GRIECHENLAND / VIZEKÖNIG Was wird?
»Jorgo, ich tue, was du willst«, rief der General. »Für dich werde ich auch Erzbischof.«
Jorgo, Griechenlands Juntachef Georgios Papadopoulos, machte den Generalleutnant Georgios Zoitakis nicht zum geistlichen Würdenträger, er hob ihn noch höher: Zoitakis wurde am 13. Dezember 1967 Vizekönig, Statthalter des am selben Tag nach einem mißglückten Putsch geflüchteten Griechen-Königs Konstantin.
Seither sitzt eine der farblosesten Figuren aus dem Kreis der hellenischen Putsch-Obristen in der Villa Maximou gegenüber dem königlichen Schloß, zugleich aber auch ein Mann, der international anerkanntes Staatsoberhaupt ist: Ende Januar übergab Nixons neuer Botschafter, Henry J. Tasca, dem Vizekönig Zoitakis sein Beglaubigungsschreiben und bestätigte damit nach einem botschafterlosen Jahr, daß Amerika die politischen Realitäten in Athen anerkennt.
Tasca sprach Zoitakis zu dessen Ärger zwar nur als »General« an und sein Beglaubigungsschreiben war offiziell an den Exil-König gerichtet, aber ganz umgehen konnte und wollte Washington den Vize nicht: Aus dem Provisorium vom 13. Dezember 1967 ist eine Institution geworden, die offenbar so lange leben wird wie die Junta, obschon Zoitakis an deren Machtergreifung eher unbewußt beteiligt war.
Futsch-Planer Papadopoulos hatte den Kameraden bereits 1961 in die Umsturz-Absichten eines Offiziers-Geheimbundes eingeweiht, täuschte aber vor, er sei nur ausführendes Organ eines »Führers« hinter den Kulissen. Der königstreue Zoitakis dachte dabei an den König.
Als am 20. April 1967 die Futsch-Stunde nahte, schickte Papadopoulos den Generalleutnant, der damals das wichtige III, Armeekorps in Saloniki kommandierte, aber gerade in Athen weilte, früh zu Bett mit der Begründung: »Morgen gibt es viel zu tun.«
Erst als gegen ein Uhr morgens am 21. April die Panzer des Brigadegenerals Pattakos vors Parlament rollten, ließ Papadopoulos den General Zoitakis zu sich holen.
Eine Stunde später erfuhr König Konstantin vom Futsch. Er befahl dem Minister für öffentliche Ordnung Rallis: »Rufen Sie sofort Generalleutnant Zoitakis an. Er soll schnellstens Truppen nach Athen entsenden.«
Zoitakis aber funkte derweil aus der Hauptstadt Papadopoulos-Befehle an sein Armeekorps -- »im Namen des Königs«. Der Marsch der Provinztruppen auf Athen unterblieb, Futschisten eroberten die Macht fast ohne Widerstand.
Papadopoulos belohnte Zoitakis mit dem Posten eines Staatssekretärs im Verteidigungsministerium. Auch in diesem relativ einflußlosen Amt war Zoitakis den Putschisten noch mal von Nutzen: Als Konstantin am 13. Dezember 1967 seinen Gegen-Coup (Deckname: »Prassinos Phos« -- Grünes Licht) startete, meldete sich bei Zoitakis telephonisch Admiral Hippokrates Dedes, Stabschef der royalistischen Kriegsmarine.
Dedes: »General, hat der König mit der Regierung gebrochen?«
Zoitakis: »Am Telephon kann ich es Ihnen nicht sagen. Kommen Sie zum Pentagon.«
Dedes fuhr vom Marine-Generalstab am Klaftmonos-Platz zum Pentagon, dem Verteidigungsministerium im Vorort Cholargos. Dort setzten ihn die Junta-Generale unter Arrest. Der Königs-Coup mißglückte, Konstantin floh ins Ausland, Papadopoulos brauchte Ersatz. Der ehemalige General Solon Gikas lehnte die Berufung zum Vizekönig ab; den Gedanken, Erzbischof Hieronymus zum Regenten zu ernennen, verwarfen die Offiziere wieder. Sie wollten einen der Ihren. Zoitakis, auf den Papadopoulos schließlich als Notlösung verfiel, nahm freudig an.
