WEGWEISER - DER SPIEGEL
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Artikel 56 / 69

Briefe

WEGWEISER
• aus DER SPIEGEL 41/1964
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

WEGWEISER

Rudolf Augsteins Aufsatz »Wege zu einer neuen Politik« gehört zum Besten, was ich seit Enzensbergers Artikel (in der »Zeit") »Bin ich noch ein Deutscher?« gelesen habe. Augstein kann differenzierend denken auf einem Feld, das wie kein anderes von berufsmäßigen Nichtdenkern beherrscht wird. Deshalb auch ist sein kluger Aufsatz umsonst geschrieben: Die, denen er Pflichtlektüre sein sollte, werden ihn nicht lesen oder nicht verstehen.

Berlin Janos Frecot

Nach vielen abwegigen Versuchen, mit unzulänglicher Sachkenntnis holprige Geschichtsklitterung zu betreiben, endlich einmal wieder ein geistiger Erguß, in dem tatsächlich Sinn und Verstand enthalten zu sein scheint. Und so was freut einen denn ja auch.

Ludwigshafen (Rhein) EDWIN SEIPT

Lassen Sie mich bitte für Ihren ausgezeichneten Artikel danken, besonders für Ihren Mut, Realpolitik zu treiben, das heißt, die Dinge in Deutschland so zu sehen, wie sie sind, und sie auch in aller Öffentlichkeit zu diskutieren.

Bückeburg (Nieders.)

DR. W. FRICKENSCHMIDT

Man braucht Herrn Augstein nicht zu bestätigen, daß er ein kluger Kopf ist und eine elegante, originelle Schreibe pflegt, aber sein Artikel »Wege zu einer neuen

Politik« ist zudem ein Nonplusultra staatsmännischer Einsicht.

Wiesbaden ALFRED HOF

Mit Abstand Ihr bester Artikel in jüngster Zeit. Hoffen wir, daß der Bonner Intellekt damit nicht überfordert ist.

Wuppertal E. SCHÜRMANN

Der Artikel von Rudolf Augstein läßt eine so souveräne Beurteilung der Lage erkennen, daß allein wegen dieses Artikels der Jahresbezug des SPIEGEL sich gelohnt hätte. Das zu erwartende Gekläff der uns allen bekannten Meute sollte Sie nicht stören, Ihnen vielmehr Freude bereiten.

Hamburg HEINZ H. R. WICHMANN

So schmerzlich es auch für jeden von uns sein muß, dem eine friedliche Wiedervereinigung am Herzen liegt, so wohltuend ist es, wenn die Lage einmal so unverblümt geschildert wird.

Wedel (Schl.-Holst.) GUNTHER TUMFORDE

Herrn Rudolf Augstein Beifall und Dank für seinen außenpolitischen Aufsatz. Was er schreibt, ist erschütternd wahr, doch diese Wahrheit wirkt in der stickigen Atmosphäre unserer offiziellen und publiken Fiktionen und Illusionen befreiend wie frische Luft.

Lahr (Bad.-Württ.) KURT RISCH

Oberstudiendirektor

Über die gegenwärtige deutsche Außenpolitik wird viel geredet. Leider geschieht es aber viel zu selten, daß ihre Ursachen mit wissenschaftlicher Methodik offengelegt werden, wie es in Ihrem ausgezeichneten Artikel geschehen ist. Nicht genug, es wird zur deutschen Frage endlich auch einmal eine mögliche Lösung entwickelt, deren Verwirklichung allerdings sehr viel Selbsterkenntnis und den Mut voraussetzt, den bisherigen so bequemen politischen Pfad zu verlassen.

Tübingen ORTWIN SIEBERT

Für jeden Eingeweihten mußte klar sein, daß Augstein nach den Artikelserien über die Schuldfrage von Weltkrieg Eins und Weltkrieg Zwei eine Erklärung darüber in Form eines konstruktiven Beitrags, natürlich kritisch gesehen, abgeben würde. Dies ist ihm, nachdem die Mentalität des »häßlichen« Deutschen mehr oder weniger richtig und begründet stilisiert wurde, besser und exakter gelungen, als die gesamte Opposition (falls es überhaupt noch solche gibt) dieses bisher vermochte und, wie es aussieht, vermögen wird; denn es wurden hier nicht nur Fehler gesucht, was fast jedem nicht allzu schwer fallen wird, sondern auch Wege gesucht... und gefunden.

