Weinbergers heimlicher Falkland-Krieg
Die britische Operation zur Rückeroberung der Falkland-Inseln vor zwei Jahren hätte ohne amerikanische Hilfe nicht begonnen, geschweige denn gewonnen werden können. Diese Hilfe begann nicht, wie allgemein angenommen wurde, nach dem Fehlschlag der Friedensmission Haigs am 1. Mai 1982 und Präsident Reagans öffentlicher »Parteinahme« für Großbritannien. Sie setzte ein, ehe die britische Falkland-Flotte überhaupt ausgelaufen war. Es gab vertrauliche Gespräche zwischen der britischen und der amerikanischen Marine mit Wissen und Billigung von Verteidigungsminister Caspar Weinberger. Diese Unterstützung wurde häufig vor anderen Mitgliedern beider Regierungen verborgen gehalten, um Verwirrung zu vermeiden.
Seit dem Ende des Krieges haben die USA und Großbritannien ein Interesse daran, das Ausmaß dieser Hilfe nicht publik werden zu lassen. Das State Department in Washington fürchtet um seine angeschlagenen Beziehungen zu Lateinamerika. Das britische Außenministerium hat Verständnis für diese Sorge. Außerdem ist London verständlicherweise darauf bedacht, den Sieg als rein britischen darzustellen, und die Verteidigungsminister haben sich hartnäckig geweigert, über das Ausmaß der amerikanischen Hilfe zu sprechen.
Englands Streit mit Argentinien über die Falkland-Inseln hatte die Beziehungen zwischen London und Washington nie belastet. In der Frage der Souveränität über die Falkland-Inseln waren die Vereinigten Staaten neutral.
Es gab ein deutliches außenpolitisches Motiv für Washingtons Neutralität: Die Reagan-Administration betrieb eine Politik der behutsamen Annäherung zwischen Nord- und Südamerika.
Doch nicht nur außenpolitische Erwägungen veranlaßten Washington, sich herauszuhalten; gegen eine Einmischung sprach auch Amerikas Globalstrategie. Die Falkland-Inseln waren für die Nato nicht nur ohne Bedeutung, sie lenkten sogar von ihr ab. Großbritannien hatte schon eine Woche vor der argentinischen Invasion Atom-U-Boote und Versorgungsschiffe aus Nato-Einheiten abgezogen. Nun würde die Falkland-Flotte die Nordflanke gefährlich entblößen. London, so glaubte man in Washington, schien alarmierend falsche Prioritäten zu setzen.
Die Entscheidung des Nationalen Sicherheitsrats am 1. Mai 1982, sich nun doch hinter Großbritannien zu stellen, wurde deshalb im State Department und Pentagon scharf kritisiert. An jenem Tag befand sich die englische Falkland-Flotte bereits im Südatlantik.
Ihre Logistik war unglaublich störanfällig. Sie stellte sich einer schwerbewaffneten argentinischen Kriegsflotte. Amerikanische Marineexperten bezweifelten sehr, daß Großbritannien einen eindeutigen Sieg erringen könnte. Eine umkämpfte Landung auf den Falkland-Inseln könnte eine Katastrophe werden. (Britische Beurteilungen waren zu der Zeit ähnlich düster.)
Amerika konnte es sich jetzt nicht mehr leisten, einer Niederlage Großbritanniens unbeteiligt zuzuschauen. Aber
es war äußerst wichtig, daß Großbritannien so bald wie möglich siegte, ohne daß die amerikanische Unterstützung allzu offenkundig würde.
Für die Lagebeurteilung der US-Marine sprach viel. Großbritannien war für einen Seekrieg im Südatlantik schlecht gerüstet. Es verfügte nicht über genug Satellitenkapazität; der ungestörte militärische Kommunikationsfluß war behindert. Es besaß auch nicht genug Luft-Luft-Raketen, die seinen »Harrier«-Jagdbombern ausreichende Kampfkraft verliehen hätten, um es mit Argentiniens »Super Etendard« und »Mirage« aufzunehmen. Vor allem aber besaß Großbritannien keine Stützpunkte in der Nähe der Falkland-Inseln und brauchte ungeheure Mengen von Flugzeugtreibstoff, um 8000 Meilen von zu Hause und 4000 Meilen vom nächsten Stützpunkt auf der Insel Ascension entfernt kämpfen zu können. Die aktive Unterstützung der Vereinigten Staaten war entscheidend.
Caspar Weinberger, der amerikanische Verteidigungsminister, erkannte die logistischen Probleme Großbritanniens. Der Schlüssel lag in dem Stützpunkt »Wideawake« der US-Luftwaffe auf der britischen Insel Ascension. Obgleich Großbritannien nach dem Pachtvertrag das Recht hatte, »Wideawake« im Notfall zu benutzen, würde in diesem Fall mehr als eine einfache »Nutzung« nötig sein.
