Das Schlimme an der Außenpolitik des Präsidenten Reagan ist, daß sie funktioniert und daß sie noch eine ganze Weile funktionieren wird. Die Kommunisten in Moskau haben sich noch immer geduckt, wenn man ihnen mit Macht entgegentrat. Soviel Vernunft, wie Moskau derzeit demonstriert, ist beinahe beängstigend.
Noch immer haben sie sich geduckt, aber auch nicht mehr. Sie haben ihre Existenz nie aufs Spiel gesetzt, weder indem sie ihren Anspruch einer gleichberechtigten Weltmacht aufgegeben, noch indem sie der mächtigeren Vormacht zuviel zugemutet hätten. Sie waren sich immer bewußt, die zweite Macht zu sein, die danach strebt, der ersten gleich zu werden, was man im Gewande des Weltrevolutionärs ebenso unternehmen kann wie als klassische konservative Gruppierung.
Das Schlimme an der Politik der Vereinigten Staaten ist, daß sie ihre eigenen Absichten nicht »versteht«, will sagen, nicht ehrlich definiert, weil sie in Fragen der Moral prinzipiell unehrlich handelt. Sie will, da Kissinger mit seinen bi-polaren Beschwörungsformeln aufgelaufen ist, die Sowjets ein für alle Mal in die Rolle einer zweitklassigen Macht verweisen, deren Aktionsradius von der ersten Macht, von den USA, bestimmt wird.
Dies kann und dies wird nicht gutgehen, am ehesten noch gut, wenn diese Politik scheitert. Es gibt tatsächlich diesen Grund-Dissens zwischen den USA und ihren Nato-Verbündeten, daß letztere den Erfolg einer Politik nicht wünschen können, den sie doch eigentlich wünschen müßten.
Die Sowjets legen ihre Politik offen dar. Aber man hat nicht das Gefühl, daß sie an Ziele und Methoden dabei glauben. Die USA hingegen bemänteln, was sie ernsthaft vorhaben, man muß fürchten, daß sie ihre moralische Überlegenheit für echt halten. Es ist, als hätte es keinen Thukydides und keinen Machiavelli je gegeben, auch »einen Fichte, der doch aus beiden das Resümee zieht: Der Nachbar« » es sei denn, daß er dich als seinen natürlichen Alliierten » » gegen eine andere euch beiden furchtbare Macht betrachten » » müsse, ist stets bereit, bei der ersten Gelegenheit, da er es » » mit Sicherheit können wird, sich auf deine Kosten zu » » vergrößern. Er muß es tun, wenn er klug ist, und kann es » nicht lassen, und wenn er dein Bruder wäre.
» Es ist gar nicht hinreichend, daß du dein eigentliches » » Territorium verteidigest, sondern auf alles, was auf deine » » Lage Einfluß haben kann, behalte unverrückt die Augen offen, » » dulde durchaus nicht, daß irgend etwas innerhalb dieser » » Grenzen deines Einflusses zu deinem Nachteile verändert » » werde, und säume keinen Augenblick, wenn du darin etwas zu » » deinem Vorteile verändern kannst; denn sei versichert, daß » » der andere dasselbe tun wird, sobald er kann, versäumst du es » » nun an deinem Teile, so bleibst du hinter ihm zurück. Wer » » nicht zunimmt, der nimmt, wenn andere zunehmen, ab. »
Demnach wäre, was in El Salvador geschieht, nicht wirklich verschieden von dem, was in Afghanistan geschieht. So paßt ins Bild, daß der frühere Botschafter in El Salvador, Robert E. White, El Salvador schon mit Afghanistan vergleicht. Diesen Vorteil haben die Amerikaner immer noch, daß irgendwer zu irgendeinem Zeitpunkt, mag es nun für die Karriere günstig sein oder nicht, sagt, was ist.
