber Mitte August besucht und um Dokumente gebeten. Schreiber solle endlich die Namen derer nennen, die das Geld für den Fonds angewiesen hätten, forderte auch Max Strauß'' Anwalt Wolfgang Dingfelder.
Vergebens. Schreiber weigerte sich, Unterlagen herauszurücken, und behauptet weiterhin lediglich: »,Maxwell'' ist jedenfalls nicht Max Strauß.« Dass es sich bei »Master« allerdings um ein Synonym für dessen Vater Franz Josef Strauß handele, hatte Schreiber schon häufiger gesagt.
Statt belegbare Fakten vorzutragen, bevorzugt es der Ex-CSU-Spezl weiterhin, Drohungen gegen Stoiber zu richten. Der werde es, so Schreiber, noch bereuen, wenn eines Tages die ganze Wahrheit ans Licht komme. Via Internet ließ Schreiber die Welt vorvergangene Woche wissen, Max Strauß sei der »Gefangene in der Tradition seiner Familie, vor allem wegen seines Wissens um viele Vorgänge innerhalb der CSU und um Edmund Stoiber«.
All diese nebulösen Sätze aus Kanada trüben jedoch mittlerweile auch das Verhältnis des Strauß-Clans zum früheren Familienfreund Schreiber. Franz Georg Strauß beteuert, langes Aktenstudium habe ihn zu dem Schluss gebracht, dass zumindest bis 1997 kein Geld von »Maxwell« abgeflossen sei: »Tatsache ist, von diesem Konto hat keiner was gekriegt.« Auch Max Strauß bestreitet, von Schreiber Geld erhalten zu haben. Stattdessen, behauptet Bruder Franz Georg, sei man inzwischen »sehr weit im Nachweis dessen, dass Schreiber das Geld wohl größtenteils für sich selbst verwendet hat«.
Diese Version wäre auch der CSU am liebsten. Doch viele in der Partei sorgen sich, Max Strauß könnte, wenn ihm im nächsten Frühjahr vor dem Augsburger Landgericht der Prozess gemacht werde, zu seiner eigenen Rettung doch noch peinliche Details über die frühere Geldbeschaffung der Christsozialen preisgeben. Bevor der Lebemann Max sein Dasein in einer Gefängniszelle friste, glauben die Strauß-nahen CSUler, packe er lieber aus. CONNY NEUMANN
* Links: vor der Kathedrale in Mexiko-Stadt; rechts: mitMinisterpräsident Edmund Stoiber und Bayerns Innenminister GüntherBeckstein am 8. Oktober 1999 beim Parteitag in Nürnberg.