Von dem Tag an, als die Falkland-Flotte auslief, überflutete die britische Militärmission in Washingtons Massachusetts Avenue das Pentagon mit tausenderlei Wünschen - von Raketen bis hin zu Flugzeugtreibstoff. Zwischen dem britischen Flottenhauptquartier in Northwood und den Freunden in der U.S. Navy liefen die Telephondrähte heiß. Viele dieser Anfragen blieben höheren Beamten verborgen. Denen, die direkt beteiligt waren, schien es manchmal, als ob die beiden Kriegsmarinen wie eine einzige funktionierten.
Weinberger kannte den Widerstand der Lateinamerika-Lobby innerhalb der Administration und holte sich deshalb die Zustimmung für diese Unterstützung direkt bei Präsident Reagan. Man nimmt an, daß er nicht den gesamten Nationalen Sicherheitsrat informierte. Beobachter in Washington bezweifeln, daß Außenminister Haig in größerem Umfang informiert war.
Da der größte Teil der US-Hilfsgüter direkt nach Ascension geschickt wurde, mußte die Insel mit einem engen Sicherheitsnetz umgeben werden. Journalisten an Bord der Falkland-Flotte nahmen an, dies diene dazu, militärische Informationen vor Argentinien geheimzuhalten. Es diente aber auch dazu, daß die Welt (und auch das State Department?) nicht erfuhren, wie weit die amerikanische Hilfe für Großbritannien ging.
Im Pentagon bildete Weinberger eine zentrale Clearing-Gruppe mit direktem Zugang zu seinem Büro. Rund 15 »Eingangskörbe« wurden aus dem üblichen langen Dienstweg zur Bereitstellung von Mitteln herausgenommen. Der Offizier, der die Anforderungen entgegennahm, hatte Weinberger am Ende jeden Tages persönlich Bericht zu erstatten. Das Material wurde aus dem Arsenal innerhalb von 24 Stunden, statt der üblichen zwei Wochen, bereitgestellt.
Die amerikanische Falkland-Hilfe unterteilte sich in drei Kategorien. Zum einen für Ascension selbst: Zusätzliche Unterkünfte und Wasseraufbereitungsanlagen wurden bereitgestellt. Straßen wurden repariert und Treibstoff-Pipelines gebaut. Die erstaunliche Menge von rund 50 Millionen Liter Flugzeugtreibstoff wurde aus den amerikanischen Verteidigungsvorräten den Briten zur Verfügung gestellt.
Dies war viel mehr als nur die strategischen Vorräte, die Amerika auf Ascension selbst lagerte. Die Briten baten sogar darum, daß ein amerikanischer Tanker im mittleren Atlantik umgeleitet würde. Amerikanisches Kerosin füllte die Tanks der »Victor«-Tankflugzeuge, der »Nimrod«-Aufklärungsflugzeuge, der »Vulcan«-Bomber, die Port Stanley bombardierten, der C-130-Transporter, die den Nachschub für die Schiffe und die Truppen an Land abwarfen (dafür wurden 18 amerikanische Container bereitgestellt). Großbritannien hätte diesen Treibstoff auf dem freien Markt beziehen können, aber das wäre eine aufwendige und zeitraubende Angelegenheit gewesen. Die Zeit drängte.
Dann waren da die Waffen, allen voran die neue »Sidewinder« AIM-9L-Rakete, die wirkungsvollste Waffe des ganzen Krieges. Sie allein erzielte so viele Treffer bei den Argentiniern wie alle anderen Waffensysteme zusammen. Ihre Treffgenauigkeit zwang die argentinischen Flugzeuge, in geringer Höhe anzufliegen und aus geringer Höhe zu bombardieren. So wurde ihre Reichweite und Taktik beeinträchtigt. Großbritanniens eigene hitzesuchenden Sidewinder-Raketen konnten nur hinter dem gegnerischen Flugzeug eingesetzt werden. Für die begrenzte Einsatzdauer über den Falkland-Inseln waren die hochempfindlichen AIM-9L-Raketen, die auch von der Seite oder von vorn abgefeuert werden konnten, äußerst wichtig. Diese Raketen wurden sofort aus den Beständen der amerikanischen Kampftruppen zur Verfügung gestellt, ebenso die Adapter, um die Harrier-Kampfflugzeuge mit den neuen Sidewinders ausrüsten zu können.
Die USA lieferten auch andere Raketen: die radargelenkte »Shrike«, die »Harpoon«-Luft-See-Rakete und acht tragbare Luftabwehrsysteme vom Typ »Stinger« - zu einem Preis von 4,7 Millionen Dollar.
Die Stinger-Rakete stellte sich als wichtige Ergänzung im Arsenal der britischen _(Während der Falkland-Krise 1982 mit ) _(Argentiniens Präsident Galtieri in ) _(Buenos Aires. )
Elitetruppe SAS heraus. Britische Zensoren strichen jeden Hinweis auf diese Rakete aus den Berichten, die von der Falkland-Flotte kamen. Zusammen mit den Shrike-Raketen lieferten die USA vollständige Informationen über die argentinischen Radarfrequenzen.
