»Weg auf gefährlichem Terrain« - DER SPIEGEL
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»Weg auf gefährlichem Terrain«

General a. D. Gert Bastian über das Rüstungsgleichgewicht Generalmajor a. D. Gert Bastian, 58, der 1980 wegen Bedenken gegen den Nato-Nachrüstungsbeschluß um seinen Abschied gebeten hatte, wirft der Bundesregierung vor, sie verbreite Fehlinformationen in ihrer Schrift »Aspekte der Friedenspolitik - Argumente zum Doppelbeschluß des Nordatlantischen Bündnisses«. Der Ex-General hat ein 32 Seiten langes Gegenpapier verfaßt. Auszüge:
• aus DER SPIEGEL 29/1981
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Die Bundesregierung bekräftigt ihre Begründung, ein Moratorium würde lediglich die sowjetische Überlegenheit bei nuklearen Mittelstreckenwaffen in Europa festschreiben und könne deshalb nicht in Frage kommen. Zweifel an der Stichhaltigkeit dieser Begründung sind jedoch schon deshalb angebracht, weil es die behauptete Überlegenheit der UdSSR im eurostrategischen Bereich nicht gibt, wenn sich ein Kräftevergleich nicht allein auf landgestützte Systeme beschränkt, sondern auf alle beidseitig vorhandenen Nuklearpotentiale in und für Europa erstreckt.

Aber selbst wenn man von einer sowjetischen Überlegenheit ausgeht, ist schwer einzusehen, weshalb es für den Westen nachteilig sein sollte, dem weiteren Ausbau dieser Überlegenheit während einer längeren Verhandlungsphase einen Riegel vorzuschieben, zumal ja ein Verzicht auf eigenes »Nachrüsten« im Fall des Scheiterns solcher Verhandlungen keineswegs notwendig gewesen wäre.

Die Ablehnung des von Breschnew vorgeschlagenen Moratoriums aus nicht überzeugenden Gründen muß die schon von der Verweigerung der Salt-II-Ratifizierung herrührenden Zweifel am westlichen Verhandlungswillen verstärken.

Bei Berücksichtigung aller zur Verfügung stehenden Informationen kann die Behauptung von einer zur »Nachrüstung« zwingenden Überlegenheit der UdSSR im eurostrategischen Bereich nicht aufrechterhalten werden.

Unbestritten erhöht die SS-20-Stationierung Umfang und Bedrohlichkeit des sowjetischen Mittelstreckenpotentials gegenüber Westeuropa.

Aber auch Umfang und Bedrohlichkeit des dagegenstehenden TNF

( TNF = Theatre Nuclear Forces; ) ( Nato-Bezeichnung für die »Nuklearkräfte ) ( in und für Europa«. )

-Potentials der Nato sind in den letzten Jahren in nicht minder eindrucksvoller Weise mehrfach gesteigert worden und garantieren eine unverändert wirksame Abschreckung, zumal die nächsten Verbesserungen bereits bevorstehen.

Entscheidend ist jedoch vor allem, daß die SS-20-Stationierung der UdSSR keineswegs so grundsätzlich neue Möglichkeiten der nuklearen Kriegführung erschließt, wie sie den USA von den mit ganz anderer Zielsetzung entwickelten »Pershing 2«-Raketen, Marschflugkörpern und Neutronenwaffen bei einer Verfügbarkeit in Europa erschlossen werden.

Diese Systeme können deshalb nicht als Antwort des Westens auf die sowjetische Mittelstreckenrüstung gesehen werden. Vielmehr sind sie Ergebnisse eines sich ändernden nuklearen Kriegführungsdenkens in den USA, als dessen Instrumente neuartige Nuklearwaffen in Europa ohne Zusammenhang mit der SS-20 unverzichtbar sind.

Aber selbst wenn die SS-20-Aufstellung die fälschlich unterstellte, grundsätzlich neue Bedrohung Westeuropas bewirken würde, wäre der Westen schlecht beraten, wenn er der Sowjet-Union auf diesem Weg folgen und sich auf das gefährliche Terrain vermeintlicher Duellfähigkeit begeben würde.

Die zwischen Ost und West extrem unterschiedlichen Bedingungen hinsichtlich der Verwundbarkeit der Waffensysteme, der Empfindlichkeit vorgesehener Stationierungsräume, der Siedlungsdichte und damit auch der Abhängigkeit der Bevölkerung vom Funktionieren der lebensnotwendigen Infrastruktur schließen jeden Gedanken an Chancengleichheit von vornherein aus.

Für den Westen kann und darf es deshalb nur darauf ankommen, dem wie immer beschaffenen und verbesserten sowjetischen Mittelstreckenpotential mit einer überzeugenden Fähigkeit zur nuklearen Vergeltung zu begegnen.

Die Wirksamkeit dieser Abschreckung hängt jedoch wie bisher auch in Zukunft in erster Linie von der unbezweifelbaren Fähigkeit ab, mit großflächigen Zerstörungen nicht akzeptable Schäden anzudrohen und erforderlichenfalls auch herbeizuführen.

Entscheidend dafür ist allein die Unverwundbarkeit der Systeme, nicht ihre aufs äußerste gesteigerte Treffgenauigkeit, die erst bei einer Absicht, geschützte militärische Punktziele zu bekämpfen, Bedeutung gewinnt.

Als vollkommen abwegig muß die Vorstellung bezeichnet werden, mit der bewußten Inkaufnahme all jener Risiken, die sich aus der Landstationierung nuklearer Mittelstreckenwaffen für die Bevölkerung in dichtbesiedelten Ländern voraussehbar ergeben, die Bereitschaft zur Risikogemeinschaft mit den USA unter Beweis stellen zu müssen.

Das ohnehin ungleich größere Risiko der Europäer bei jeder Art von Krieg zwischen Ost und West steht außer Frage. Es wird auch von vielen fair denkenden Amerikanern gesehen, die sich genauso entschieden gegen eine »Nachrüstung« wenden wie immer mehr Menschen in Europa auch.

Es ist deshalb falsch, in den Bedenken gegen die »Nachrüstung« Anzeichen für eine antiamerikanische Haltung zu vermuten. Tatsächlich vereinigen diese Bedenken Europäer und Amerikaner in dem Bestreben, Entwicklungen zu verhindern, die zum nuklearen Krieg hinführen können.

Dieses Bestreben verdient es, von all jenen unterstützt zu werden, deren Fähigkeit zur objektiven, vorurteilsfreien Bewertung weder durch naives Wunschdenken noch durch blindwütigen Antikommunismus beeinträchtigt wird.

S.40TNF = Theatre Nuclear Forces; Nato-Bezeichnung für die"Nuklearkräfte in und für Europa«.*

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