Demütig, wie erschlagen, bleibt Ibrahim Böhme sitzen, obwohl ihm das Ergebnis, das gerade verkündet wird, längst bekannt ist. Vor Kameras und Mikrofonen, in den Beifall seiner Freunde und zuckende Blitzlichter hinein freut sich der Mann, der erster SPD-Ministerpräsident der DDR werden will, wie es sich für Politprofis gehört. Oskar Lafontaine, der ihm am Nachmittag eine perfekte Mediennummer vorgespielt hat, betrachtet ihn sichtlich mit Wohlgefallen. Der kann es.
Und doch - die Delegierten des Sozialdemokratischen Parteitages in Leipzig, die Böhme am späten Freitagabend vergangener Woche mit 438 von 480 abgegebenen Stimmen gewählt haben, erleben den Sieger nicht als Routinier.
Da ist eine rührende Naivität, ein Bubenlächeln unter flottem Bärtchen, ein glückliches Kinderstrahlen in den aufgerissenen braunen Augen, das die Show sprengt. Als könne Ibrahim, der Junge, der im Heim groß und im Knast nicht klein wurde, der Mann, der mit einer Art naiver Beharrlichkeit am Rande der Stasi-Republik im illegalen Widerstand herumgestolpert ist, sein Glück noch nicht fassen. Am Freitag vergangener Woche, kurz vor 21 Uhr, ist Ibrahim Böhme vor den Augen der Weltpresse zum Vorsitzenden der größten demokratischen Partei der DDR gewählt worden, ist Chef von 100 000 Sozialdemokraten, nur 138 Tage nach der Gründung der Partei noch in der Illegalität. Ibrahim Böhme sieht aus, als habe die Oma ihm ein Märchen vorgelesen. Ein Märchen? Tags zuvor, als der neue Vorsitzende die 527 Delegierten in der kargen, aber farbenfroh aufgeputzten Halle der Leipziger Landwirtschaftsausstellung in Marckleeberg begrüßte, hat er eine Zeile aus seinem Lieblingsgedicht vorgelesen; mit leiser, weicher Stimme - einem angenehm melodischen Sächsisch, das seine Rede gefällig macht, aber auch immer ein bißchen langweilig: »Doch hinter Bewährung verheißen die Märchen erst Glück.«
Ibrahim Böhme hat diesen Vers aus dem Jazz-Gedicht auf Django Reinhardt von Jens Gerlach gewählt, um seinen Parteifreunden und der Bevölkerung der DDR zu versichern, daß sie die Bewährung bereits bestanden hätten, eine glückliche Zukunft also nun vor ihnen liegen müßte.
Ob er das selber glaubt? Sonderlich überzeugt und überzeugend klingt die Verheißung nicht - eher wie eine Warnung. Gewiß, in den Meinungsumfragen sehen die Sozialdemokraten für die Wahl am 18. März bereits wie die sicheren Sieger aus. Bis zu 54 Prozent sagen ihnen die Auguren voraus. Und wer erlebt, wie gemächlich und sorgfältig die Delegierten in Leipzig an ihrem Statut und ihrem Programm arbeiten, könnte glauben, hier etabliere sich eine Institution für die Ewigkeit. »Hebt den Arsch«, ungeduldig mahnt die kämpferische Alt-Sozialdemokratin Käthe Woltemath aus Rostock, sie komme sich vor »wie bei einer Veteranen-Veranstaltung der Volkssolidarität«.
Tatsächlich therapiert sich die Partei - so notwendig die formale Sorgfalt auch sein mag - in eine fast gespenstische Normalität hinein. Als wolle sie unübersehbar Brüche durch Formalien zuschütten, als wolle sie vor allem durch unerschütterlichen Gleichmut sich selbst vergessen machen, wie erbarmungslos die Zeit, die sie ins Leben katapultiert hat, jetzt ihre Anstrengungen zu überrollen droht. Denn ist es nicht in Wahrheit so, daß die Bewährungsphase für Böhme und seine Sozialdemokraten erst anfängt?
Es beginnt damit, daß sich die politische Spitze dieser Partei, die sich in jahrelangen Diskussionen auf illegalen Friedens-, Menschenrechts- und Ökologieseminaren zusammendiskutiert hat, und die Mehrheit der Parteimitglieder, die sich während der SED-Herrschaft in den privaten Nischen der DDR-Gesellschaft verkrochen hatten, erst langsam kennenlernen.
Der Kontrast könnte krasser nicht sein. Hier die alternativen intellektuellen Figuren auf der Vorstandstribüne und dort die bieder-bürgerliche Delegierten-Mehrheit. Als hätte die SPD von Wanne-Eickel einen Fundi-dominierten Grünen-Vorstand.
»Viele der Delegierten hätten uns damals, als wir noch illegal waren, vermutlich lieber nicht gekannt«, spottet der bärtige Markus Meckel, einer der Gründer. Auch Ibrahim Böhme spricht vorsichtig davon, daß viele Mitglieder wohl erst jetzt Sozialdemokraten werden wollten. Und umgekehrt ist mancher der Gründer nicht sicher, ob er die Partei, die jetzt Gestalt annimmt, eigentlich gemeint hat in seinen Träumen von einer anderen Republik oder einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz.