Während des ganzen Krieges flossen diese und andere amerikanische Militärgüter nach Ascension. Ein Beobachter schätzte, daß zu einem bestimmten Zeitpunkt »Wideawake« der belebteste Flughafen der Welt war.
Die Amerikaner schickten 4700 Tonnen Rollfeldbelag für den landgestützten Einsatz der Harrier-Maschinen, sie schickten U-Boot-Ortungssysteme, und sie schickten ein komplettes »Chinook«-Hubschraubertriebwerk (für 157 000 Dollar Leihgebühr). Sie lieferten Tausende von Mörsergranaten, um den Munitionsmangel der Landungstruppen auszugleichen, Leuchtpatronen und andere Munition. Sie schickten Haftminen, Nachtsichtgeräte, Kantinenausrüstungen, 480 Marschrationen.
Ein Füllstutzen zum Nachtanken in der Luft mußte aus einem amerikanischen Militärmuseum geholt werden. Ein komplettes »Vulcan-Phalanx«-Raketenabwehrsystem zum Preis von 16 Millionen Dollar wurde dem Flugzeugträger »Illustrious« eingebaut. Amerikaner gaben Ratschläge zu elektronischen Gegenmaßnahmen. Sie erklärten, wie argentinische Blindgänger (amerikanischer Herkunft), die in britischen Schiffen eingeschlagen waren, zu entschärfen seien.
In den Fällen, in denen das Kriegsmaterial nicht aus US-Regierungsbeständen stammte, sondern direkt von den Herstellern geliefert wurde, wurden binnen Stunden Sonderkredite vereinbart. Die Rechnung für die Hilfe belief sich schließlich auf 60 Millionen Dollar (ohne Sidewinder-Raketen und Treibstoff).
Am wichtigsten war für viele Briten der amerikanische Beistand bei der Nachrichtenbeschaffung. Zu Beginn des Krieges gab es keine verwertbaren Satellitenphotos. Militärische Satelliten mit einem hohen Auflösungsvermögen befanden sich nicht in der richtigen Umlaufbahn.
Es ist bekannt, daß Großbritannien im späteren Stadium des Krieges die Amerikaner überredete, einen militärischen Satelliten aus seiner nördlichen Umlaufbahn, aus der er die Sowjet-Union beobachtete, in den Süden abzuziehen, um das Falkland-Gebiet abzudecken.
Es wird allgemein angenommen, daß die Amerikaner die argentinischen Militär-Codes geknackt hatten und damit zur Nachrichten-Akquisition des englischen Aufklärungsschiffes »Endurance« beitrugen. Die Amerikaner behaupten, sie hätten »98 Prozent« des britischen Wissens über argentinische Truppenbewegungen geliefert. Die Briten möchten sich dazu nicht äußern.
Das Pentagon stellte der Falkland-Flotte einige Kanäle seiner militärischen Satelliten zur Verfügung. Dadurch wurde die geheime Kommunikation zwischen Konteradmiral Woodward, dem Befehlshaber der Falkland-Flotte, und dem Flottenhauptquartier in Northwood beträchtlich erleichtert. Auch wurde es Northwood damit ermöglicht, mit seinen U-Boot-Kommandanten direkt zu sprechen. Der Londoner Kabinettsbeschluß, den argentinischen Kreuzer »Belgrano« zu versenken, wurde dem britischen Atom-U-Boot »Conqueror« wahrscheinlich über eine amerikanische Satelliten-Verbindung übermittelt.
Die amerikanische Hilfe war auch das Ergebnis langjähriger enger Beziehungen zwischen britischen und amerikanischen Militärmissionen, hauptsächlich aber war sie außerordentlich geprägt von Caspar Weinbergers persönlichem Engagement. Es handelte sich letztendlich um Weinbergers eigene Außenpolitik, die sehr stark von seiner Sorge um die Folgen einer britischen Niederlage bestimmt war.
Weinbergers bemerkenswertestes Angebot während des Kriegs: die auffälligste Lücke zu schließen, die in Admiral Woodwards Streitmacht entstehen würde, wenn einem seiner beiden Flugzeugträger »Hermes« und »Invincible« etwas zustoßen sollte.
In diesem Fall sollte ein etwa gleich großer Träger, die »Guam«, für den Einsatz von Hubschraubern und Harrier-Kampfflugzeugen gerüstet, einfach der Royal Navy übergeben werden.
Wegen der politischen Entrüstung, die dies sowohl in Lateinamerika wie auch bei den Kriegsgegnern in Washington hervorrufen würde, hätte das Schiff ausschließlich mit britischen Seeleuten bemannt werden müssen, von denen bestenfalls eine Handvoll je zuvor ein solches Schiff zu Gesicht bekommen hätte - eine riskante und bizarre Idee.
Glücklicherweise hatte Großbritannien es nicht nötig, das Angebot anzunehmen.
Während der Falkland-Krise 1982 mit Argentiniens Präsident Galtieriin Buenos Aires.