HUNGERHILFE Was machen
So viel Empörung begegnet den Elends-Helfern selten. Bei der Deutschen Welthungerhilfe bestürmten Dutzende von Anrufern das Personal, die Mitarbeiter von »Brot für die Welt« registrierten »weit über 100 teilweise hochemotionale Telefonate«.
Anlass des kollektiven Zorns: die Absicht der Bundesregierung, 400 000 deutsche Rinder zu verbrennen. Stattdessen solle, so forderte Volkes Stimme, ein Teil des Fleisches der hungernden Bevölkerung in Nordkorea zugute kommen.
Der Gedanke ist von bestechender Schlichtheit: Deutschland hätte sein akutes Rindfleisch-Problem erheblich verringert, zugleich etwas getan gegen den Hunger in Nordkorea. Vor allem aber: Das kollektive Gewissen der Deutschen, durch den möglicherweise überflüssigen Massentod der Rinder schwer belastet, erführe Entlastung.
Und weil die Idee so überzeugend erscheint, verfielen ihr auch deutsche Leitmedien. »Wenn wir Menschen auf relativ einfache Weise helfen können, warum tun wir es nicht?«, fragte die »Süddeutsche Zeitung«. Der »Stern« errechnete fix, »wie das Fleisch nach Nordkorea kommen kann und was das kostet«. Ergebnis: »Kein Problem.«
Anführer der Bewegung der Wohlmeinenden war wieder einmal Rupert Neudeck, 61, Gründer der Nothilfe-Organisation »Cap Anamur«, seit Jahren umstritten und doch einer der erfolgreichsten Spendensammler in Deutschland. Von »funktionierenden Strukturen in Nordkorea« und Bundeswehr-Schiffen für den Transport schwärmte Neudeck, und dass deutsches Rindfleisch für den Armen-Staat »ein Segen« wäre.
Mittlerweile steht fest: Das Fleisch müsste mangels Kühlmöglichkeiten in Dosen gepackt werden, die Kosten für Verarbeitung und Transport beliefen sich auf mindestens 100 Millionen Mark mehr, als die Entsorgung der getöteten Tiere daheim kosten würde. Zum Vergleich: Das Berliner Entwicklungshilfeministerium gibt für die Nahrungsmittelhilfe weltweit derzeit jährlich rund 110 Millionen Mark aus. Überwiegend für Nahrungsmittel, von denen die Empfänger lange zehren: Weizen, Öl oder Saatgut.
Das Echo der Experten war vernichtend. Der Grund: Was Neudeck empfiehlt, gehört zu den Kardinalsünden jeder Hungerhilfe. Wiederholt hat sich in der Vergangenheit erwiesen, dass es den Bedürftigen nichts bringt, einmalige Hilfe zu leisten, die Waren teuer zu verschiffen und die Ernährungsgewohnheiten der akut Bedrohten außer Acht zu lassen.
Zudem: Nichts ist bei der Lebensmittelhilfe wichtiger als die geregelte Verteilung. Ausgerechnet die jedoch ist in Nordkorea nicht gewährleistet. Helfer und Flüchtlinge berichten immer wieder, dass Hilfsgüter bei Funktionären und bei der Armee landen, die so ihre Soldaten bei Laune hält.
Die »schlechteste Form von Entwicklungshilfe«, urteilt Cornelia Füllkrug-Weitzel von »Brot für die Welt«. »Es reicht nicht, Nahrungsmittel zu schicken, wenn die Krankenhäuser keine Arzneimittel haben und das Wasser verseucht ist«, assistiert der Uno-Koordinator im nordkoreanischen Pjöngjang, David Morton.
Auch in Südkorea wurden wegen des BSE-Restrisikos bereits Proteste gegen die deutschen Exportpläne laut. Die Südkoreaner sorgen sich um die Gesundheit ihrer zahlreichen Angehörigen im Norden. Hinzu kommt die Angst vor möglichen Spätfolgen im Falle einer Wiedervereinigung.
»Solange kein freier Zugang zu den Opfern und keine Kontrolle bei der Verteilung möglich sind, macht eine solche Operation überhaupt keinen Sinn«, erklärte zunächst auch das Auswärtige Amt. Entwicklungshilfeministerin Heidi Wieczorek-Zeul setzte, bewusst undiplomatisch, noch eins drauf: »Die jetzige nordkoreanische Regierung ist maßgeblich verantwortlich für den Hunger, und deshalb muss sich auch an der Stelle etwas ändern.«
Beeindrucken ließen sich die Nordkoreaner, die rund 200 000 Rinder abnehmen wollen, von der Schelte nicht. Zwei Funktionäre beteuerten bei einem Treffen mit deutschen Regierungsvertretern am vergangenen Dienstag in Berlin: Komme der Deal zu Stande, würden sie sich »um größtmögliche Transparenz bemühen«.
Der öffentliche Druck war schließlich stärker als alle Warnungen der Fachleute. »Wir werden nicht umhinkommen, was zu machen«, verkündete Kanzler Gerhard Schröder am vergangenen Mittwoch im Kabinett. »Das ist sonst nicht zu erklären.« Auch Ministerin Wieczorek-Zeul konnte sich plötzlich »eine einmalige Aktion« vorstellen - »wenn alle Konditionen erfüllt werden«. Kollegin Renate Künast sinnt bereits über eine »erste Probelieferung« nach.
Es wäre nicht das erste Mal, dass die öffentliche Stimmung den Kanzler zu Taten veranlasst, die zwar das Gewissen beruhigen, letztlich aber wenig hilfreich sind. Auch bei der Hochwasserkatastrophe in Mosambik Ende Februar 2000 hatte Schröder einen deutschen Einsatz angeordnet.
Die Operation, 20 Millionen Mark teuer, endete als Fehlschlag. Als die deutschen Hubschrauber schließlich eintrafen, waren alle Opfer aus Bäumen und von Hausdächern längst gerettet. HORAND KNAUP