SCHULEN Weicher Einstieg
Im Ausland fiel es dem niedersächsischen Kultusminister Georg-Berndt Oschatz (CDU) wieder ein: Ausländerkinder haben in deutschen Schulen Schwierigkeiten; sie »sind deutlich stärker belastet als ihre deutschen Klassenkameraden«.
Von der fünften Klasse an müssen sie gleich drei Sprachen üben: Deutsch, die erste Fremdsprache (in der Regel Englisch) und die »jeweilige Muttersprache«. Das »gleichzeitige Erlernen«, klagte der Minister auf einem deutschitalienischen Symposion jüngst in Urbino (Italien), führe »oftmals dazu, daß der gewünschte und mögliche Erfolg in der Schule ausbleibt«.
Daher soll künftig in niedersächsischen Schulen nicht »nur Türkisch, sondern auch Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Griechisch und Serbokroatisch« als »erste Fremdsprache für die ausländischen Schüler der entsprechenden Herkunftsländer angeboten und anerkannt« werden. Englisch entfällt.
Minister Oschatz verspricht sich davon Vorteilhaftes für die »schulische Integration der ausländischen Kinder und Jugendlichen unter Wahrung ihrer kulturellen Identität": Von der Drei-Sprachen-Belastung befreit, könnte ein höherer Anteil ausländischer Schüler - derzeit scheitern 50 bis 60 Prozent in deutschen Schulen - einen Hauptschulabschluß erreichen.
Viele ausländische Kinder schalten, weil sprachlich überfordert, im Unterricht einfach ab, werden, wie eine Forschungsgruppe der Universität Mannheim herausfand, »in die Rolle von Taubstummen und Klassentrotteln gedrängt«. Insofern wirkt die niedersächsische Initiative wie ein längst fälliges Stück Integrationspolitik - aber nur auf den ersten Blick.
Denn der Vorteil der Belastungsminderung wiegt die Nachteile, die den ausländischen Schülern durch den Verzicht auf Englisch erwachsen, nicht auf. Wer keine englischen Grundkenntnisse mitbringt, kann in der Bundesrepublik auch keine Oberschule besuchen - Abitur und Studium bleiben den jungen Türken oder Jugoslawen versperrt.
Schon jetzt sind, im Verhältnis, weit mehr ausländische als deutsche Jugendliche arbeitslos. Und auch die Oschatz-Methode wird nicht verhindern können, daß für die meisten jungen Ausländer die Schulzeit nahtlos in die Jugendarbeitslosigkeit übergeht. Als Ausweg böte sich dann womöglich verstärkt die Rückkehr in die Heimat an, deren Sprache die Ausländerkinder als Fremdsprache gelernt haben - durchaus vereinbar mit der von der Union proklamierten Ausländerpolitik.
Offenbar haben Eltern der ausländischen Schulkinder das widersprüchliche Bildungskonzept - schulische Integration, berufliche Sackgasse - durchschaut. Denn überall dort, wo die Muttersprache als erste Fremdsprache angeboten worden ist, blieb der Zuspruch hinter den Prognosen der Schulpolitiker zurück - etwa in Baden-Württemberg, wo seit
1980 ein Schulversuch »Türkisch anstelle von Englisch« läuft. Von knapp 50 000 Türken im Grund- und Hauptschulalter nahmen nicht mehr als 700 am Türkisch-Unterricht teil.
Der Versuch, bekennen baden-württembergische Kultusministeriale, wurde »bei weitem nicht so stark angenommen wie erwartet«. Das Ministerium erkundete bei Eltern den Wunsch, »daß unsere Kinder in allen Fächern genauso wie die deutschen Schüler unterrichtet werden, auch in Englisch«.
In Nordrhein-Westfalen, dem ausländerreichsten Bundesland (Motto des Kultusministers Hans Schwier, SPD: »Integration heißt nicht Abnabeln vom alten Kulturkreis"), wird das neue Angebot ebenfalls nicht voll genutzt.
Zwar wurden im Schuljahr 1982/83 in über 250 Klassen diverse Fremdsprachen von Türkisch bis Serbokroatisch, von Griechisch bis Polnisch und Russisch für Spätaussiedler unterrichtet. Doch den alternativen Sprachunterricht auch in der Sekundarstufe II fortzuführen war, so Schwier-Referent Michael Rüdell, »nicht ermutigend«. Die Ausländerschüler seien, wenn sie es einmal so weit gebracht haben, »so assimiliert, daß sie fast schon lieber nichts mehr mit ihrer Heimat zu tun haben wollen«.
Während die Schulbehörden in Hamburg Ausländerkindern mit guten Deutschkenntnissen vom Alternativangebot abraten und das hessische Kultusministerium die Muttersprache als erste Fremdsprache lediglich als »weicheren Einstieg« ins harte Schülerleben anbietet, setzt die Berliner Schulverwaltung auf das neue Modell.
Derzeit nehmen rund 800 türkische Schüler aus 18 Grund- und Hauptschulen, zumeist in Kreuzberg gelegen, am Schulversuch »1. yabanci dil yerine Türkce« teil. Aber die Senatspläne gehen davon aus, daß künftig wenigstens ein Drittel bis zur Hälfte der rund 3500 bis 4000 türkischen Schüler pro Jahrgang sich für »Türkisch anstelle der ersten Fremdsprache« entschließen.
Etwa 3000 Exemplare einer von Schulsenatorin Hanna-Renate Laurien (CDU) herausgegebenen Informationsbroschüre für Türken sind bereits verteilt. Ihr können türkische Eltern entnehmen, daß ihr Kind einen qualifizierten Hauptschulabschluß (gleichwertig dem Realschulabschluß) »ohne Englisch-Kenntnisse nicht erhalten« kann.
Daß nicht nur ausländische Eltern reserviert dem neuen Unterrichtsfach gegenüberstehen, erfuhren auch die Niedersachsen. Die Bezirksregierung Hannover versuchte, zwei Schulleitungen zu überreden, noch vor dem Inkrafttreten des Oschatz-Erlasses, Türkisch anstelle von Englisch zu unterrichten.
Doch die Schulen weigerten sich - mit dem Hinweis, sie wollten keine »Türkenschulen« werden. Ein Oschatz-Beamter: »Was wir da zu hören bekamen, war schlimm.«