Man wird Reagan und Haig ganze Bibliotheken kaufen können, und dennoch werden sie sich selbst nicht eingestehen, daß jener 57 Jahre alte Sowjet-Experte des Nationalen Sicherheitsrats, der in Polen geborene Harvard-Professor Richard Pipes, die tatsächliche Politik der USA korrekt definierte, als er sagte: »Die Sowjetführer müssen zwischen einem friedlichen Wandel ihres kommunistischen Systems in der Art des Westens wählen oder einen Krieg auslösen. Es gibt keine andere Alternative, und die Wahl könnte in der einen oder anderen Weise ausfallen.«
Die Agentur Reuter hatte ihn so verstanden, aber Pipes will es so nicht gesagt haben. Vielmehr, er habe gesagt, wachsende ökonomische Probleme würden Moskau zwingen, entweder innenpolitische Reformen einzuleiten oder sich auf den Weg gefährlicher außenpolitischer Abenteuer zu begeben. Was immer er gesagt haben mag, es ist dasselbe. Ebenso steht fest, wie die »Süddeutsche Zeitung« meldet, daß diese Äußerungen weitgehend der tatsächlichen Auffassung der Regierung Reagan entsprechen, sofern es eine Regierung Reagan schon gibt.
Daß dies keine rein ökonomische Frage ist, und die Ökonomie von der Psychologie nicht zu trennen, und daß sogar die innenpolitische Basis der USA solch eine nur äußerlich eindeutige Politik nicht tragen würde, das lassen Haig und Reagan außer acht.
Nichts gegen eine Politik des »containment«, des klaren Gegenhaltens da, wo klare Interessen bedroht sind und wo der Gegner nachgeben kann. Nichts gegen die gute alte Containment-Politik des historisch gebildeten George Kennan, nicht einmal etwas gegen die von Henry Kissinger, der zu sehr an die glatten Formeln glaubte, an die »Philosophie« einer Politik.
Aber es wäre schön, wenn Reagan und Haig ein wenig Geschichte studiert hätten. Sie halten offenkundig für möglich, daß sie die zweite Macht in ihrer Zweitrangigkeit festnageln, daß sie sich selbst keine, ihr aber Grenzen setzen.
Ökonomisch, dies noch einmal gesagt, wäre das möglich, wenn es eine Ökonomie ohne interne psychologische Schwellungen gäbe, und eine Machtpolitik ohne Rücksicht auf die Ökonomie, wie zu Zeiten der alten Römer. Alexander Haig, sein auslaufendes Cäsarengesicht zeigt es, sieht sich als alten Römer. Die Russen wären dann die Parther, oder die Numidier, eine im Zeitalter der »cruise missiles« absurde Vorstellung.
Der Kriegsphilosoph Carl von Clausewitz hatte seinerzeit sehr unrecht, als er davon ausging und zum Lehrsatz erhob, daß gleichartige Mächte, Großmächte also, im Ernstfall immer über gleichartige und demgemäß gleich starke Waffensysteme verfügten. Da er kein Prophet sein wollte, sondern sagen wollte, was ist, hatte er damit unrecht. Es sind noch Kriege nach ihm wegen unterschiedlicher Bewaffnung an sich gleichartiger Mächte gewonnen oder verloren worden, siehe 1940.
Nur, heute hätte er mit dieser Feststellung recht. In der uns bekannten Geschichte haben nur die Römer eine einzigartige Militärmaschinerie über Jahrhunderte hinweg aufrechterhalten. Der große Alexander lebte von seinem Genie, nicht von seiner Infrastruktur, und er lebte nicht lange.
Vor ihm, als die Athener ihren Nachbarn zu mächtig wurden, gab es, von der zweiten Macht Sparta angestiftet, den Peloponnesischen Krieg, der mit dem Untergang der altgriechischen Staatenwelt endete. Athen hatte »rein ökonomisch«, wie heute die See- und Handelsmacht USA, die Mittel, um eine unangefochtene Vormacht zu werden.
Aber das System gab für die Vormacht Athens nichts her. Deshalb kann man heute von den USA nicht verlangen, daß sie ihre Macht zügeln, sondern daß sie die Grenzen ihrer Macht erkennen. Das wäre nämlich »containment« nicht nur gegenüber dem Feind.
Die heutige Staatenwelt, so wenig wie die griechische, wird die absolute Vorherrschaft einer Weltmacht nicht hinnehmen. Wir haben zwei, wenn S.23 nicht demnächst drei Weltmächte, und den kriegerischen Untergang einer von ihnen würde unsere Staatenwelt nicht überleben.
