Wem die Nacht gehört - DER SPIEGEL
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USA Wem die Nacht gehört

Der Freispruch von vier Polizisten, die den schwarzen Straßenhändler Diallo töteten, gerät ins Räderwerk des New Yorker Wahlkampfs von Hillary Clinton und Rudolph Giuliani.
• aus DER SPIEGEL 10/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Gefahr schreit einem nicht unbedingt ins Gesicht. Ein paar dicke, schwarze Jungs haben ihren mobilen Basketballkorb auf die Straße gestellt, der Ball ploppt träge auf den Asphalt. Es riecht nach Frühling in der Bronx, die Wheeler Avenue ist eine wunderbare Spielstraße, was an den blauen Holzsperren liegt, die eine Fahrspur blockieren.

Die Barrieren warten ebenso auf Ausschreitungen wie die zwölf Polizisten, die an den beiden Enden des Blocks herumlungern. Der Ball ploppt, zwei Männer schleppen ein zu großes Bett zu einem zu kleinen Lieferwagen. Die Holzbarrieren der New Yorker Polizei sehen überflüssig aus in dieser Vorstadtidylle. Genau wie die Polizisten. Aber hier ist es passiert. Die Löcher sind noch in der Tür und im Putz zu begutachten. 41 Kugeln in 8 Sekunden.

Auf der kleinen Veranda vor dem Haus Nr. 1157 spielt ein Mann in einem senffarbenen Wollmantel für drei aufgeregte schwarze Damen vor, was hier seiner Meinung nach vor gut einem Jahr stattgefunden hat. Er rennt die Treppe hoch, springt auf die Veranda, wo ewige Lichter unter wütenden Wandsprüchen brennen, er nestelt an der Hosentasche, dann dreht er sich um, springt zurück und schießt mit einer zum Colt gefalteten Hand, springt wieder zurück und wird getroffen. Seine steif geföhnte Frisur wippt.

Der Mann heißt Dick Brennan und ist News-Reporter von Channel 9, der heute Abend von hier überträgt. Brennan spielt Amadou Diallo und die Polizei. Mit verteilten Rollen. Er will die Umstehenden locker machen, denn er braucht sie später als Hintergrund.

Am 4. Februar 1999 verließ der 22 Jahre alte New Yorker Straßenhändler Amadou Diallo kurz nach Mitternacht sein Apartment in der Bronx. In diesem Moment rollte ein Wagen der Street Crime Unit (SCU) in die Wheeler Avenue.

Die SCU ist eine Eliteeinheit der New Yorker Polizei. Die Männer kreuzen in Zivilkleidung durch die Stadt und kontrollieren Verdächtige nach Waffen. 33 000 Personen wurden binnen zwei Jahren von SCU-Cops kontrolliert, meistens Afroamerikaner und Hispanics. 9000 Verdächtige wurden festgenommen, 2000 Waffen eingezogen, die Kriminalitätsrate sank. Die SCU-Cops liefen mit breiter Brust durch die dunklen Straßen. »Uns gehört die Nacht«, sagen sie gern von sich.

In dem unauffälligen Wagen saßen vier SCU-Männer in Zivil - die Officer Sean Carroll, Richard Murphy, Edward McMellon und Kenneth Boss. Carroll sagte im Prozess aus, Amadou Diallo habe ihn an einen gesuchten Vergewaltiger erinnert. Ein Mann, der ein Jahr zuvor gesucht worden war, den Carroll aus dem Auto gar nicht hätte erkennen können und an den Diallo auch nicht im entferntesten erinnerte.

Carroll brach im Kreuzverhör zusammen, die vier Polizisten kamen überein, dass sich »die Person verdächtig benommen« habe. Das war alles. Carroll und McMellon stiegen aus dem Wagen und liefen mit gezogenen Waffen auf die Veranda zu, auf der Diallo stand. Carroll sagt, er habe ihn gebeten, sich auszuweisen. Diallo fasste in die hintere Hosentasche und zog etwas Schwarzes hervor.

