Polizei Was auf die Schnauze
Der Bonner Möbelkaufmann Bernd Caspari dachte, er sei »einem Wahnsinnigen in die Hände gefallen«. Der »Kerl« habe ihn verdroschen »wie ein Irrer«, gegen eine Hauswand geschleudert, ins Gesicht getreten und ihm dann noch die »Finger in die Augenhöhlen gedrückt«.
Der Dortmunder Lehrling Rolf Schäfer wähnte sich »einem Sadisten gegenüber«. Mit einem gezielten Fausthieb sei er zu Boden gestreckt und dann, als er flehend auf seine Krankheit -- Epilepsie -- aufmerksam gemacht hatte, auch noch verhöhnt worden: »Dir werden wir das Zittern schon noch beibringen.«
Der Bielefelder CDU-Stadtrat Hans Gaßmann fühlte sich, frühmorgens gegen drei Uhr, »einem Gangster hilflos ausgeliefert«. Gaßmann: »Der Typ riß mir den Arm herum, packte mich von hinten um den Hals, würgte mich und schleifte mich über den Bürgersteig.«
In allen drei Fällen, der jüngste trug sich am 29. September zu, waren es nicht Gangster oder Draculas, die ein derart zupackendes Wesen zeigten. Als Täter gaben die Mißhandelten vielmehr Polizisten an, gegen die jetzt wegen Körperverletzung im Amt ermittelt wird.
Die sogenannten Freunde und Helfer gehören zum 35 000 Mann starken Polizeikorps des Landes Nordrhein-Westfalen, das, wenn es nach dem obersten Dienstherrn, Innenminister Willi Weyer, ginge, »bei der Bevölkerung zur Zeit so beliebt ist wie noch nie«. Weyer tut gerne kund, die »unermüdliche Arbeit, der Beamten habe »erkennbare Früchte getragen«.
Die letzte Ernte freilich durfte kaum nach dem Geschmack des Ministers gewesen sein. Immer häufiger blieben, wenn Weyers Wachtmeister hinlangten, nach Darstellung Getroffener blutige Blessuren, eiergroße Beulen und Risse in Schädeldecken zurück. Die Polizisten zwischen Bonn und Bielefeld geraten zunehmend in Verruf.
In Bielefeld will der 25jährige kaufmännische Angestellte Frank Päpenmöller von zwei Beamten geohrfeigt, getreten und geschlagen worden sein, als ihm auf dem Revier eine Blutprobe entnommen wurde. Resultat der Sonderbehandlung: Prellungen und Schürfungen an der linken Schulter, aufgeplatzte Oberlippe, Hämatome an den Augen, geschwollene Nase. Päpenmöller wurde für eine Woche krank geschrieben.
In Bonn ist ein komplettes Revier ins Zwielicht geraten, seit ein Gerichtsreferendar und ein Photograph aussagten, von Beamten der Hauptwache Nord ("City-Wache") so traktiert worden zu sein, daß beide Kopfverletzungen erlitten -- der eine bei einer Verkehrskontrolle, der andere bei einer Promille-Prüfung.
In Dortmund hat die Staatsanwaltschaft ebenfalls ein ganzes Revier im Auge. Die Hüter der Hörder Wache des Dortmunder Schutzbereiches Süd werden beschuldigt, sie hätten, zuerst im Streifenwagen, dann auf der Wache, mindestens fünf feiertagslustige Burschen krankenhausreif geschlagen. Das Dortmunder Anwaltsbüro Güllemann und Mengel, das im Namen der Blessierten Anzeige gegen die Beamten erstattet hat, spricht von einer »ausgemachten Schweinerei«.
Die Dortmunder Polizisten waren von Passanten über Melder zur nahen Ausflugsstätte Hohensyburg gerufen worden, wo zwei Jugendliche rangelnd ihre Kraft maßen. Offenbar ärgerten sich die Beamten über den unfreiwilligen Ausflug ins Grüne -- im 1. Programm begann gerade die Übertragung vom Fußball-Länderspiel Deutschland gegen Schweden.
»Hierfür kriegt ihr nachher extra was auf die Schnauze« -- so will es der siebzehnjährige Elektroinstallateur-Lehrling Peter Hochwald aus Polizeimund vernommen haben, und das Orakel stimmte womöglich, jedenfalls wankte Hochwald später mit aufgeplatzter Lippe, geschwollenem Auge und blutender Nase aus der Wache.
