»Was soll ich da noch?« - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 31 / 128

MINISTERIEN »Was soll ich da noch?«

Schneller als erwartet hat sich das politische Geschäft vollständig nach Berlin verlagert. Mehr als die Hälfte der Ministerialen aber sitzen noch in Bonn - abgehängt von der politischen Spitze.
Von Petra Bornhöft
• aus DER SPIEGEL 25/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein ganz normaler Tag im Berliner Regierungsviertel: 25 Ausschüsse des Bundestags und die Kinderkommission tagen. Vor der Kabinettssitzung signiert Bundeskanzler Gerhard Schröder flink ein Euro-Bild. Einige hundert Meter weiter stellt die Kreditanstalt für Wiederaufbau ihren Jahresbericht vor. Bundeslandwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke eröffnet die Einmachsaison, während Familienministerin Christine Bergmann die CD-Rom »Klaras Reise im Internet« präsentiert. Mindestens 48 Polit-Termine, Abendveranstaltungen nicht mitgerechnet.

Gleicher Tag, gleiche Stunden, aber 500 Kilometer westlich rupft ein Gärtner das üppig wuchernde Unkraut aus der Blumenrabatte neben dem ehemaligen Bonner Plenarsaal. Drinnen lümmeln Computerverkäufer auf der einstigen Regierungsbank und in Abgeordnetenstühlen. Im Präsidialbereich, ebenso wie das gesamte ehemalige Hohe Haus von einer Hotelkette betrieben, buhlen PC-Vertreter um die mit Tüten bepackten Besucher der Kleinmesse.

Keine Politik, nirgendwo. Tags drauf lädt immerhin der Bundesrat ein. Doch der verabschiedet sich Mitte Juli ebenfalls nach Berlin.

Viel schneller als erwartet offenbart sich, was ohnehin alle ahnten: Nur wenige Monate nach dem Umzug von Regierung und Parlament hat die kleine Stadt am Rhein mit der großen Politik nichts mehr zu tun; die ist komplett nach Berlin gerutscht.

Dabei hat es bisher nur 8200 Ministeriale in den Osten verschlagen, am ehemaligen Regierungssitz versehen immer noch 11 500 Beschäftigte ihren Dienst - nur merkt das keiner. Alle Ministerien sind zerschnitten, willkürlich und meist ohne erkennbares System. Sechs Minister, so will es ein Gesetz, dürfen offiziell nur eine Außenstelle, den zweiten Dienstsitz, in Berlin unterhalten.

Die Praxis sieht anders aus. Im Bonner Entwicklungshilfeministerium etwa können zwei Monate vergehen, bis sich die reiselustige Chefin Heidemarie Wieczorek-Zeul blicken lässt. Gesundheitsministerin Andrea Fischer verbat sich die Kontrolle ihres Terminkalenders durch den Personalrat, der mehr Präsenz in Bonn verlangte. »Was soll ich da noch?«, bürstete Agrarminister Funke den gleichen Wunsch intern ab - was zumindest den Pförtner freut: »Hier kommt ja keiner mehr her. Der Teppich ist jetzt viel besser sauber zu halten.«

Meist ohne Heimweh erledigen die Kabinettsmitglieder den Großteil ihrer Arbeit in der Hauptstadt. Sie spüren nicht viel von der Teilung - ihre wichtigsten Zuarbeiter, Staatssekretäre und Abteilungsleiter, lassen sie nach Bedarf einfliegen.

Die mit Millionenaufwand installierte Datenautobahn wird zwar genutzt, aber Technik kann die Distanz nicht überbrücken. Überrascht hat alle Regierungsleute, »wie informativ die physische Präsenz ist«, sagt Forschungsstaatssekretär Uwe Thomas, »man erfährt einfach viel mehr als aus dem Papier und am Bildschirm«. Das Gespräch auf dem Gang, in der Kantine, ein Ruf über den Flur - der kurze Dienstweg ist gekappt. »Spontan ergibt sich gar nichts«, klagt die Abteilungsleiterin im Gesundheitsministerium, Ulrike Riedel. Wie etliche Kollegen lebt die Gentechnik-Expertin meist »aus dem Koffer und im Flieger«, weil sie ständig zwischen ihren Büros hin- und herjetten muss.

»Minister, Staatssekretäre und Abgeordnete kommen nicht her, sie bestellen uns ein«, mault ein Bonner Spitzenbeamter, der sich jedoch ungefragt mehrmals pro Woche ins Flugzeug klemmt: »Wer sich in Berlin nicht zeigt, wird schnell vergessen« - und das ist dem Aufstieg nicht förderlich.