Unterelchingen (Bad.-Württ.) BODO KORTE

Sie erwähnen in Ihrem Artikel die bundesdeutsche Opposition so oft, wie sie derzeit als politische Kraft im Parlament wesentlich in Erscheinung tritt: nämlich gar nicht. Diese Reverenz ist

angemessen. Unbestreitbar ist die politische Debatte im Parlament verstummt.

Heidelberg JOACHIM MÜLLER-WARDEN

Solange wir Deutschen es nicht fertigbringen, uns gegenseitig zu lieben, ist der Weg zu einer selbstbewußten, vernünftig-klugen deutschen Politik versperrt,

Aachen SIEGBERT STORCH

Eine Beendigung des fortwährenden psychologischen Krieges gegen die Zone, ja ihre Stärkung, würde dem Regime die Möglichkeit einer liberaleren, unabhängigeren Politik und zugleich eines Sympathiezuwachses bei der Bevölkerung eröffnen. Wer von den Menschen drüben kategorisch fordert und sie aus sicherer Entfernung ermuntert, ständig gegen die SED zu opponieren und jegliche Zusammenarbeit zu verweigern, während er selbst wohlstandsgesättigt und selbstgefällig dahinlebt, offenbart eine etwas dubiose Moral, denn er verlangt, daß auch in Zukunft die Zonenbevölkerung - wie in den vergangenen Jahren - allein die Zeche für den verlorenen Krieg bezahlt.

Langenfeld (Rhld.) BERND SCHOPPE

Die Existenz der DDR ist nicht für das innere Gleichgewicht der europäischen Systeme in Ost und West notwendig, da das osteuropäische System sich in einer Wandlung (in Form einer wirtschaftlichen Hinwendung zum Kapitalismus) befindet und da der Druck von 700 Millionen Chinesen in das menschenleere Rußland ohnehin jedes Gleichgewicht in Eurasien in Frage stellt. Würde sich für die UdSSR nicht ein hochindustrialisiertes Gesamtdeutschland im Rahmen eines von den USA militärisch unabhängigen Europas als Wirtschaftspartner anbieten? Der Abzug der sowjetischen Truppen aus, Mitteldeutschland an die Südostgrenze der UdSSR und der (vertraglich festgelegte) freie Rücken in Europa

würden Moskau ermöglichen, jede chinesische Aggression auf viele Jahrzehnte abzuwenden. Eine vernünftige und menschliche Regelung der deutschen Ostgrenze könnte unter diesen Umständen niemals ein Prestigeverlust für Rußland sein.

Mittenwald (Bayern) FRIEDEMANN MÜLLER

Es hat keinen Zweck, immerzu die »,Realitäten« im Osten zu beschwören und dabei gewisse Realitäten des Westens, des deutschen Westens, zu übersehen. Deren eine ist die Tatsache, daß der bürgerliche Restaurationswille, der die ganze politische Mentalität der Bundesrepublik kennzeichnet, bereits im Grundgesetz institutionalisiert worden ist: Dort nämlich, wo der Anspruch auf eine »Wiedervereinigung Deutschlands« im Sinne der Wiederherstellung eines Nationalstaates bürgerlich-demokratischer Prägung ausdrücklich, als Verfassungsgebot, erhoben worden ist.

Berlin, A. E. FONTENAY

Um das zu erreichen, was sie zu wollen vorgibt, müßte die Bundesrepublik vor allem eine echte Demokratie sein, beseelt von hohen Idealen, ohne die weder heute noch in absehbarer Zukunft die gesteckten Ziele zu erreichen sind. Nach Kaiserreich, Weimarer Republik und 12 Jahren Schreckensherrschaft bot sich endlich erstmalig die Chance zu einer wahren demokratischen Erziehung in unserem Teil Deutschlands, und diese Gelegenheit ist gründlich verpaßt worden.

Kaufbeuren (Bayern) JOSEF DIETLEIN

Die ausgezeichneten, manchmal fast zu maßvoll formulierten Ausführungen des SPIEGEL-Rerausgebers dürfen wohl, ohne zu übertreiben, als aktuelle politische Morgengabe an die bundesdeutschen Wunderkinder betrachtet werden. Aber wie viele werden den so intensiven Deutschen Augstein verstehen wollen? Bewundernswert ist, wie Augstein immer wieder versucht, die politische Erziehung des bundesdeutschen Menschengeschlechts zu gewirken. Aber als moderner Sisyphos weiß er anscheinend nicht, daß Mentalität und Grundcharakter eines Volkes schlechthin unverwandelbar sind.

