»Wellness in der Wanne« - DER SPIEGEL
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MÄNNER »Wellness in der Wanne«

Auf die neue Unsicherheit der Männer gibt es inzwischen viele Antworten - Fachzeitschriften offenbaren die heimlichen Ängste und Hoffnungen des starken Geschlechts und geben Tipps für jede Lebenskrise. Doch nicht die Männer profitieren von dem Boom, sondern die Verlage.
• aus DER SPIEGEL 4/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Über Frauen wissen wir alles, über Männer nichts. Sie sind bislang davon verschont geblieben, als Objekt der Wissenschaft ihrer Geheimnisse beraubt und in ihre Einzelteile zerlegt zu werden. In Deutschland gibt es 89 Professuren für Frauenforschung, doch keine einzige Universität erforscht den Mann.

Die Lücke, wenn sie denn als solche empfunden wurde, ist geschlossen: Eine wachsende Zahl von Fachzeitschriften hat sich des Mysteriums Mann angenommen. Sie enthüllen nun, worüber viele lieber für immer geschwiegen hätten.

Die Lebensberatung für den deutschen Mittelstandsnormalo in der Sinnkrise findet offenbar große Aufmerksamkeit. »Das unerschlossene Potenzial männlicher Leser ist - vor allem im Vergleich zu den Frauentiteln - immer noch gigantisch«, glaubt »Men's Health«-Chefredakteur Frank Hofmann, 38, dessen Blatt (verkaufte Auflage: 268 000) aus dem Verlag Motor-Presse Stuttgart seit fast fünf Jahren steigendes Interesse findet.

1957 kam die erste »Für Sie« heraus, 43 Jahre später erscheint quasi das Gegenstück: »Für Ihn« - vom Münchner Attic Futura Verlag modern »For Him Magazine« ("FHM") genannt. Dort zeigt der Mann auch seinen weichen Kern: »Nie wieder Angst in einer dunklen Straße! Nie wieder Angst in der U-Bahn!« oder vor dem täglichen »Arbeitskampf« im Büro. Auf sieben Seiten erörtert die Zeitschrift die Frage aller Fragen: »Versteh die Zicken! - Knack ihren Code.« 250 000 Männer kauften die erste Ausgabe.

Das Männerblatt »GQ« vom Münchner Condé Nast Verlag erklärt seinen Lesern Grundlegendes ("Welche Sprache spricht dein Körper") und führt sie durch das Labyrinth der Partnersuche per Inserat ("Chérie per Chiffre"). So verdoppelte sich die »GQ«-Auflage seit 1997 auf rund 133 000 Exemplare. Klassische Herrenmagazine wie »Penthouse« oder »Playboy«, die ihre Leser noch immer mit altbackenem Selbstbewusstsein, Autos, Sex und Sternchen ("Alles, was Männern Spaß macht") versorgen, haben dagegen verloren (siehe Grafik).

»Mann sein ist kein Zuckerschlecken«, erklärt das Zentralorgan männlicher Selbstfindung, »Men's Health«. Je größer die allgemeine Verunsicherung, wie man als Mann heute so zu sein hat, desto größer der Hunger nach sicheren Rezepten.

Dafür hält das Magazin pro Ausgabe rund 1500 Tipps bereit, die aus jeder scheinbar hoffnungslosen Lage helfen - ob er »den Namen der Ex gestöhnt« hat, den »Sieg über das Stottern« feiert oder eine Anleitung sucht zu »15 Minuten, die Ihre Beziehung retten«.

Keine deutsche Redaktion scheint mehr über männliche Hoffnungen, Ängste, Nöte und Gebresten zu wissen als die Meinungsführer der Männerberatung, die Macher von »Men's Health«. Für jede Kalamität des Lebens liegt gleich die Reparaturanleitung bei: »50 Millimeter mehr Penis: Seite 152«, »Nach dem Seitensprung. Der einzige Weg, ihr Herz zurückzugewinnen«, oder »Wie Sie die Frau erobern, die Sie nicht verdienen«.

Dem Mann verloren gegangene »Souveränität und Gelassenheit« zurückzugeben, sehe er als Aufgabe seines Blattes, sagt der an den Haarspitzen blondierte Triathlet und »Men's Health«-Chef Hofmann. Und bekennt dabei: »Natürlich leben wir von der Irritation der Männer.«

Der Mann als Psycho- und Lifestyle-Objekt steht offenbar am Anfang einer großen Karriere. Ob der Mangel an innerer Führung durch gezieltes Coaching korrigiert oder gar verschärft wird, ist noch ungewiss. Denn wie schon die Frauenzeitschriften beschreiben die neuen Herrenmagazine mit Vorliebe Abgründe und Schwächen, um sie dann wieder wortreich zu lindern.

Dabei drohen Männern womöglich dieselben Fallstricke: Aus einer kritischen Feststellung - Augenfältchen, zwei, drei Kilo zu viel auf der Hüfte - wird durch seitenlange Analyse ein ordentliches Problem gemacht. »Experten« raten schließlich, was zu tun ist, empfehlen Wässerchen, ein Fitness-Studio oder »streckende« Kleidung.