Richtig sauer sind Bonner Ministeriale mittlerweile auf die Abgeordneten, die sich nicht darum scheren, dass die meisten Fachbeamten nicht mehr in der Nachbarschaft, sondern jottweedee ihre Akten bewachen - und immer nach Berlin zitiert werden.

So haben sich die Ausgaben für Dienstreisen durchschnittlich um 10 bis 20 Prozent erhöht. Im Verkehrsministerium fürchten Abteilungen, dass schon im Sommer die Mittel fürs ganze Jahr verbraucht sein werden; das Umweltressort hat bereits seinen Reiseetat ausgeschöpft.

Den Irrsinn der Doppelkopf-Regierung spürt am schärfsten das Verteidigungsministerium. Die Maschinen der Flugbereitschaft, fernab vom Polit-Betrieb in Köln stationiert, müssen für jede Reise, die Berliner Politiker unternehmen, hunderte Extrakilometer fliegen: erst von Bonn nach Berlin und am Ende zurück von Berlin nach Bonn.

Wer nicht fliegen darf, kann von den Eindrücken auf der Autobahn berichten. Drei Tage sind die Soldaten des Wachbataillons aus dem rheinischen Siegburg unterwegs, »wegen der langen Fahrzeiten« der Busse, so die Parlamentarische Staatssekretärin Brigitte Schulte. In der Hauptstadt stehen die Uniformierten dann für einen Staatsgast rund eine Stunde stramm.

In Bonner Büros fühlen die Zurückgebliebenen sich abgehängt, und sie sind es auch. Agrar-Staatssekretär Martin Wille beobachtet, wie sich die Apparate einander entfremden: »Die Berliner Truppe beginnt ein Eigenleben, und die Bonner fürchten um ihren Einfluss.« Überall nagt der Frust am einstigen rheinischen Wir-Gefühl.

Sticheleien auf den Korridoren haben Hochkonjunktur. Berliner verspotten ihre Bonner Kollegen als »Sozialfälle« oder »Faulenzer, die sich mit dem Hosenträger am Stuhl festbinden, damit sie nicht umfallen«. Umgekehrt giften die Westdeutschen gegen die »Karrieristen« und »Zentralisten« an der Spree.

Um die umzugsresistenten Staatsdiener trotzdem halbwegs bei Laune zu halten, lassen sich die Ministerien einiges einfallen. Im Verkehrsressort etwa renovieren die Maler gerade alle Flure. Kommt Hausherr Reinhard Klimmt zu Besuch, verteilt er nachmittags Urkunden für 25-jährige Dienstjubiläen. So spricht sich herum, dass der Chef nicht ganz aus der Welt ist. Wirtschaftsminister Werner Müller verlegt eine Personalversammlung nach Bonn und auch mal einen Betriebsausflug auf den Rhein.

Meist aber reicht die Zeit nur für straff durchgeplante Audienzen. »Alle 30 Minuten trägt ein anderer vor«, klagt Ministerialdirektor Knut Nevermann aus dem Kanzleramt über den Termindruck: »Der erzwingt beinah einen autoritären Führungsstil.«

Dabei hat Nevermann, die rechte Hand von Kultur-Staatsminister Michael Naumann, ohnehin keinen leichten Job als Chef der berüchtigten Abteilung K. Dorthin hatten sich viele Hardcore-Bonner aus dem Innenministerium versetzen lassen, nicht aus Neigung zur Kultur, sondern aus Abneigung gegen den Umzug nach Berlin.

Beim Nachwuchs für den Staatsdienst ist Bonn längst mega-out. Für junge Beamte ist der so genannte Beförderungskamin in Bonn dicht, Aufstiege sind nur noch in Berlin möglich - dort aber fehlen die Stellen.

Ohnehin glaubt jenseits des Siebengebirges niemand an einen dauerhaften Bestand der Teilung. »Wir können den Bonnern doch keine Zukunftsgarantie mehr geben«, sagt ein Berater von Wirtschaftsminister Müller.

Immer weniger Lobbyisten können sich gegen den Sog stemmen. Zuletzt hat die Bundesärztekammer entschieden, ihren Sitz an die Spree zu verlegen, die künftige Dienstleistungsgewerkschaft Verdi will folgen. Fast entschuldigend stellt sich der Kölner Direktor des Mieterbundes, Franz-Georg Rips, bei einer Berliner Diskussion vor: Sein Verband sei »noch in Köln, aber schon auf dem Wege nach Berlin«. PETRA BORNHÖFT

* Oben: Kongress Citrix Forum 2000 am 22. Mai; unten: mitMitarbeitern in Bonn.

Zur Ausgabe
Artikel 31 / 128

Mehr lesen über