Gauting (Bayern) HANS KEMP

Bravo, Herr Augstein! Mit die beste Analyse über die politische Situation der Bundesrepublik und die Frage der Wiedervereinigung, die je geschrieben wurde. Aber werden unsere Politiker, Flüchtlingsfunktionäre und diversen Volksgruppen je diese ungeschminkte Wahrheit in sich aufnehmen, da doch die Basis ihrer Throne nicht die Vernunft, sondern die von ihnen in unserem Volk gezüchteten Emotionen sind?

Dortmund DR. THEODOR WINTER

Mit unserem Schreiben vom 22. Mai 1964 haben wir Sie bereits schon einmal darauf aufmerksam gemacht, daß Finnland gegenüber der Deutschlandfrage den Grundsatz absoluter Neutralität befolgt hat. Danach ist keiner der beiden Teile Deutschlands von Finnland diplomatisch anerkannt.

Köln FINNISCHE HANDELSVERTRETUNG

Pauli Opas

Presseattaché

Gott sei Dank ist die Augsteinsche Meinung in Deutschland nicht herrschend, Russen und Polen werden sich zwar geschmeichelt fühlen. Den rechten Deutschen kann dies nur wachsamer machen. Warum eigentlich auf unsere deutschen Ostgebiete verzichten? Sie gehören seit je und für immer zu Deutschland, ja, sie sind Deutschland selbst. Woher leiten Polen und Rußland den Anspruch auf 25 Prozent deutschen Vaterlandes ab? Vielleicht weil sie den Krieg gewonnen haben?

Mühldorf (Bayern) MANFRED HOFER

Sie empfehlen also unserem Volke eine nationale Kapitulation vor dem bolschewistischen Imperialismus und die Anerkennung der ungerechten Teilung und Verstümmelung Deutschlands, die die Sowjet-Union 1945 vom Westen nicht erreichen konnte, und dies tun Sie jetzt, da sichtbar wird, daß China in dem nächsten Jahrzehnt seine ihm vor 100

Jahren von Rußland geraubten Gebiete (östlich des Baikalsees) zurückholen wird (1,5 Millionen Quadratkilometer). Ich schätze ja Ihre Intelligenz sehr hoch ein, aber ich bin traurig, daß Sie so wenig Liebe und Verständnis für unser armes deutsches Vaterland hegen.

München A. JEHNKE

Paragraph 51/1.

Kalleneck (Bayern) HERBERT FISCHER

Sie erwähnen nicht die enormen Risiken Ihres Plans: Wir würden diesem zufolge Ulbricht seine schönsten Wunschträume erfüllen - ist es aber überhaupt sicher, ob er mit einer Verselbständigung gegenüber Moskau reagieren würde? Läßt er nicht schon jetzt sehr viele Möglichkeiten zur Verselbständigung aus, die unabhängig von unserer Anerkennung existieren? Kann die DDR eine Entwicklung nehmen wie die osteuropäischen Staaten, die dort auf nationalem Bewußtsein beruht? Wie soll sich in der DDR an der Seite des großen bundesrepublikanischen Deutschland ein nationales deutsches Bewußtsein bilden? Gibt es Männer in der Funktionärsschicht der DDR, die von der Bevölkerung so akzeptiert werden würden wie zum Beispiel Gomulka in Polen? Würde die Sowjet-Union nicht mit Macht die allmähliche Ablösung Ihres wichtigsten Satelliten zu verhindern suchen?

Hamburg KURT EBERHARD

Der Aufsatz mag viele richtige Beobachtungen und Erkenntnisse enthalten, im Kern kann er nicht überzeugen, wenn er uns zumutet, uns mit dein Folgen der Hitler-Katastrophe im staatlichen Aufbau unseres Landes abzufinden.

Die Deutschen wünschen, in einem gemeinsamen freien Staatswesen zusammenzuleben; und sie haben sich zu diesem Ziel in den beiden demokratischen Grundgesetzen ihrer Geschichte, der Weimarer Verfassung von 1919 und dem Bonner Grundgesetz von 1949 in feierlicher Form bekannt. Dieses Ziel entspricht aber völlig dem allgemein anerkannten Gedanken der heutigen Weltpolitik, den Grundsätzen der Selbstbestimmung und des Anspruchs auf staatliche Einheit, Grundsätzen, denen während der letzten fünfzehn Jahren in allen Teilen der Welt auch unter noch so ungünstigen Umständen immer wieder als einer Selbstverständlichkeit Rechnung getragen worden ist.

