Kraft seiner Ausstrahlung genießt Papst Johannes Paul II. Respekt in einer breiten Öffentlichkeit.
Man kann nicht beurteilen, ob er an den »millionenfachen Mord« an ungeborenem Leben tatsächlich glaubt oder nur dogmatisch daran festhält. Hohe Kirchenleute wie der Erzbischof von New York, Kardinal O'Connor, sind überzeugt, dem Papst sei dieses Verdikt in Fleisch und Blut übergegangen.
Man brauchte diesen Papst nicht bekritteln, müßte noch nicht einmal die Geschichte seiner Kirche bemühen. Der hat es schon in der Vergangenheit nichts ausgemacht, unzählige, nach heutigen Begriffen unschuldige Ketzer qualvoll zu Tode zu bringen.
Davon müßte der Papst wissen, und er weiß es ganz gewiß. Aber seine Haltung zeigt keinerlei Einsicht: Verbohrt vertritt er angesichts der Bevölkerungsexplosion eine Sexuallehre, wie sie weder in den modernen Industriestaaten noch in den Ländern Afrikas sowie Mittel- und Südamerikas befolgt werden kann, auch nicht befolgt werden dürfte.
Die Ignoranz des »Heiligen Vaters« in Fragen der Geburtenkontrolle ist für die gesamte Weltzivilisation eine echte Herausforderung. Es geht dabei nicht nur um seine Unnachsichtigkeit bei der Abtreibung ungeborenen Lebens, die in den verschiedenen Ländern auf unterschiedliche Weise geregelt ist. Es geht vor allem auch um seine uneinsichtigen Forderungen zu den verschiedenen Verhütungsmethoden, zum Beispiel dem Gebrauch von Kondomen, der - im Gegensatz zum Papst - von allen verantwortlichen Institutionen gefordert und gefördert wird.
Nicht nur angesichts der weltweit bekannten und zu befürchtenden rasanten Verbreitung des Aids-Virus ist die Anti-Verhütungskampagne des Papstes und seiner Kardinalskollegen eine wahre Katastrophe. Zwar kann die Kirche davon leben, den Leuten ein schlechtes Gewissen zu machen. Aber der Zeitpunkt ist absehbar, wo sie ihren Grundsätzen wieder einmal wird abschwören müssen.
Der Papst ist exterritorial in jeder Beziehung. Die Probleme modernen Regierens interessieren ihn nicht. Wohl hat er Berater. Aber was sollen sie einem Greis raten, der sich in seine Mission verbissen hat? Bis heute kommt es der Kirche weniger auf die lebenden Menschen an als auf die, die noch nicht geboren sind. Sonst hätte Papst Wojtyla dem chilenischen Schlächter Augusto Pinochet nicht zum 50jährigen Ehejubiläum höchstselbst gratuliert.
Die Kirche neigte immer dazu, die Waffen zu segnen, mit denen Christen Krieg führten, vor allem dann, wenn es gegen die sogenannten Ungläubigen ging.
Wie weit Kirchenleute auch noch in unserem Jahrhundert zu gehen bereit sind, zeigte sich in Deutschland Ende der fünfziger Jahre, als mit den jesuitischen Thesen hantiert wurde, selbst ein Atomkrieg müsse unter Umständen als ein Zeichen des göttlichen Gerechtigkeitswillens verstanden werden. Noch 1973, während der Kontroverse zwischen Kirche und Armee über die Atomwaffenversuche Frankreichs im Pazifik, machte Jesuiten-Kardinal Jean Danielou sich ausdrücklich für die Armee und deren »modernste Waffen« stark.
Mit dieser Art Gesinnung haben wir es zu tun, wenn der heutige Papst jede Möglichkeit der Verhütung ablehnt. Damit nimmt er in Kauf, daß Millionen geborener Kinder kläglich verhungern. Sie, da können wir sicher sein, empfinden Schmerz. Dieses Mal läßt die Papst-Kirche nicht töten, sie tötet selbst.
Die Haltung der deutschen Regierung in Verhütungsfragen hält der Papst für zu liberal, so sagt es jedenfalls Kardinal O'Connor. Da müßten aber neben den Deutschen noch etliche europäische Regierungen und die USA wegen ihrer Liberalität aufs Korn genommen werden.
Es geht ja beim Problem der Bevölkerungsexplosion derzeit nicht direkt um uns, aber indirekt und auf Dauer doch. Die Überbevölkerung des Planeten ist schon jetzt nicht mehr zu stoppen. Da kann nur ein ruchloser Optimist annehmen, daß ihre Auswirkungen in naher Zukunft nicht über uns und unsere Institutionen, den Vatikan eingeschlossen, hereinbrechen werden.