In Leipzig ist dieses Wort ein striktes Tabu. Die »jungen Sozialdemokraten«, häufig wie die Jugendorganisation der Schwesterpartei im Westen als »Jungsozialisten« angesprochen, verbitten sich das Mal für Mal mit heftigem Nachdruck.
Wenn also der leidenschaftliche Pädagoge Ibrahim Böhme den Parteifreunden »eine neue politische Kultur« ans Herz legt, »ein neues kulturvolles Miteinander«, dann sind die Tage von Leipzig gleichwohl erst der Anfang eines linken Volkshochschulprogramms in Sachen Demokratie.
Hätte das überhaupt eine Chance? Unmöglich erscheint es trotz allem nicht. So groß die Kluft auch sein mag, die DDRtypische Haltung des Wartens auf Vorgaben, ein »selbstbewußtes Warten«, wie ein Bonner Beobachter liebevoll spottet, läßt den Parteitag durchaus auch offen für linke Programme erscheinen.
Nur brauchte die SPD der DDR dafür eben Zeit. Und die wird nicht nur knapp, weil - wie Käthe Woltemath drängt - der Wahltermin »mit jeder Stunde näher rückt«. Es ist auch die aufziehende staatliche Einheit, deren Druck auf den Delegierten lastet. Sie scheint allen Bemühungen der Parteigründer in Leipzig den Charakter von Lockerungsübungen auf einer Spielwiese zu geben - und genauso werden sie von den angereisten Genossen aus dem Westen auch betrachtet.
Die versuchen - vergleichsweise unhofiert -, am Rande des Geschehens auf sich aufmerksam zu machen. Einige geben mit aufgesetzten Revolutionsgesichtern in Mikrofone gewichtige Erklärungen über Demokratie, Nato und Weltwährungsfragen.
Der langsame Lauf des Geschehens irritiert sie nur dann, wenn sie, wie etwa Johannes Rau, nicht mehr zu ihren vorformulierten Grußworten kommen, weil den Delegierten »der Magen knurrt«.
Ob es nun Unfähigkeit ist, die rührenden Versuche der Identitätsfindung ihrer östlichen Genossen zu verstehen, Desinteresse an allem, was von ihnen selbst und ihrer eigenen Bedeutung ablenkt, oder bewußte Zurückhaltung - es entsteht der Eindruck einer fast zynischen Gelassenheit. Die Wahlkampf-Profis vom Rhein sehen sich nach Talenten im Amateurlager um.
Was ihnen noch fehlt, erleben die Ostdeutschen, als mit Vehemenz, routiniertem Selbstbewußtsein und hämmernden Sätzen Oskar Lafontaine zu einem Kurzauftritt über die östlichen Freunde hereinbricht. Nicht alle Delegierten sind sicher, daß sie sich Politik mit dieser Rasanz wünschen sollen. »Das sind wir ja gar nicht gewöhnt«, klagt ein ratloser Ingenieur aus Halle, der sich außerstande sieht, den Auftritt des West-Kandidaten einzuschätzen. Diese Sprache, diese Lautstärke, diese Flüchtigkeit des Erscheinens und Wiederverschwindens unter Gedröhn und Presse-Brimborium, nee, wissen Se, nee.
Er selbst muß sich erst einmal damit abfinden, daß der Nachbar, mit dem er früher in Halle gemeinsam am Stammtisch über Honecker gelästert hat, jetzt seine Plakate abreißt, weil er inzwischen in der CDU ist, Fan jenes Kanzlers, den Lafontaine in Leipzig einen »ertappten Lügner« nennt.
»Doch hinter Bewährung verheißen die Märchen erst Glück.« Oh, sie bewähren sich wohl im Wahlkampf, arbeiten die Nächte durch und tragen auch mit ihrer Solidität in Leipzig dazu bei, daß die SPD in der DDR einen attraktiven Namen bekommen hat. Aber was ist eigentlich das Glück, das hinter ihren Anstrengungen liegen soll? Der Wahlsieg am 18. März? Die schnelle Einheit? Ein weiterer Wahlsieg im ersten gesamtdeutschen Wahlkampf?
»Wohlstand statt Sozialismus«, preist die konservative Deutsche Allianz Helmut Kohls auch in Leipzig von vielen Hauswänden an. Das ist eine verführerisch einfache Version von Glück, Ibrahim Böhme weiß wohl, wie attraktiv diese Formel auch auf viele seiner Parteifreunde wirkt. Gleichwohl verzichtet er - gestützt auf die Riege seiner ernsten theologischen Freunde im neuen Vorstand - darauf, sich auf einen Wettbewerb moralischer Bedenkenlosigkeit einzulassen. Er verlangt statt dessen Versöhnung mit den Verführten des alten Regimes und Anstrengungen, den Menschen die »Angst vor dem Neuen« zu nehmen. Und er nennt, zur Erbitterung eines thüringischen Delegierten, die DDR sogar seine Heimat.
Ibrahim Böhme und seine SPD machen sich die Bewährung, die der Dichter vor das Glück gesetzt hat, nicht leicht. f