Um den Statthalter für seine Aufgaben fit zu machen, gab Papadopoulos ihm drei Helfer zur Seite:
* Generalmajor Alevizos, ehemals Adjutant der Könige Paul und Konstantin. Er sollte dafür sorgen, daß Protokoll und Zeremoniell am Ersatzhof klappten.
* Oberstleutnant Zanettos, Mitglied des Revolutionsrates. Er spielte als Generalsekretär in der Villa Maximou -- dem einstigen Gästehaus der Regierung -- den Aufpasser im Auftrag des Fremiers.
* Botschafter Fapadakis -- inzwischen verstorben. Er brachte Zoitakis den Umgang mit ausländischen Staatsoberhäuptern und Diplomaten bei. Die vom Premier bestellten Berater ergänzte Zoitakis durch zwei Mitarbeiter eigener Wahl. So wie Papadopoulos zwei Brüdern zu hohen Staatsämtern verhalf, beförderte Zoitakis seinen Bruder Alexandros zu seinem Sekretär. Rechtsberater des Ersatzkönigs wurde der Anwalt Foifis, ein Vetter der Zoitakis-Ehefrau.
Zoltakis entließ das königliche Dienstpersonal und stellte eine eigene, kleinere Mannschaft ein denn er muß sparen. Er erhält nur ein Fünftel der Apanage, die der Exil-König auch heute noch bezieht. Der Etat des Vizekönigs beträgt 600 000 Mark pro Jahr, sein Monatsgehalt 5000 Mark plus 2000 Mark Repräsentationsspesen. Anders als der König muß der Vizekönig seine Einkünfte auch versteuern. Für 1968 reichte er eine Einkommensteuer-Erklärung über 60 000 Mark ein. Angegebener Beruf: »Vizekönig«.
Im Hofhalten kopiert der Vize den König: Zoitakis gibt einen eigenen Hofbericht heraus, den die Fresse unter einer eigens dafür vorgesehenen Rubrik abzudrucken hat. Er selbst läßt sich »A. E.« (Seine Exzellenz) titulieren, für Ehefrau Sophia fand sich nach langem Suchen die Anrede »Evgenestati« (Alleredelste).
Bei den Ex-Kameraden fand Seine Exzellenz nicht die erwünschte Anerkennung. Fremier Fapadopoulos verweigert dem Vizekönig die Reverenz, wo er nur kann. Öffentlichen Auftritten des Regenten bleibt er meist fern, der Fremier ("Ich bin der Boß") will nicht als der zweite Mann im Staat angesehen werden. Zoitakis verschafft sich Genugtuung, indem er Minister und Generale regelmäßig zum Rapport bestellt.
Der Reserve-Rex läßt sich auch keine Gelegenheit entgehen, ausländischen Staatsoberhäuptern zu jedem erdenklichen Anlaß zu gratulieren oder kondolieren. Empfangen konnte er bislang erst einen einzigen ausländischen Kollegen: den Präsidenten Mobutu vom Kongo.
Dem Volk ist Zoitakis eher ein Witze- als ein Vize-König. Die Hellenen gaben dem Paar, das nur genehmigte Photos von sich veröffentlichen läßt, die Namen »Mitrous« und »Fagona«. So heißen die Schafhirten in jener mittelgriechischen Gebirgsgegend, aus der Zoltakis stammt.
Zuweilen sorgt sich Zoitakis, daß er wieder dorthin zurückkehren muß, etwa falls Konstantin sich doch noch zur Rückkehr bewegen läßt.
»Was wird aus mir, wenn ich einmal gehen muß?« fragte er jüngst. »Man müßte endlich auch ein Gesetz für ehemalige Vizekönige erlassen.«