BILDUNG Weltweit Monopol
Wer in Westdeutschland auf die Volkshochschule (VHS) will, der muß sich dorthin auf den Weg machen, wo immer der Kurs gerade stattfindet. Im baden-württembergischen Städtchen Herrenberg geht es neuerdings komfortabel zu. Da kann einer sich seinen Dozenten bestellen.
»Bei uns läßt sich jeder Kurs privat mieten«, verspricht Helge Bathelt, Leiter der örtlichen VHS, »für zu Hause oder in der Wohnung des Lehrers.« Weil nämlich, wie der promovierte Germanist und Politik-Wissenschaftler erfahren hat, »allerlei subjektive Bedürfnisse mit dem traditionellen Angebot nicht befriedigt werden können«, erweitert er die Herrenberger Erwachsenenbildung um das Modell »Rent-a-Dozent«.
Als erste Volkshochschule in der Bundesrepublik vermittelt Bathelts Bildungswerk seit Anfang dieses Jahres Heimtraining für nahezu jeden Bedarf -- Anruf genügt. Der Erfinder scherzt: »Wir haben wohl weltweit ein Monopol darauf.«
Die Volkshochschule als Vermittler und Vertragspartner für beide Seiten engagiert und finanziert die Dozenten, kassiert das Lehrgeld vom Privathörer, der nicht von sich aus Abmachungen treffen oder gar Preise aushandeln kann. Und kaum war der »Versuch zur offenen kursungebundenen Bildungsarbeit« (VHS-Text) im Programm des Instituts und im lokalen Blatt veröffentlicht, hagelte es Bestellungen, darunter allerlei Spezielles:
* Ein Reisebüro wünschte für seine Angestellten ein privates Abendtraining in Verkaufspsychologie, um unsichere Kunden gezielter gewinnen zu können;
* ein Kreis von Müttern suchte im häuslichen Rahmen medizinischpsychologische und pädagogischpraktische Fachberatung für das Problem »Kind im Krankenhaus«;
* eine Ehefrau wollte daheim in einem Intensiv-Kurs so viel Italienisch lernen, um für ihren Mann S.68 bei Firmengesprächen dolmetschen zu können;
* eine Schülergruppe brauchte fachmännische Anleitung für die Einrichtung eines Photolabors, das natürlich perfekt, aber nicht so teuer sein sollte;
* ein Stammtisch-Klub wollte sich beim Bier Kosten, Risiko und Anforderungen einer Abenteuerreise ausarbeiten lassen.
VHS-Bathelt war bislang nie verlegen, auch ausgefallene Wünsche zu erfüllen. Für die Krankenhaus-Gruppe wurde ein Oberarzt der Universität Tübingen gewonnen, für die Reisebüro-Klientel etwa sorgte ein Profiteam, das sich Bathelt bei der Industrie- und Handelskammer hatte nennen lassen.
Bei gut zwei Dritteln aller Spezialfälle kann der VHS-Chef auf einen festen Stamm von rund 200 Dozenten zurückgreifen, die an seiner Volkshochschule tätig sind. Wenn sein Personal nicht reicht, befragt er Organisationen und Institute, auch mal Unternehmen in den nahen Industriestädten Böblingen und Sindelfingen.
Konflikte mit den Arbeitsämtern sieht Bathelt nicht. Volkshochschulen, so argumentiert er, dürften ihre Kräfte direkt engagieren, Sondereinsatz außerhalb des VHS-Hauses gelte als nebenberufliche Tätigkeit, und in der Regel seien das nur wenige Stunden, für die es keine Melde- oder Genehmigungspflicht gebe. Hauptberufliche Schullehrer allerdings brauchen eine Genehmigung der Schulbehörde, Teilzeit-Lehrer dürfen, nach gesetzlicher Vorschrift, ihr Deputat überhaupt nicht um VHS-Stunden aufbessern.
Natürlich ist der Sonder-Service ein bißchen teurer als das Routineprogramm. Weil aber die Zahl der privaten Teilnehmer -- ob Familie, Freundeskreis oder Schülergruppe -- ohne Einfluß auf den Dozentenpreis ist, sind die Konditionen doch verlockend.
