Wetten, dass wieder mal niemand seine Grübchen erwähnt? Dieses Lächeln à la Jimmy? Das aber eben nicht im Gesicht eines Boys, der seinen Porsche früh vor den Baum setzt; sondern im Gesicht eines Mannes, der das Leben genießt und trotz aller Verletzlichkeiten und Irritationen genau weiß, was er will: ein eigenes Blatt und eine öffentliche Stimme! Was einen Mann allemal ziert.
Wir sehen, meine Geschichte mit Rudolf Augstein ist die einer Zuneigung. Und das wäre sie wohl auch ungetrübt geblieben, wäre da nicht die Sache mit den Männern & Frauen gewesen. Aber die kommt später. Zunächst bleibt Zeit für ungetrübte Gefühle.
Angefangen hat das Faible der frühen SPIEGEL-Leserin im Teenager-Alter. Hohe Wogen schlug meine Zuneigung mit 19, als nicht nur ich mit Empörung erlebte, wie das böse Adenauer-Regime den tapferen SPIEGEL-Herausgeber in den Kerker warf. Und noch heute erinnere ich mich genau, wie gut ich es fand, dass er selbst darauf ganz ohne Pathos und mit der gewohnt distanzierten Ironie reagierte.
Früher hätte ich es wohl so nicht formuliert: Aber natürlich war Augstein neben Dönhoff (und Heine) mein journalistisches Vorbild! Und selbstverständlich wollte ich nach meinem Volontariat in den provinziellen »Düsseldorfer Nachrichten« dringlichst sofort zum großen SPIEGEL oder ersatzweise wenigstens zur »Zeit«.
Doch es sollte noch sechs Jahre dauern, bis Augstein mich anheuerte. 1974, beim Chinesen in Hamburg. Da war ich zwar schon als Feministin auffällig geworden, unter anderem mit diesem oder jenem Beitrag im SPIEGEL, aber ich hatte mir noch nicht den »Kleinen Unterschied« zu Schulden kommen lassen. Sonst hätte der Herausgeber der jungen Korrespondentin vielleicht nicht mehr die Stelle einer SPIEGEL-Reporterin angetragen (was sogleich einen so virulenten hausinternen Protest auslöste, dass wir beide einvernehmlich auf das Vorhaben verzichteten - zum Glück: Sonst gäbe es vielleicht die »Emma« nicht).
Angespannter wurde die Lage, auch zwischen Augstein und mir, als wir Feministinnen das chronische Frauen-Faible für die Männer, ja sogar für die netten - die, die so wie er, nicht zuletzt auf Grund der eigenen Weiblichkeit mehr von Frauen verstanden -, aufkündigten. Das musste einen wie ihn ins Mark treffen. Denn er war ja von Anfang an und ganz direkt vom neuen Frauenspott über das alte Männlichkeitsgehabe betroffen. Entsprechend gereizt hat der SPIEGEL-Macher dann auch agiert - und entsprechend genervt haben wir reagiert.
Selbstverständlich kürte ihn »Emma« 1977 zum ersten »Pascha des Monats« ("angekratzter Männlichkeitswahn"). Selbstverständlich stammt einer der albernsten Kommentare zu der von uns angezettelten Klage gegen die »frauenerniedrigenden« Titel des »Stern« aus seiner sonst so brillanten Feder. Und das, obwohl - besser: weil - er mehr verstand als die meisten Männer.
Aber ebenso selbstverständlich war es für ihn, als einer der Ersten einen Text für die alsbald von mir geplante Männer-Ausgabe von »Emma« zu schicken (die leider nie erschien). Und das, obwohl er gerade in New York war. Und ebenso klar war es für ihn, 1983 extra in Köln anzureisen für das WDR-Streitgespräch, für das ich ihn als Gegenpart vorgeschlagen hatte.
Dieses TV-Gespräch zwischen uns sollte ein Highlight feministischer Medienkritik werden: an uns beiden. Ich sei, spottete damals die Kommunikationsexpertin Senta Trömel-Plötz, »mit einer Liebeserklärung« in das TV-Gespräch eingestiegen: »Weil ich Sie mag.« Und das auch noch gleich zweimal. »Will sie damit Augstein günstig stimmen, für sich gewinnen?«, rätselte die Linguistin im Resümee der akribischen wissenschaftlichen Analyse, für die jede unserer Gesten und jedes unserer Worte aufgelistet wurden und die zu dem Schluss kam: »Gleichrangigkeit und Symmetrie« seien hier nicht gefragt gewesen, von ihm nicht. »Oder will sie ihn verwirren, verunsichern, irritieren?« - Sie wollte vermutlich beides.
Mein Faible für Rudolf Augstein hat lebenslang nicht nachgelassen. Aber es kam die Enttäuschung hinzu. Die Enttäuschung über den Doublebind, mit dem ein Mann wie er einer Frau wie mir von nun an begegnete: privat von gleich zu gleich, öffentlich von oben herab.
In meine dritte Augstein-Phase geriet ich 1993, als ich anlässlich meines Buches über den Doppel(selbst)mord von Bastian/Kelly in die Welt des General Bastian eintauchte. Seither sinniere ich dieser deutschen Männergeneration nach: Männer, die als halbe Kinder in den Krieg kamen (Rudolf war 18); Männer, die entsetzliches Leid zugefügt und erlitten haben; Männer, die zurückgekehrt sind, aber meist nur in Alpträumen über all das gesprochen haben; Männer, die ihren Schmerz kaschiert haben hinter einer eisernen Faust oder einem ironischen Lächeln. Liebend gern hätte ich gerade mit Rudolf Augstein auch darüber gesprochen. Ich habe es nie getan.
Die Publizistin Alice Schwarzer, 59, ist Herausgeberin der Zeitschrift »Emma«.