Waffen oder Weizen - DER SPIEGEL
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ASIEN / ENTWICKLUNGSHILFE Waffen oder Weizen

• aus DER SPIEGEL 38/1965
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bis zu zehn Milliarden Mark zahlten westliche Industriestaaten bisher jährlich an Indien und Pakistan. Die Bundesrepublik fütterte die beiden Kampfhähne sogar mit 28 Prozent ihrer gesamten Auslandshilfe. Vergangene Woche diskutierten die Gläubigernationen über den Vorschlag.' jegliche Hilfe einzustellen, solange die Schuldner aufeinander schießen.

Für Pakistan hatten die USA bereits 'vorher die Kredittasche zugeknöpft. Wegen der Annäherung Ajub Khans an Rotchina torpedierten sie die Tagung des Pakistan-Konsortiums der Weltbank, auf der am 27. Juli weitere Zahlungen bewilligt werden sollten. Präsident Johnsons offizielle Ausrede: Der Kongreß habe das Auslandshilfegesetz noch nicht verabschiedet.

Staatspräsident Ajub erwartete von dein Neun-Länder-Konsortium eine neue Kreditzuteilung in Höhe von zwei Milliarden 'Mark und konnte seinen Gläubigern Erfolge vorweisen: Pakistans Volkseinkommen stieg während der letzten Jahre um jeweils fünf Prozent (Indien: 2,7 Prozent). Während in Indien das Preisniveau binnen Jahresfrist um 20 Prozent hochschnellte, blieb es unter Ajub Khan konstant. Pakistans Agrarerzeugung wuchs um 3,5 Prozent, die der Inder nur um zwei Prozent.

Kein anderes Entwicklungsland kann bei der Weltbank mit Pakistans Erfolgszahlen konkurrieren. Kanada und die Bundesrepublik erhoben deshalb gegen den amerikanischen Kreditstopp Protest. Auch alle übrigen Mitglieder des Konsortiums boten den Pakistani an, ihren Kreditzuschuß zu erhöhen. Italien und Frankreich verdoppelten ihre Zusage.

Anhaltende Kämpfe würden die Volkswirtschaften beider Länder heillos zerrütten und den spärlichen Fluß privaten Kapitals nach den beiden größten Hungernationen der Welt versiegen lassen. Beide leben von der Weizen-Gnade des, Westens und können sich den Luxus, Krieg zu führen; nicht leisten.

Ein pakistanischer Arbeiter verdient pro Tag 90 Pfennig, ein Inder sogar nur 50 Pfennig. 81 Prozent der Bevölkerung Pakistans und 72 Prozent der Inder sind Analphabeten; je 7000 Einwohner beider Länder betreut nur ein Arzt. Besonders in Indien werden Millionen nicht satt, Zehntausende verhungern.

Am Ende ihres ersten Fünfjahrplanes fehlte den Indern 1956 eine Million Tonnen Getreide. 1961 waren es bereits vier Millionen. Heute brauchten sie 20 Millionen Tonnen mehr, wenn sie alle 480 Millionen Inder halbwegs menschenwürdig- ernähren wollten.

»Zwei Drittel der Bevölkerung«, so konstatierte der Uno-Kommissar für Ernährung, Cedric Day, »leben unter dem Existenzminimum, und sind chronisch unterernährt.« Deutschlands Ernährungsspezialist für} Entwicklungsländer, der Kieler Professor Baade, glaubt, die westliche Welt müsse ihre Nahrungshilfe verdoppeln, wenn nicht Millionen Inder verhungern sollen.

Getreide im Ausland zu kaufen - nach dem Beispiel Chinas und der Sowjet-Union-, ist Indien unmöglich. Es hat weder Gold noch Devisen. Ein Jahr nach der Unabhängigkeit, 1948, besaß Indien noch ein Gold- und Devisenpolster von 7,7 Milliarden Mark. Heute ist es auf ein Hundertstel davon geschmolzen.

Um das Zahlungsbilanzdefizit zu verringern, belegte Indiens Finanzminister Krishnamachari die Importe mit hohen Zöllen, kürzte die Kontingente und verbot die Einfuhr von mehr als 60 Industrie-Artikeln. Da viele Fabriken komplett vom Ausland geliefert wurden, stehen jeweils ganze Werke still, wenn Ersatzteile fehlen.

Nach den USA ist Westdeutschland größter Entwicklungshelfer sowohl in Indien als auch in Pakistan. Allein für das Stahlkombinat Rourkela, das jetzt in, der Reichweite ostpakistanischer Starfighter liegt, leistete Bonn 1,6 Milliarden Mark Kapitalhilfe. Mit insgesamt 2,9 Milliarden Mark Kapital- und 93 Millionen Mark technischer Hilfe (Lehrwerkstätten, technische Hochschulen und landwirtschaftliche Beratungsstellen) ist Indien der größte Empfänger westdeutscher Entwicklungshilfe.

Pakistan rangiert an zweiter Stelle. Es erhielt mehr als eine Milliarde Mark für den Aufbau von Zementwerken, wie dem in Manghopir, Zuckerfabriken, einer Schiffswerft und der Hochspannungsleitung von Multan nach Lyallpur. Technische Hilfe wurde den Pakistani in Höhe von 27 Millionen Mark zuteil.

Während in Washington der demokratische Fraktionssprecher Michael Joseph Mansfield bereits einen Stopp jeglicher Hilfe für den Fall vorschlug, daß der Friedensappell Generalsekretär U Thants in Neu-Delhi und Rawalpindi nicht sofort befolgt werde, reagierte die Bundesregierung abwartend. Bonn hatte noch kurz vor Ausbruch der Kämpfe den Weltbankpräsidenten Woods inoffiziell bitten lassen, mäßigend auf die asiatischen Artisten der Gewaltlosigkeit einzuwirken.

Bundesentwicklungsminister Walter Scheel will auf keinen Fall direkte zweiseitige Gespräche mit den Indern und Pakistahi führen, sondern allenfalls eine gemeinsame Aktion der Weltbank -Mitglieder unterstützen.

In Bonn wäre man schon froh, wenn die beiden Zahlungsempfänger -Nationen sich bereit fänden, nicht gerade jene Projekte zu bombardieren, die mit deutscher Hilfe errichtet worden sind. Scheels Ministerialdirektor Sonnenhol: Wenn die schon Krieg führen müssen, dann sollen sie wenigstens das nicht kaputtmachen, was wir mit Mühe aufgebaut haben.«

Slums in Kalkutta: Unterernährt in den Krieg

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