Weiter Weg zum Mittelmeer - DER SPIEGEL
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TV-PRODUKTIONEN Weiter Weg zum Mittelmeer

Die Erfolgskrimis von Donna Leon werden derzeit in Venedig verfilmt, eine durch und durch italienische Story mit deutscher Besetzung. Für die ARD ein so gewagtes wie ehrgeiziges Projekt, für den Hauptdarsteller Joachim Król ein Risiko: Mit der ambitionierten Rolle des Commissario Brunetti setzt er seine Traumkarriere auf Spiel.
• aus DER SPIEGEL 5/2000
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Wahrscheinlich ist immer noch Goethe an dieser akuten Italien-Sehnsucht deutscher Seelen schuld; wieder einmal blühen dem von ihm gelobten Land lauter fremde Träume. Zum Beispiel dieser: Ein Wintermorgen in Venedig, friedlich eigentlich, mild scheint die Sonne auf die ockerfarbenen Häuser der Calle dei Fabbri. Doch hier befindet sich heute das Epizentrum deutscher Italien-Liebe: »Die Gasse freimachen, Kamera läuft, Ton läuft, und bitte.« Eine kurzhaarige Lady eilt auf hohen Hacken um die Ecke, ganz fest hält sie die Hand eines bärtigen Mannes. Die elegante Frau ist die Schauspielerin Barbara Auer, der kauzige Kerl ihr Kollege Joachim Król.

Auer und Król spielen derzeit in der Verfilmung zweier Krimis ("Vendetta« und »Venezianische Scharade") der Schriftstellerin Donna Leon, 57. Deren Bücher, jedes von ihnen eine Hommage an Venedig, schaffen es mittlerweile regelmäßig in die deutschen Bestsellerlisten, sie sind in 19 Sprachen übersetzt.

Entsprechend große Quotenhoffnungen setzt die ARD in das Projekt. Krimi-Bestseller als Kino- und Fernsehvorlage sind zurzeit ohnehin schwer beliebt. Ingrid Nolls abgründige Werke werden rauf und runter gefilmt, Ende vergangener Woche verkündete auch die Münchner Produktionsfirma Constantin einen großen Krimi-Deal, Chef Bernd Eichinger sicherte sich die Rechte für die Wallander-Romane des schwedischen Autors Henning Mankell.

Nun also auch Leon, mit allen Hilfen, die dem Fernsehen zur Verfügung stehen. Voraussichtlicher Ausstrahlungstermin: Spätherbst bis Weihnachten, die TV-seligste Zeit des Jahres, Sendezeit 20.15 Uhr. Vor allem aber Starbesetzung: Król, zweifacher Bundesfilmpreisträger. Die schöne Auer, auch Bundesfilmpreisträgerin. Michael Degen, Heinz Hoenig, Maja Maranow, Gudrun Landgrebe - Promis allesamt.

Das Ziel: »Donna Leon als TV-Klassiker, das wär''s, viele Zuschauer, viele Wiederholungen« wünscht die Produzentin der Reihe, Katharina Trebitsch.

Als Erfolgsgarant gilt vor allem Hauptdarsteller Król, 42, der den von Lesern heiß geliebten Guido Brunetti spielt. Der Commissario ist ein besonnener Patriarch, treu sorgender Vater zweier Kinder, hingebungsvoller Ehemann der klugen Paola. Den Verbrechern Venedigs macht es Brunetti schwer, denn er weiß genau, wie diese Stadt funktioniert. Er ist hier aufgewachsen, seine Frau entstammt einer alteingesessenen Adelsfamilie. Also hat der Kommissar so viele Informanten wie die Stadt Kanäle, und auf diese Weise gelingt es ihm von Buch zu Buch, seinen eigentlichen Gegenspieler, den zugereisten, eitlen Vorgesetzten Vice-Questore Patta, kommissarisch zu übertrumpfen.

Brunetti ist also ein Super-Italiener, ganz klar, ein Spitzen-Venezianer, und damit beginnt das erste Problem für Król. Der Schauspieler verrät bei jedem Satz, dass seine Herkunft nichts mit mediterranen Wonnen zu tun hat. Król kommt - Mitleid muss sein - aus Herne/Westfalen. Ein weiter Weg zum Mittelmeer.

»Passe ich eigentlich hierher?«, habe er in den ersten Drehtagen ausgerufen, als er, das erste Mal im Leben, durch Venedig stapfte. Seine Skepsis verstärkte sich, als er feststellte, dass die Crew fast nur aus Deutschen besteht, alle Stars sowieso. Auer spielt die Paola, Degen den Patta, Hoenig einen Polizisten-Kollegen.

Wie da das rechte Chianti-Feeling aufkommen soll, war Król selbst ein Rätsel, doch, so sagt er, die Produzentin der Reihe habe ihn überzeugt. Trebitsch will gerade mit dem Mix aus Lieblingsfiguren der Unterhaltungsliteratur, gespielt von Lieblingsstars in der Lieblingsstadt, die Zuschauer ködern und fragt: »Typisch italienisch, was ist das eigentlich?«

Regisseur Christian von Castelberg ("Bella Block") pflichtet bei und behauptet, jede Alternative wäre schlechter: Eine deutsch-italienische Co-Produktion, bei der jeder Schauspieler in der eigenen Sprache gesprochen und sich die Partner verständnislos mit leeren Augen angeschaut hätten, das wär''s nicht gewesen. Genauso wenig wie eine rein englischsprachige Produktion, die zweite Möglichkeit.

