STARTBAHN Was in der Hand
Die Gestalt, erinnert sich der Frankfurter Photograph Klaus Wenzel, 32, sei ihm »plötzlich ins Bild gelaufen": Wollmütze mit Sehschlitz, Parka und Kapuze, Nietenhosen.
In solchem Aufzug, dachte sich der Bildberichter, waren im Wald an der Frankfurter Startbahn West viele herumgelaufen, als die tödlichen Schüsse fielen. Dem Vermummten auf dem entwickelten Film schenkte er keine besondere Beachtung. Erst zwei Wochen nach den Polizistenmorden betrachtete Wenzel den Kontaktstreifen genauer und wurde stutzig. »Irgendwas«, fiel ihm auf, »hat der doch in der Hand.« Der Photograph machte immer größere Abzüge, bis deutlich zu erkennen war - der Vermummte trug in der Rechten eine Waffe.
Die überraschende Entdeckung brachte Ende letzter Woche auch die »Soko 18 West«, die mit 70 Beamten in den Mordfällen ermittelt, auf Hochtouren. Im Wiesbadener Landeskriminalamt (LKA) befragten die Fahnder den Photographen, wann und wo genau er das Bild gemacht habe. Derweil bemühten sich Kriminaltechniker, die Waffe zu identifizieren.
Daß es sich um die Pistole handelte, mit der die Schüsse auf die Polizisten abgegeben worden waren, schien den Kriminalisten zwar unwahrscheinlich, doch ausschließen wollten sie es nicht. Nach einer »vorläufigen Untersuchung«, sagt Hans Beilstein vom LKA, seien die Waffenexperten »der Überzeugung«, daß es sich nicht um eine Pistole Marke »Sig-Sauer« handele. Mit einer solchen Waffe aber waren die Polizisten erschossen worden.
Die Fachleute, so Beilstein, hätten Abweichungen zur Sig-Sauer »am runden Teil des Hahns und am Auswurffenster« festgestellt. Das Photo zeige wohl eher, so der erste Eindruck der Kriminalisten, eine Pistole vom Typ Walther PP oder PPK. Die Waffentechniker tippen »bei allem Vorbehalt« (Beilstein) auf den Nachbau einer Walther-Pistole, die mit angeschraubtem Vorsatz zum Abschießen von Leuchtmunition benutzt wird.
Ob der Vermummte nun wirklich eine scharfe Waffe in der Hand hatte oder nur Leuchtmunition abfeuerte - das Bild belegt in jedem Fall, wie lasch die polizeilichen Vorkontrollen waren. Die anfängliche Zurückhaltung der Polizei zeigt auch ein anderes Photo: Seelenruhig bereitete ein Maskierter, nur wenige Meter von der Startbahnmauer und den dahinter postierten Beamten entfernt, einen Molotowcocktail zu.
Im Innenausschuß des Hessischen Landtags mußte die Polizeiführung denn auch deutliche Vorwürfe hinnehmen: Die anrückenden Maskierten waren offenbar überhaupt nicht durchsucht worden. Lediglich »zwei zivile Kräfte«, räumte Innenminister Gottfried Milde ein, seien »zur Beobachtung im Wald eingesetzt« gewesen. Im übrigen habe man die »Aufklärung über Hubschrauber« betrieben - bei Dunkelheit.
Diese anfängliche Nachlässigkeit hat sicher begünstigt, was sich den Fahndern immer klarer erschließt: daß die Uniformierten, so Alexander Prechtel von der Bundesanwaltschaft, »in geplanter Aktion gezielt in eine Falle« gelockt wurden. Ermittelt wird deshalb inzwischen auch wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung, zu der die Polizei sechs Personen zählt. Und zu diesem Kreis wird auch der unbekannte Vermummte mit der Pistole gerechnet.
Die Fahnder gehen davon aus, daß mehrere militante Autonome mit dem Vorsatz loszogen: »Da haun wir jetzt mal drauf« (Prechtel). Und sie wollen nicht mehr ausschließen, daß dabei - neben dem verhafteten Werbegraphiker Andreas Eichler und dem geflüchteten Musikstudenten Frank Hoffmann - auch andere den Gebrauch einer Schußwaffe gebilligt haben könnten.
Inzwischen hat sich bei den Ermittlern der Verdacht erhärtet, daß Andreas Eichler der Todesschütze war. Laut Prechtel ist »sicher, daß Eichler am Tatort war«. Dort, hinter dem Schwanbach am Anfang eines Waldstücks, sind vierzehn Patronenhülsen im Umkreis von wenigen Metern gefunden worden. Ein Zeuge will den vermummten Schützen gesehen haben, der so groß wie Eichler und größer als Hoffmann gewesen sei.
Und noch ein weiteres Indiz spricht nach Ansicht der Fahnder gegen Eichler. Die klatschnasse Kleidung, die bei ihm zu Hause entdeckt wurde, könne darauf hinweisen, so Prechtel, »daß Eichler dort in den Bach gefallen ist«. _(Ausschnittvergrößerung aus dem ) _(Wenzel-Photo. )
Ausschnittvergrößerung aus dem Wenzel-Photo.