Der Officer hielt es für eine Waffe und begann zu schießen, auch McMellon schoss, stolperte dabei und fiel, worauf auch die beiden übrigen Polizisten aus dem Wagen stürmten, weil sie dachten, ihr Kollege sei gerade getroffen worden. Gemeinsam schossen die vier auf den zusammensackenden Amadou Diallo. 41-mal. Viele Schüsse trafen ihn, als er bereits am Boden lag. Dann entdeckten sie die schwarze Brieftasche in Diallos Hand.

Der Mann war unbewaffnet, er war tot, die Nacht gehörte wieder ihnen allein.

Ein alter Mann betastet die Narben in der Verandawand, Dick Brennan diskutiert mit den Frauen über den Druck, der auf beiden Seiten geherrscht haben muss. Was mag der schmächtige Afrikaner gedacht haben, als ihn mitten in der Nacht vier kräftige Männer mit gezogenen Waffen in seinen Hauseingang verfolgten? Vielleicht hatte er Angst oder ein schlechtes Gewissen, schließlich hatte er gelogen, um im Land seiner Träume leben zu können. Er sei politisch verfolgt worden, hatte er den Einwanderungsbehörden erzählt. Wie hatte er sich wirklich bewegt? Kein Nachbar hat etwas gesehen. Es gab nur die vier Polizisten. Die Angeklagten waren die einzigen Zeugen. Das machte den Prozess, der Anfang des Jahres begann, schwierig. Den Rest besorgte die Staatsanwaltschaft.

Der Prozess wurde aus der Bronx ins weit entfernte Albany verlagert, weil man Ausschreitungen fürchtete. Dort haben sie viel über die Lichtverhältnisse auf der kleinen Veranda diskutiert und darüber, wie schwer der Druck auf einem Polizisten in diesem »Hochkriminalitätsgebiet« lastet.

Officer Carroll weinte, als er berichtete, wie er an dem Toten rüttelte und flehte: »Stirb nicht. Bitte stirb nicht.« Am Schluss erinnerte der Richter seine Geschworenen daran, dass die Angeklagten nur dann schuldig seien, wenn sie sich nicht bedroht gefühlt hätten. Das konnten die Geschworenen nicht ausschließen. Sie sprachen die vier Polizisten frei. Das Urteil war so wenig überraschend wie die Reaktionen.

Die Reverends in Harlem warfen in ihren Predigten die Rassenfrage auf, die im Prozess sorgsam ausgeklammert worden war. Und natürlich ging es gegen New Yorks Bürgermeister Rudolph Giuliani. Reverend Calvin Butts rief dem Establishment Harlems in der Abyssinian Baptist Church an der 138. Straße zu: »Mr. Giuliani schuf ein Klima, das den Rassisten die Gelegenheit gibt, die Schwachen zu bekämpfen.« Noch vor einem Jahr war Butts Giuliani bei einem Gottesdienst um den Hals gefallen, aber der Reverend gilt als jemand mit politischen Ambitionen.

Ebenso wie Reverend Al Sharpton, der in den letzten Tagen immer wieder dazu aufrief, nicht für Giuliani zu stimmen, wenn der Senat gewählt wird. Hillary Clinton, die gegen Giuliani antritt, sagte noch vor ein paar Wochen, die vier Polizisten seien Mörder, merkte aber schnell, dass die Dinge hier nicht ganz so einfach liegen, und entschuldigte sich. Inzwischen fordert sie, dass verstärkt Minderheiten von der Polizei rekrutiert werden sollen.

Die demokratischen Präsidentschaftsbewerber Bradley und Gore versprachen auf einer Debatte im Apollo Theater von Harlem, dass sie alles tun würden, um Rassismus in der Strafverfolgung auszuschließen. Wenn man sie nur wählt.