Also Deutschzwang für alle, und wenn es schon so sein muss, überzeugt auch die Wahl Króls als Hauptdarsteller. Denn die Figuren, die ihn zum Star der Branche gemacht haben, sind zumindest in der Seele Verwandte Brunettis. Der gutmütige Schwule in »Der bewegte Mann«, der scheue, italophile Dichter in »Rossini«, der melancholische Reisende in »Zugvögel ... einmal nach Inari« und vor kurzem der nachsichtige Gastwirt in »Gloomy Sunday« - sie alle zeigen Facetten des Polizisten, der zu den behutsamsten der Krimiliteratur gehört.

Entsprechend fühlt sich Król, der es mag, »nach meinem Typ besetzt zu werden«, vertraut mit dem Venezianer. »Er ist Familienmensch, genau wie ich«, sagt der Schauspieler, seit 19 Jahren fest liiert. »Ihm kommen beim Spazierengehen die besten Gedanken, genau wie mir.« Und überhaupt: »Er ist auch so ein Nachdenker, der die Dinge auf sich wirken lässt, bevor er entscheidet.«

Als Król das Angebot für Venedig bekam, wurde aus dem Nachdenker ein Schnellmerker. Brunetti, das könnte die Chance sein, auch wenn eine Fernsehrolle bei einem Kinokopf wie ein Abstieg wirkt. Doch: »Das Gerede vom deutschen Kinoboom trifft nicht die ganze Wahrheit, neun Monate habe ich im letzten Jahr nicht gearbeitet, weil einfach keine guten Drehbücher kamen.«

Der Dogen-Derrick soll für ihn zum Lehrmeister werden, eine Figur, die er über einen längeren Zeitraum variieren, auch verbessern kann. Denn bei den beiden Folgen, die jetzt gedreht werden, soll es nicht bleiben, Trebitsch hat sich die Optionen für vier weitere Bücher gesichert.

Doch die Seligkeit, die das neue Projekt in Król auslöst, in Ehren - es birgt neben teutonischer Dominanz auch andere Gefahren. Donna Leons Plots zu verfilmen, das ist nicht leicht. Die Schriftstellerin gönnt ihrem Kommissar kaum Action, auch eine stringente Dramaturgie ist ihre Sache nicht. Die Krimis leben von ungewöhnlich intensiven Dialogen und verblüffenden sowie psychologisch schlüssigen Charakterzeichnungen. Die Drehbuchautoren Kathrin Richter und Ralf Hertwig, die auch die Kinofassung von zwei Noll-Büchern ("Die Apothekerin«, »Kalt ist der Abendhauch") erstellten, haben sich, so versichert der Regisseur, an Leons Vorgaben gehalten. Doch das bedeutet automatisch Schwerarbeit für den Hauptdarsteller. Wenn er die

Story nicht zusammenhält, ist der Film verloren.

Andere Fernsehkommissare öffentlichrechtlicher Sender haben es da leichter: Polizistin »Bella Block«, die ebenfalls einer literarischen Vorlage entspringt, agiert, wie auch die Kollegen von »Tatort«, »Der Alte« oder »Siska«, vor allem nach dem klassischen »Whodunnit«-Prinzip: Ein paar Verdächtige werden in den ersten Fernsehminuten eingeführt, und dann darf der Zuschauer den Bösewicht erraten. In Donna Leons Büchern dagegen vergisst der Leser mitunter Mord und Täter und beobachtet gebannt die psychologischen Folgen des Verbrechens auf die Betroffenen.

Noch ein Risiko gibt es für den Hauptdarsteller: Das ist die ungeheure Bekanntheit der Brunetti-Figur (die verkaufte Gesamtauflage der Bücher im deutschen Sprachraum liegt bei weit über einer Million). »Jeder hat seine eigenen Vorstellungen von Brunetti im Kopf, und das ist nicht ganz einfach«, zaudert Król, und seine Sorge ist verständlich.

Schon einmal musste er gegen festgelegte Bilder antreten, als er nämlich für das Sat-1-Remake »Es geschah am helllichten Tag« einen Kommissar spielte, den Heinz Rühmann in den fünfziger Jahren legendär gemacht hatte. Den vielen Rühmann-Fans konnte es Król nicht recht machen, mit Brunetti-Anhängern, die den Voll-Italiener wollen, wird es ihm nicht anders gehen.

Eine Szene, an jenem sonnigen Wintertag gedreht, wird zumindest den weiblichen Zuschauern ohne Zweifel zusagen. Brunetti und Paola laufen wieder Hand in Hand über die Ponte Tron, auf einmal sehen sie eine verdächtige Person. Sie müssen sich verstecken und rennen die nächste Treppe zum Kanal hinunter. Dabei tappt Paola ins Wasser, die guten Schuhe werden nass. Brunetti muss sich verabschieden, um die Verfolgung aufzunehmen, verspricht aber mit schmachtendem Braunaugenblick: »Ich putze sie dir später.«

So soll er sein, der Mann - egal welcher Nation. SUSANNE BEYER

* In »Der bewegte Mann«, mit Rufus Beck, Til Schweiger, KatjaRiemann, 1994.

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