Dem Leser ist die Lektüre ein Vergnügen, doch fühlt er sich im Anschluss alt und dick und hat tausend Flausen im Kopf, wie er dies beheben könnte. Da sind Anzeigen gefragt, die jene Wunderprodukte anpreisen, die Erleichterung versprechen. Hofmann frohlockt: »Wir sind der Liebling der Werbeagenturen.«

Es scheint, als ob nichts mehr ist, wie es mal war im Reich der Patriarchen. Eine repräsentative Untersuchung im Auftrag der beiden Kirchen ermittelte: Nur noch ein Fünftel der 1200 Befragten fühlt sich im »traditionellen« Rollenbild geborgen. Als gereifter »neuer« Mann empfinden sich ebenfalls nur knapp 20 Prozent. Dagegen sieht sich mit 37 Prozent über ein Drittel in ihrem Männerbild »verunsichert«.

Der in Zukunft durchsetzungsstärkste Typ, prognostizieren die Wissenschaftler, sei deshalb der so genannte pragmatische Mann. Einer, der bei Bedarf über neue, sanfte Fähigkeiten verfüge, sonst jedoch eine gewisse machohafte Unverfrorenheit besitze. Was bei solchen Balanceakten herauskommt, interessiert offensichtlich auch die Frauen - jeder fünfte Leser von »Men's Health« ist weiblich.

Wer auch immer Schuld hat an der neuen Situation - die Emanzipationsbewegung der Frauen oder ein zunehmender mannhafter Wettbewerb um Attraktivität und kommunikative Talente -, die Lage will beschrieben und bewältigt sein. Dabei erwerben sich die Autoren von Männermagazinen mitunter hohe Verdienste um die Alphabetisierung der Hälfte der Menschheit in Stil- und Überlebensfragen: Der »Hobbykoch« zeigt, wie Mann tränenlos Zwiebeln schneidet, die Hausdame des Hamburger Hotels Atlantic schult per Fotokurs im Hemdenbügeln. Es gibt Unterricht im selbständigen Einkaufen von Sonnencreme und linksdrehendem Joghurt.

Der neue Mann wird in die Geheimnisse von Körperpeeling und morgendlichen Gesichtsentstauungsmassagen eingewiesen: »Selbst Kfz-Mechaniker wechseln ihre Gurkenpads so häufig wie ihren Ölfilter«, heißt es da, oder: »Wellness in der Wanne. Schnelle Frischmacher bringen neue Impulse im Job - und für das Aussehen«. Zumindest die »Gleichberechtigung im Attraktivitäts-Terror« sei damit hergestellt, erklärt »Men's Health«-Redakteurin Kirsten Thieme, 31.

In keiner anderen deutschen Zeitschrift werden die geheimen Probleme der Männer ernster genommen. Kein Thema ist zu peinlich, keine Frage zu exotisch. »Seit es mit meiner Freundin aus ist, habe ich Erektionsstörungen. Hängt das zusammen?«, will J. V. aus Cottbus wissen. »Ich möchte mir meine Tränensäcke entfernen lassen. Wie geht das?«, schreibt Wolfgang Witt per E-Mail.

Leserbriefe gelten als Indizien für das, was den Mann im Innersten bewegt und was er weder Freund noch Arzt anvertrauen würde. »Themen wie Impotenz, Hodenkrebs, Prostataprobleme, da flattern dann die Briefe rein«, weiß »Men's Health«-Vize Jan Spielhagen, 29.

Die publizistische Aufbereitung solcher Fragen darf zu Recht eine Herausforderung genannt werden. Die Penisverlängerung wird per Fotodokumentation sachlich-wissenschaftlich abgehandelt, mit allen Risiken und Nebenwirkungen. Angstthemen wie die spontane Bewirtung der drallen Nachbarin im eigenen Apartment ("Essen wie Gott in Schrankreich") oder mögliche Fehler als Liebhaber ("Vorsprung durch Technik") werden gern durch Humor gebrochen. »Bleiben Sie schön hart«, lautet der Titel des Wissenschaftsbeitrags über eine neue Generation von Potenzmitteln.

Männer haben nicht nur eine eigene Sprache, auch das Layout muss geschlechtsspezifisch angepasst werden. »Men's Health«-Art-Direktorin Bettina Kindler, 28, wählt dunkle und gedeckte Farben, Überschriften müssten »brachial« und Bildstrecken »schlicht« sein.

Dabei, sagt Kindler, erlägen Männer fatalen Irrtümern. Im wirklichen Leben stünden Frauen gar nicht auf einen Muskelprotz mit super Waschbrettbauch, wie sie sie stets aufs Cover hebe. Doch nichts lasse sich den Männern besser verkaufen als die Träume.

Um richtigen Kerlen die weichen Themen zu vermitteln, greifen die Magazin-Macher zu semantischen Tricks: Das Wort »Paar-Psychologe« verursache Männern Übelkeit, deshalb wird die Qualität einer Beziehung nicht im »Psychotest«, sondern durch einen »Partnerschafts-Tüv« bestimmt. Das hört sich technisch und beherrschbar an.

Der »Salat-Baukasten« soll dem Küchennovizen suggerieren, dass der Mix aus Rauke und Olivenöl kaum schwieriger zusammenzusetzen ist als ein Steckschlüssel. Und der »Zyklus-Navigator« leitet sicher durch den unheimlichen Ozean der weiblichen Hormone. »Der Mann will Kontrolle über die Situation, und wir geben ihm den Fahrplan«, erklärt Chefredakteur Hofmann.

Hinter ihrem Bemühen, versichern die medialen Lebenshelfer, stehe vor allem die Absicht, den verunsicherten Leser wieder zu stabilisieren. Doch darf der Wille, diese Aufgabe auch tatsächlich bewältigen zu wollen, in Frage gestellt werden. Denn nur ein zweifelnder Mann garantiert den Wachstumsmarkt. SUSANNE KOELBL

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