Ein normaler VHS-Kurs von zwölf Abenden mit je 90 Unterrichtsminuten etwa kostet, bei zwölf Teilnehmern, 60 Mark je Person. Basis des Lehrer-Leasings ist ein Privatissimum von wenigstens fünf Sitzungen, die Lehrstunde (mit 45 Minuten) kommt dann auf etwa 30 bis 60 Mark, und bei fünf Teilnehmern sind das sechs bis zwölf Mark je Abend.
Gegen eventuelle Einwände, mit dem ursprünglichen Sinn einer Volkshochschule habe das alles wohl nichts mehr zu tun, führt Bathelt die nicht mehr ganz neue Erkenntnis an, »daß individuelles Lernen oft gründlicher und aussichtsreicher ist als in der Gruppe«. In einem normalen VHS-Kurs säßen eben oft Abiturienten und Volksschüler, Arbeiter und Akademiker mit gleichen Bedürfnissen, jedoch unterschiedlicher Vorbildung zusammen -- und meist bestimme der Schwächste das Lerntempo.
Zweifel an der Neuerung kündigen sich an. »Wir sind sehr dafür, daß neue Ideen ausprobiert werden«, meint die Direktorin des Volkshochschulverbandes e. V. Baden-Württemberg in Stuttgart, Renate Krausnick-Horst, »aber vorläufig müssen wir noch skeptisch sein.« Keinesfalls dürfe das Herrenberger Modell dazu beitragen, »daß wir nur Privatlehrer vermitteln, ein Zwei-Klassen-System einführen und uns selbst Konkurrenz machen«. Immerhin »sinnvoll« erscheint ihr die Möglichkeit, »selbstorganisiertes Lehren und Lernen und Weiterbildung zu betreiben«.
Bathelt indessen nennt »die Beschwörung der Gefahr, daß eine Generation von Privatlehrern herangebildet wird«, angesichts der materiellen und psychischen »Problemlagen« vieler Lehrer »reinen Zynismus«. Aber auch er will »unbedingt verhindern«, daß die VHS zu einer »Agentur für Nachhilfelehrer degenerieren könnte«.
Daß »Schwierigkeiten und Gegenargumente nicht ausbleiben werden«, ist dem Neuerer bewußt; er baut auf den Beistand von Kollegen in der Provinz, die, wie er, den VHS-Betrieb attraktiver machen möchten. Anfragen von anderen Schulleitern, sagt Bathelt, habe er in Fülle. Verbandsdirektorin Krausnick-Horst ("Mir ist die Sache noch ein bißchen sehr apart") wird denn auch das Herrenberger Unterfangen als »erstes Thema« auf die Tagesordnung der VHS-Regionalversammlung im Sommer setzen, und dort soll »alles offen und kollegial besprochen werden«.
Der rührige VHS-Chef Bathelt ist ohnehin nicht ganz zufrieden, weil ein spezielles Privatangebot bislang nicht S.69 genützt worden ist: »Beratung und Hilfe bei Aufklärungs-, Erziehungs- und Eheproblemen«.
Solche Themen, meint Bathelt, seien im öffentlichen Kurs zumindest auf dem flachen Land kaum zu behandeln: »In einer kleineren Stadt trauen sich die Leute nicht, eigene Erfahrungen darzustellen.« Manche Interessenten »hätten schon Angst, an der Türe der VHS gesehen zu werden«. Bis jetzt bestehe selbst für die Problemlösung in der kleinen Gruppe -- Bathelt könnte mit Eheberatern und Psychologen aufwarten -- »offenbar eine Schwellenangst«.
Gottlob, urteilt Renate Krausnick-Horst, denn solche VHS-Privatkurse könnten, ganz unerwünscht, »die beste Werbung für einen Psychotherapeuten sein«. Der sage dann vielleicht, dies und das könne man auch nicht im kleinen Kreis untersuchen, »da müssen Sie mal zu mir in die Praxis kommen«. Und »für eine derartige Vermittlung sind wir nun gewiß nicht da«.