Eine machtpolitische Konstellation, die wie alle machtpolitischen Konstellationen vorübergehen wird, kann weder dem betroffenen Volk noch den übrigen Völkern das Recht geben, eine Ausnahme - sie wäre die einzige Ausnahme - von einem so elementaren Grundsatz des modernen Weltgeschehens hinzunehmen. Hier ist ein Verzicht im Grunde gar nicht denkbar. Sollte

eine Generation versagen, weil sie ein schlechtes Gewissen hat, oder aus Mutlosigkeit oder Wohlstandsträgheit, so wird eine der nächsten Generationen, dann vielleicht mit sehr viel ernsteren Erschütterungen, das Unrecht zu beseitigen suchen.

Allerdings hat Augstein nur zu sehr recht, wenn er feststellt, daß der grundsätzliche Anspruch unter den gegebenen Umständen keine Aussicht auf Verwirklichung besitzt. Aber dann müssen die »Wege zu einer neuen Politik« gesucht werden, die diese ihrer Natur nach wandelbaren Umstände verändern, vielleicht sehr langsam verändern, vielleicht unter mancherlei Rückschlägen und Enttäuschungen verändern, aber eben doch verändern.

Das heißt, es muß, wie ich seit dem Kriegsausgang auch auf Parteitagen meiner politischen Freunde immer wieder gefordert habe, endlich ein besseres Verhältnis zur Sowjet-Union erarbeitet werden, von der doch nun einmal die Erfüllung der Ansprüche des deutschen Volkes praktisch allein abhängt. Hier, und nicht, wie Augstein ausführt, in einer unüberwindlichen Abneigung der ganzen Welt gegen ein vergrößertes Deutschland, liegt nach meiner Überzeugung die Hauptursache für die bisherige Erfolglosigkeit der Wiedervereinigungspolitik.

Bonn PROF. DR. H. C. F. FRIEDENSBURG

Augstein sagt in knapp fünf Druckseiten mehr Wahres, bringt mehr politische Erkenntnisse als der bramarbasierende Eitel-Erhard während seiner ganzen Kanzlerzeit.

Kaiserslautern WINFRIED SCHLEY

An Bonn: Beherzigen3.

Alexandria (USA) JAMES P. AKIN

Was könnte sich Kanzler Erhard für Verdienste um Deutschland erwerben, wenn er sich herabließe, auch nur einige wenige Gedanken aus des unscheinbaren Augsteins Ideen-Vorrat, wenigstens zum Überlegen, herauszunehmen.

Hof/Saale ERICH ROHLEDER

Als politisch interessierter Beamter dieses Staates und als passionierter SPIEGEL-Leser möchte ich Ihnen für die ausgezeichnete Analyse meinen herzlichsten Dank sagen. Ich habe immer noch die Hoffnung, daß die notorischen Versager in Bonn diese für unsere Zukunft so eminent wichtigen Erkenntnisse nicht noch länger in den Wind schlagen. Denn das bloße Versprechen der Wiedervereinigung oder die Forderung der Wiedervereinigung, die bloß formale, die bloß verbale Forderung nach nationalem Selbstbestimmungsrecht in der Zone kann keine realistische und keine fruchtbare Politik sein.

Babenhausen (Hessen) CLAUS PERSCHBACHER

Wie kaum ein zweiter Journalist in Deutschland haben Sie mutig und klar gezeigt, wie aussichtslos ein Weiterführen der bisherigen Ostpolitik für die Wiedervereinigung Deutschlands ist und welche neuen Wege zu gehen sind, um dieses höchste Ziel der deutschen Politik zu erreichen. Bedenken kommen mir nur, wenn ich an die Verwirklichung der von Ihnen vorgeschlagenen Politik denke. Welche deutsche Regierungspartei, gleichgültig ob CDU oder SPD, und welcher Kanzler können auf absehbare Zeit vom deutschen Volk solche Opfer verlangen, ohne spätestens nach vier Jahren abgewählt zu werden?

Wie umstritten und schwer durchführbar schon die ersten Schritte einer neuen Politik gegenüber Osteuropa, beispielsweise die Errichtung von Handelsmissionen, sind, beweisen die zahlreichen Angriffe, denen Außenminister Gerhard Schröder augenblicklich ausgesetzt ist.

Köln ERICH UEBERHORST

Die aufgezeigten »Wege zu einer neuen Politik« scheinen mir zu beweisen, daß nicht nur Beamte, sondern auch Journalisten ihre Zeit damit zubringen, am Vormittag einen Knüppel zu suchen, mit dem sie die Nachmittagsstunden totschlagen können. Im übrigen: Möge es Ihnen gelingen, eine Art von »Prälat zur Woche« zu finden, der hilft, die von Anzeigen freigebliebenen Flächen mit Bedrucktem zu bedecken.

Berlin OTTO MASS

CDUMdB Friedensburg

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