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Briefe

Was präsentiert die deutsche Sozialdemokratie noch?
• aus DER SPIEGEL 9/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was präsentiert die deutsche Sozialdemokratie noch?

(Nr. 3-5/1981, SPD-Krise)

Ich habe Genossen Willy Brandt folgendes zur Kenntnis gegeben:

»Was tut ein verzweifelter Sozialdemokrat, wenn er eine Welt, unsere Welt, zusammenbrechen sieht (für die er 1912 Flugblätter verteilte)? Er wendet sich an den Vorsitzenden der SPD, den späten Nachfolger August Bebels.

Von Zeit zu Zeit sollte man fragen: Wo stehen wir? Und das ist die Frage, die ich mir vorlege. Wo stehen wir, wo Sie, wo Helmut Schmidt, um pars pro toto zu nehmen?

In USA ist eine Gruppe von Leuten an der Regierung, die man später als Vierer-Bande bezeichnen wird. Multimillionäre, Kriegstreiber, dilettierende Hollywood-Schauspieler zweiten Ranges. Wo in der demokratischen Welt war je ein General Außenminister? (Marschall war eine Ausnahme).

Prunk und Glanz in Washington, wo 70--75 % Schwarze meist dahinvegetieren.

Verpönt das Wort Friede, Einigkeit zwischen Haig und Moltke: »der ewige Friede ist ein Traum und nicht einmal ein schöner«. Das fürchterliche Wort vom first blow und das psychologische Verbrechen, von der Position der Stärke zu sprechen, das den anderen reizt und reizen soll.

Meine Voraussage: Eingreifen in Salvador, ist schon bestätigt. Und später wird Kubas Besetzung erfolgen, weil das große Land eine Gefahr für das kleine Amerika bedeutet. Was Foster Dulles als calculated risk bezeichnete -- wir sind wieder soweit. Entspannung -- ein obszönes Wort.

Und die übrige Gesellschaft, in der sich die deutsche Sozialdemokratie befindet: Giscard d''Estaing, der Brillantenschlucker, Mrs. Thatcher, die England an den Rand des wirtschaftlichen Zusammenbruchs gebracht hat.

Und das letzte moralische Bollwerk: keine Waffen in Spannungszonen -zusammengebrochen. Panzer nach Peru, U-Boote, wenn auch vielleicht im letzten Augenblick verhindert, nach Chile, Südkoreas Präsident für einen Gnadenakt gefeiert, für den man, in Rußland begangen, mit Recht amnesty international alarmieren würde.

Im Hintergrund Kissinger, der vielleicht an seiner Geldgier zugrunde S.9 geht. Blutbefleckt mit Napalm auf Vietnam, aber Friedensnobelpreisträger. Schaudert es Sie nicht bei dieser Gemeinschaft?

Wann erfolgen Staatsbesuche des Bundeskanzlers in Santiago de Chile, in Buenos Aires, in Montevideo? Systematisch werden wir auf den Atombombenkrieg vorbereitet. Die Ehre der Nation steht auf dem Spiel, und der polnische Papst wird Kinder küssen und den Kreuzzug gegen den Kommunismus segnen.

Ich denke an alte Zeiten, an die Heroenzeiten der Sozialdemokratie, die ich einige Jahre noch erlebte. Karl Liebknechts Kampf im preußischen Dreiklassen-Parlament gegen Militarismus, sein Aufstand am 4. August 1914, Zimmerthal -- 1000 Erinnerungen werden wach, und wenn man vergleicht, so könnte man heulen.

Wiederum einen Augenblick des Stillhaltens: Was präsentiert die deutsche Sozialdemokratie eigentlich noch? Worin unterscheidet sie sich von Rechts-Parteien? Wo bleibt der entschlossene Wille zum Frieden? Ist wirklich jeder, der gegen den Wahnsinn von 6000 Milliarden Dollar für Rüstung protestiert, ein Narr?

Wir haben vor uns zwei Möglichkeiten des endgültigen Untergangs: der von USA sorgfältig vorbereitete Weltkrieg oder Zerstörung durch Umwelt. Sie kennen natürlich die Arbeiten des Club of Rome -- wahrscheinlich Gruhl: »Ein Planet wird geplündert«. Falls Sie sie nicht kennen, so darf ich zur Lektüre noch die folgenden beiden Publikationen empfehlen: Goha »Der Tod in der Grauzone« und Schlapp »Das große Unbehagen«.

Was soll das alles? Es schreibt Ihnen jemand, dessen Herz schwer ist und der weiß, daß er nichts tun kann, der aber nicht die Hoffnung aufgegeben hat, daß jemand wie Sie eines Tages aufsteht und sein NEIN in die Welt brüllt.«

Genua WERNER PEISER

( Peiser, 85, war von 1921 bis 1933 ) ( Beamter im Preußischen ) ( Innenministerium. Als Emigrant lehrte ) ( der gelernte Jurist und Philologe an ) ( verschiedenen amerikanischen ) ( Universitäten. Nach seiner Rückkehr ) ( arbeitete er als Kulturreferent des AA ) ( in Rio de Janeiro und Madrid und war ) ( später Gesandter, dann Botschafter in ) ( Nicaragua. )

S.9Peiser, 85, war von 1921 bis 1933 Beamter im PreußischenInnenministerium. Als Emigrant lehrte der gelernte Jurist undPhilologe an verschiedenen amerikanischen Universitäten. Nach seinerRückkehr arbeitete er als Kulturreferent des AA in Rio de Janeiround Madrid und war später Gesandter, dann Botschafter in Nicaragua.*

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