Die Hälfte der New Yorker befand das Urteil als ungerecht, die andere Hälfte nicht. Wer die Leute aus der Wheeler Avenue fragt, erhält als Antwort, dies sei eine friedliche, ruhige Gegend. Die Polizisten an der Ecke bestätigen dagegen gern, dass hier überall mit Crack gehandelt wird. »41 Schüsse klingt viel«, sagt Officer P. J. Creegan. »Aber wissen Sie, wie schnell das geht?«

Giuliani sitzt bei CNN-Talkmaster Larry King und rattert seine Erfolgsstatistiken herunter. Es gab seit 35 Jahren nicht mehr so wenig Kriminalität wie heute, seit den fünfziger Jahren war die Arbeitslosenrate nicht mehr so niedrig, es geht vielen besser. »Es war ein tragischer Unfall«, sagt Giuliani. »Unfälle passieren.«

Der Bürgermeister hat gewonnen, weil er nun nicht mehr die Polizisten verteidigen muss, die töteten, sondern das Gesetz verteidigen kann, das sie freisprach. Er sei stolz, in diesem Land zu leben, sagte Giuliani nach dem Urteil. Mit Amadou Diallo hat das alles nur noch wenig zu tun. »Mein Sohn war irgendwie nicht hier«, sagte seine Mutter nach dem Prozess. »Niemand wollte wissen, wer er eigentlich war.«

Carl Long trägt eine graue Strickmütze und war früher Professor für Soziologie. Sagt er. Er ist jetzt 38 und will frühestens mit 60 ins Bildungswesen zurückkehren. Er hat gerade ein Plattenlabel gegründet, es heißt First Team Alliance und hat erst eine Platte auf dem Markt. Sie heißt »Amadou, Amadou«. Carl Long schaut die Wheeler Avenue herunter in Richtung der Cops, dann zieht er eine der CDs aus seiner Tasche. Sie kostet zehn Dollar. Es sind drei Songs drauf. Sie variieren den Ausruf »Amadou, Amadou, What have they done to you?«. Es musste offenbar schnell gehen.

Tausend hat er schon verkauft, sagt Long. Die hier geht an einen alten Mann, der heute mit seiner elfjährigen Tochter zum Wallfahrtsort in die Wheeler Avenue gepilgert ist. Auch das T-Shirt, das Long trägt, ist für zehn Dollar zu haben. Es steht »Amadou, Amadou« drauf, ist aber zu groß für den krummen Mann, für seine Tochter sowieso. Er spendet nichts von dem Geld, das verachtet Long. »Ich bin ein Künstler. Mein Geschenk ist, dass ich kommuniziere«, sagt er. Wie Brennan, Hillary Clinton und die Pfarrer. Es ist ihr Fall.

Der Protest hier in der Wheeler Avenue wirkt so, als solle ein Kinderspielplatz abgeschafft werden. Die Frauen tragen Einkaufstaschen, Müllbeutel oder Kinder. Wenn es kalt und dunkel wird, zerstreuen sie sich. Als das Urteil gesprochen wurde, kamen noch 300 Leute hierher und demonstrierten mit erhobenen Brieftaschen, jetzt sind es noch 5.

Channel-9-Reporter Brennan wartet im China-Imbiss auf ein Huhn. Er erzählt, dass dies hier nicht Los Angeles sei. »Die New Yorker sind cooler, vernünftiger, die machen keinen Aufruhr. Sie verlieren das Interesse.« Später um zehn versucht er seinen Fernsehzuschauern noch einmal das Gegenteil zu beweisen. »Das Interesse der Leute ist ungebrochen«, sagt er, doch sein Kameramann findet nur noch eine schwarze Frau und einen deutschen Reporter am Haus, vor dem Diallo starb.

Channel 9 baut ab, als der kleine Ü-Wagen wegrollt, ist es schwarz in der Wheeler Avenue. An den Straßenecken stehen Jungs mit den weiten Hosen und warten. Die Polizisten trinken Kaffee und schauen rüber. Auch sie warten, auf Ausschreitungen, auf irgendwas. Alle belauern sich, messen ihre Kräfte. Es ist nicht entschieden, wem die Nächte New Yorks gehören. ALEXANDER OSANG

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