BERLIN / GRENZVERKEHR Was zu machen
An einem Freitagabend im September passierte der West-Berliner Kraftfahrer Dieter Stoffers, 29, am Übergang Sonnenallee die Berliner Mauer gen Westen, parkte seinen Lastwagen wenige Meter hinter der Grenze auf West-Berliner Gebiet und ging zu Fuß in den Ostsektor zurück.
Zwei Arbeitskollegen von der West-Berliner Niederlassung der Akustikbaugesellschaft C. Gartenmann & Co. warteten bereits in der Ost-Berliner Tanzgaststätte »Plänterwald« am Treptower Spreeufer. Mit 15 Ostmark Spesen pro Tag und Mann, die sie weder in Westmark umtauschen noch nach West-Berlin mitnehmen durften, begaben sich die Grenzgänger auf einen, so Stoffers, »billigen Bummel« durch Bierlokale der Arbeiter-und-Bauernmetropole.
Der Kraftfahrer: »Es blieb uns weiter gar nichts übrig, als das Geld für Essen und Trinken auszugeben.«
Kurz vor Mitternacht kehrten die drei per Taxi zur Mauer zurück. Sie wiesen den östlichen Grenzposten ihre Dauerpassierscheine vor, bestiegen den Viereinhalb-Tonner »Hanomag F 45« und prallten knapp 1000 Meter nach dem Start mit 80 Stundenkilometer auf einen vorschriftsmäßig abgestellten, mit Eisenträgern beladenen Sattelschlepper. Die Monteure Peter Behr, 25, und Horst Dettner, 33, waren auf der Stelle tot. Dieter Stoffers kuriert seitdem seine schweren Kopf- und Halsverletzungen.
Nur dank des Unfallberichts« den die Verkehrspolizei an die Presse gab, erfuhren West-Berlins Zeitungsleser anderntags zum erstenmal, daß Mauer und Stacheldraht für West-Firmen und deren Arbeiter kein unüberwindliches Hindernis bedeuten.
West- wie Ost-Berliner Behörden zeigen bis auf den heutigen Tag keine Neigung, sich über den niemals ganz abgebrochenen innerstädtischen Grenzverkehr öffentlich zu äußern. West-Berlins Senat ließ Grenzgängerzahlen nur bis zum August 1961 publizieren. Damals querten täglich rund 12 000 West-Berliner und rund 50 000 Ost-Berliner die Sektorengrenze. Seitdem aber führen die West-Berliner Zolldienststellen und die Polizei nur mehr inoffizielle Listen, die noch dazu unvollständig bleiben müssen: Gezählt werden kann nur an den elf Straßenübergängen nach Ost-Berlin und in die DDR, nicht aber auf den beiden S-Bahn-Linien und der U-Bahn, die vom Westen her zum Ost-Berliner Bahnhof Friedrichstraße führen.
Die Zoll-Zählungen des »Personenkontrolldienstes« ergaben, daß seit Jahren Monat um Monat immerhin noch rund 9000mal West-Berliner in die DDR-Hauptstadt fahren. Ein Sprecher der Polizei: »Die Vergleiche mit den vergangenen Jahren lassen vermuten, daß es sich dabei generell um denselben Personenkreis handelt.«
Zu diesem -- mit östlichen Dauerpassierscheinen ausgerüsteten -- Personenkreis gehören West-Berliner
* Wissenschaftler, Bibliothekare und Studenten, die an Ost-Berliner Hochschulen arbeiten;
* Musiker und Künstler mit Ost-Berliner Verträgen;
* Ärzte und Krankenschwestern, etwa an der Ost-Berliner Charité;
* Reisebüro-Agenten, Interzonen-Händler und Spediteure;
* Reichs- und S-Bahn-Personal;
* Wasserflohfänger, die West-Berliner Aquarien mit östlichem Fischfutter versorgen sowie
* Bauarbeiter, Schlosser und Architekten.
Die drei verunglückten Arbeiter der West-Firma Gartenmann zum Beispiel montierten seit Anfang August Gipswände und Akustikdecken in der »Nationalitätengaststätte« des DDR-»Kulturparks« im Bezirk Treptow -- einer Mischung aus Kopenhagener Tivoli und Wiener Prater mit Riesenrad und Kosmosgondeln, einem Volkssportzentrum, Karussells und Autoscootern.
Die Gaststätte, ein Vier-Terrassen-Restaurant in Flachbauweise mit sowjetischer, ungarischer, polnischer und bulgarischer Küche, entstand nach Plänen eines West-Berliner Architektenkollektivs, der Apo-orientierten, siebenköpfigen »Planungsgenossenschaft (i. G.) Nr. 1«. Unter Leitung der zum Flick-Konzern gehörenden Burger Eisenwerke in Herborn/Dillkreis, die den DDR-Bauauftrag erhielten, bauten West-Berliner und westdeutsche Monteure die Speisepavillons aus Glas, Beton, aus westlichem Eternit, Aluminium und Stahl zusammen. Kosten des Objekts: rund drei Millionen Mark.
Das Riesenrad lieferte eine süddeutsche Spezialfirma, und der West-Berliner »Kranverleih Bodo Toense« baute mit fünf Spezialfahrzeugen das 40 Meter hohe Lustbarkeits-Monstrum auf.
Kranspezialist Toense hatte bereits zuvor beim Bau des Ost-Berliner Fernsehturms mitgeholfen und erwartet nun den Zuschlag für die Installation einer DDR-Fabrik. Auch das linke Architektenteam, das in einem Kudamm-Hinterhaus residiert, hofft auf ein neues Projekt Im DDR-Hinterland.
Für Leute, an deren Arbeitskraft sie interessiert ist, macht die DDR sogar möglich, was in West-Berlin niemand so recht für möglich hält. Noch im August dieses Jahres passierte ein
* »Nationalitätengaststätte« und Riesenrad im Treptower »Kulturpark«.
einziger von mehr als zwei Millionen West-Berlinern regelmäßig die Glienicker Brücke, die West-Berlin mit Potsdam verbindet und sonst nur dem Personal der westalliierten Militärmissionen in Potsdam offensteht. Es war ein West-Berliner Astronom, der von der DDR-Staats-Sternwarte Babelsberg aus die Sterne betrachtete.
Seltsamer noch mutet der Fall jenes West-Apothekers mit Wohnsitz in Charlottenburg an, der seit Jahr und Tag die Demarkationslinie überwindet, um in seiner »Kronen-Apotheke« an der Ost-Berliner Friedrichstraße Ost-Medikamente über den Ladentisch zu reichen: Die »Kronen-Apotheke« besitzt noch immer ein kaiserlich-königliches Privileg und blieb bislang von der Verstaatlichung verschont,
Auch für die Zukunft sehen viele der Grenzgänger keinerlei Grund zum Pessimismus, Kranverleiher Bodo Toense, 37, rechnet sogar mit kleinen Schritten bei der gesamtdeutschen Begegnung: »Politisch«, so sagt er, »ist in der deutschen Frage auf Jahre nichts drin. Aber -- wirtschaftlich ist sicher was zu machen.«