Zwar kommen, seit jeher, Miß- und Übergriffe der Polizei in allen Bundesländern vor, aber eine massive Häufung in Nordrhein-Westfalen bereitet sogar dem polizeifreundlichen Innenminister Unbehagen. Ein Weyer-Referent zu den Bonner Brutalismen: »So etwas hat es wohl seit dem Dritten Reich nicht mehr gegeben.«
Freilich, fast immer wenn Hiebe oder Tritte blutige Spuren hinterließen, waren es nach Darstellungen der Polizei nur unglückliche Umstände -- ob nun das Opfer, wie in Bielefeld, »gegen die Wand lief« oder, wie in Bonn, »mit dem Gesicht in das Knie des stolpernden Polizisten«. Außerdem setze es gezielte Schläge nur, wenn, so die Polizeioberen übereinstimmend, »aktiver Widerstand durch Gewalt gebrochen« werden müsse.
Und überhaupt: »Was sich Polizeibeamte in der so vornehmen Bundeshauptstadt von Mitmenschen alles bieten lassen sollen, davon ahnt kein Reporter etwas«, so die Polizeigewerkschaft im Deutschen Beamtenbund. Der »Kurier für die Polizei des Landes Nordrhein-Westfalen« mahnt. Polizeibeamte seien »kein Freiwild, nicht Ziel und Blitzableiter für hemmungslose Aggressivitäten neurotischer oder radikaler Zeitgenossen«.
Die in Nordrhein-Westfalen letzthin getroffenen Bürger kommen sich so radikal freilich gar nicht vor, und sie haben ganz andere Erinnerungen an die Vorkommnisse. Der Bonner Möbelhändler Caspari, der sich im Beueler Krankenhaus St. Josef Prellungen am Hinterkopf und am Rücken attestieren ließ, sieht nicht recht ein, warum es Schläge hagelte, nachdem er an polizeilicher Behandlung eines Stadtstreichers Anstoß genommen hatte.
Der Dortmunder Rolf Schäfer, der seinem Anwalt als indiz für seine Sonderbehandlung durch die Hörder Polizisten ein Büschel ausgerissener Haare auf den Schreibtisch legte. wollte sich für einen festgenommenen Freund engagieren. Der Bielefelder Ratsherr Gaßmann, der nach eigener Schilderung Würgemale am Hals davontrug, hatte sich geweigert, »einem Beamten in Zivil, der sich nicht als Polizist auswies, meine Papiere zu zeigen«.
Bei so kontroverser Sicht zwischen Ordnungshütern und Ordnungsopfern tun sich die Staatsanwälte, die mit der Verfolgung der zahlreichen angezeigten Delikte befaßt sind, bei ihren Ermittlungen schwer -- wiewohl sie »mit besonderer Akribie« recherchieren, so der Bielefelder Oberstaatsanwalt Werner Kny.
Der Bonner Oberstaatsanwalt Bruno Schwellnus hielt »die Sache« immerhin für so wichtig, »daß wir die Ermittlungen aus den Händen der Polizei sofort voll an uns gezogen haben«. Schwellnus: »Wenn jemand ein Loch im Kopf hat, von einem Polizeibeamten geschlagen, ohne daß der in Notwehr handelte, dann ist das nicht mehr als Bagatelle zu bezeichnen.«
in der Bundeshauptstadt wurden zwei Sonderstaatsanwälte aus der Abteilung »Amtsdelikte« auf die angeblichen Polizisten-Verfehlungen angesetzt, mit der Order, auch frühere, längst eingestellte Fälle noch einmal zu überprüfen. Daß der Korpsgeist der Uniformierten die Ermittlungen nicht erleichtert, ist offenkundig. Einer der Strafverfolger über die Polizei: »Ein Kumpaneibetrieb.«
Der Betriebsfrieden wird jedoch neuerdings erheblich gestört. In Bonn, wo letzte Woche bereits zwei Polizeibeamte wegen Körperverletzung im Amt zu Freiheitsstrafen verurteilt wurden, haben zwei junge Polizisten der City-Wache einen älteren Vorgesetzten angezeigt, der einen Verwaltungsangestellten aus Rheinbach ins Gesicht getreten haben soll.
Der Beschuldigte freilich weiß sich zu wehren -- laut Viktor Manweiler, dem Leiter der Bonner Schutzpolizei, mit den Worten: »Der würde lecker aussehen, dem ich mal mit dem Stiefel voll ins Gesicht treten würde.«