Die Politik der USA, unausgesprochen schon vor Reagan und Haig, ausgesprochen seit Reagan und Haig, schädigt das Gleichgewicht, weil sie kein Gleichgewicht mehr will. Sie setzt sich und uns unvernünftige Ziele. Sie wird von Praktikern geführt, die ihr politisches Handwerk des Weltpolitikers nicht verstehen, wird geführt von, mangels Phantasie und Intellekt, Dilettanten; der eine ist ein Provinz-Gouverneur, inzwischen krankgeschossen, der andere ein herzinfarktgeschädigter General.
Alles Moskowitertum »totzurüsten«, ist eine gute Idee beim Bier. Nur wird unsere Staatenwelt das nicht wollen, weil eine innere Stimme uns sagt, daß mehr Machtzentren als eines sein müssen, und daß man das zweite deshalb nicht totrüsten kann.
Die Sowjets werden sich ducken, wie sie jetzt tun. Mehr aber nicht. Sie werden darauf rechnen, daß wir, wie auch andere, nicht mitmachen, sie zu Recht und wir zu Recht. Sie werden auf die Innenpolitiken unserer Staatenwelt zählen, sehr zu Recht, die Innenpolitik der USA selbst nicht ausgenommen.
Fragt man sich, was wir hier zu tun haben, so stößt man schnell auf die Antwort, daß wir ein Land sind, so souverän etwa wie die DDR. Wir mögen uns einbilden, eine eigenständige Außenpolitik zu treiben. Sie besteht aber in Wahrheit darin, daß wir, wie unsere Nachbarn auch, Sand ins Getriebe tun, damit es auf dieser Welt keine absolute Vormacht gibt.
Nach wie vor können wir uns daran festhalten, daß wir an der deutschen Spaltung und an dem Sonderstatus von West-Berlin nicht unschuldig sind. Aber die Vergangenheit schläft, es liegt auch gar nicht an uns, sie aufzuwecken.
Da wir außerstande sind, einen archimedischen Punkt neben der Politik der beiden Weltmächte zu gewinnen, müssen wir uns nur überlegen, ob wir lieber hier oder lieber im Osten zu Hause sind. Die intellektuelle Redlichkeit gebietet uns die Antwort, daß wir alle, nahezu alle, lieber hier als drüben sind, mag diese Entscheidung »objektiv« auch nicht nachprüfbar oder begründbar sein.
So bleibt uns die sonderbare Aufgabe, uns einerseits die Protektion der Schutzmacht USA zu verdienen. Andererseits müssen wir, wo immer wir das tun können, ohne dabei ertappt zu werden, Sand ins Getriebe streuen. Wir müssen so wenig rüsten wie möglich, wir müssen dem Bestreben, die Russen totzurüsten, widerstehen. Der Friede dieser Staatenwelt, und hinter ihr wird es für uns keine mehr geben, verlangt das. Wehe den Siegern!
S.22
Der Nachbar, es sei denn, daß er dich als seinen natürlichen
Alliierten gegen eine andere euch beiden furchtbare Macht betrachten
müsse, ist stets bereit, bei der ersten Gelegenheit, da er es mit
Sicherheit können wird, sich auf deine Kosten zu vergrößern. Er muß
es tun, wenn er klug ist, und kann es nicht lassen, und wenn er dein
Bruder wäre.
Es ist gar nicht hinreichend, daß du dein eigentliches Territorium
verteidigest, sondern auf alles, was auf deine Lage Einfluß haben
kann, behalte unverrückt die Augen offen, dulde durchaus nicht, daß
irgend etwas innerhalb dieser Grenzen deines Einflusses zu deinem
Nachteile verändert werde, und säume keinen Augenblick, wenn du
darin etwas zu deinem Vorteile verändern kannst; denn sei
versichert, daß der andere dasselbe tun wird, sobald er kann,
versäumst du es nun an deinem Teile, so bleibst du hinter ihm
zurück. Wer nicht zunimmt, der nimmt, wenn andere zunehmen, ab.
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