»Wat soll dat?«
Irgendwo am Rhein, Anfang der sechziger Jahre. Köln ist nah, die moderne Konsumwelt noch weit. Vier Frauen und ein Quelle-Katalog. Eine von ihnen, die Tante, ist ratlos: »Girl Mode. Gierl! Dat soll wohl e Wiew sin. Ein Mädsche. Un hier, wat soll dat?« Die Stimme der Tante wird schriller: »Sub-tehn-gierlmode! Hilla, wat soll dat?«
So schildert die Schriftstellerin Ulla Hahn in ihrem Bestseller »Aufbruch«, dem zweiten Teil eines Bildungsromans über den sozialen Aufstieg eines rheinischen Proletenkinds, eine bedeutende Wende in der Konsumkultur der Bundesrepublik.
Kam früher zu den Damen der Wäschemann, ein leicht anzüglicher Charmebolzen von Vertreter, und zog aus seinem Musterkoffer BH, Trikotagen, Korsett-teile, Haushaltskittel und brachte damit die starken Kundinnen zu »Ahs«, »Ohos«, zum Kichern und mit etwas Glück auch zum Kauf, so vertritt den Vertreter jetzt der Quelle-Katalog.
Der Warenwälzer, so beschreibt es Hahn überzeugend, ist mehr als nützliche Einkaufshilfe für wenig mobile Konsumenten, der Quelle-Katalog ist Überbringer einer neuen Kultur: Denglisch statt Kölsch, High statt Platt, mondän statt Monheim, das Kaff, aus dem Hahn stammt. Der unbarmherzige Gott der Modernisierung tauft »En Ungerbotz« (Unterhose) für immer in »Slip« um, »Lädi laik« wird nun der schmeichlerisch-verlogene Ausdruck für alles Mollige.
»Leib- und Gesäßpartie sind vollkommen beflockt. Die Beflockung hält Leib und Gesäß zurück und verbessert so die Figur erheblich.« Das ist irgendwie deutsch, aber die Frauen ahnen die bevormundende Strenge der heraufziehenden Modediktatur: »Wat soll dat denn sein?«, empört sich die Cousine, »warum soll denn dat Jesäß zurückgehalten werden?«
Ja, warum eigentlich? Eine Frage - bis heute ungelöst, vor allem zwischen den Geschlechtern. Aber damals vom Quelle-Katalog vorlaut entschieden: weg mit dem Hintern. Mit dem Katalog kam die neue Zeit. Da mochte ein Intellektueller wie Hans Magnus Enzensberger Versandhauskataloge Nachrichten aus der »kleinbürgerlichen Hölle« nennen, die Karawane zog unerbittlich durch die Zeiten. Vom »Erweiterungskleid Uelzen« (1954) zu Badeanzügen mit »Softschalen und Vorderkorselett« (heute), von Ölgemälden »Eibsee mit Zugspitze« für 49 D-Mark (1960) bis zur »Vitrine Meersburg« (heute), die es in Buchefarben, Erlefarben oder Rustikal gibt und zu der sich der alte Eibsee gut machen würde, wenn Mutti in Uelzen zur Tür hereinkommt.
Kein Spott, kein Hochmut, über Geschmack lässt sich leider nicht streiten. Aber auch nicht über »Distanzhandel«, wie der vornehme Ausdruck für das Geschäft lautet, das über große Kataloge funktioniert. Die enzensbergersche Kleinbürgerhölle ist ja in Wahrheit ein lichter Ort aufklärerischen Kaufverhaltens. Fern ist aller Kaufrausch. Fern ist der Warenfetischismus, der laut Marx den Gebrauchswert eines Produkts verschleiert.
Trotz der vielen Fotoinszenierungen funktioniert die Warenauswahl bei Quelle und den anderen Anbietern nach dem alphabetischen Prinzip. Ein wählerisches Auge beschränkt sich - letztlich entscheidend - auf einen einzelnen Gegenstand und lässt sich nicht von räumlichen Inszenierungen betören, von Kauferlebniszonen und durch Sprachgirlanden ablenken.
Die heutigen Töne des letzten Quelle-Katalogs ("Einkaufsvergnügen pur«, »Die ganze Welt der Trends kommt bei Ihnen zu Hause vorbei") sind postenthusiastisch, posthyperbolisch. Zu Deutsch: von Übertreibungen ziemlich frei.
Zwischen Versandapotheke und Einbauküchen eingeklemmt die Sexecke von Quelle - ein stocknüchternes Outlet moderner Lustfolterinstrumente auf Vatikan-Lila. Ob »Fatima Fong«, die »dicke Liebespuppe«, oder der »Perlenmassagestab mit Funkfernbedienung und Klitorisreizarm mit 4-Stufen-Rotation und 7-Stufen-Vibration, Gesamtlänge 24 cm. Wasserdicht. Ohne Batterien« -, die Erotik ist eine Gottesplage und Uelzen überall.
Es muss ja nicht mehr das Gemeinschaftserlebnis mit der Tante im Rheinland sein, das ein Katalog wie der von Quelle stiftet. »Der Dicke« - sorry, Fatima -, wie sich der 1347-Seiten-Katalog noch heute selbst streichelt, ist schönste Single-Lektüre. Geeignet für alle, die das Einkaufszentrumsgetue ablehnen, die auf ihre gestressten Füße achten, die gefährdeten Haptiker, die beim Streicheln auf dem Objekt der Begierde den Reizen des Gegenständlichen zu schnell erliegen, denen der Verkäufer als lebende Erscheinung schon lange auf den Wecker geht.
Menschen, die notorische Vordrängler hassen, die das »Haben wir zurzeit nicht am Lager« nicht mehr hören wollen, die sich - aus Kindheitszeiten herrührend - über Pakete freuen, die nicht mehr der Weihnachtsmann, sondern der Briefträger bringt. Zwar selbst bezahlt, aber freudig erwartet.
Anlass zu klammheimlichem Wohlgefallen ist auch, dass Katalog-Fatima und 7-Gänge-Massage bei ihrem Einzug für Nachbars Auge unsichtbar bleiben.
»Quelle Fürth führt« hieß es einst mit unüberbietbarer Werbeschlichtheit. Ach, führe uns noch ein bisschen weiter. Das Leben ist doch auch nur ein Katalog. Man muss suchen, finden - und am Ende bezahlen. NIKOLAUS VON FESTENBERG