Wendiger Hohlstab - DER SPIEGEL
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BUNDESMARINE Wendiger Hohlstab

Deutsche Firmen entwickelten für die Bundesmarine das modernste Minensuchgerät des Westens: ferngelenkte Schwimmkörper.
• aus DER SPIEGEL 25/1977
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Am Mittwoch, spottete vergangene Woche ein junger Korvettenkapitän, werde bei der Hardthöhen-Admiralität endlich »Tirpitz-Tag« gefeiert. Der Sekt sei schon kalt gestellt.

Deutschlands kleinste Teilstreitkraft -- 38 000 Mann, 199 Schiffe und Boote, 192 Flugzeuge und Hubschrauber -- hofft, daß in dieser Woche ihr bisher größtes Beschaffungsprogramm endgültig genehmigt wird.

Der Bundeskanzler höchstpersönlich will im Kabinett die letzten Zweifler an neuer deutscher Seemacht mit dem Argument überzeugen, daß ohne den Bauauftrag für sechs Raketen-Fregatten (2,5 Milliarden Mark) die deutschen Werften Massenentlassungen vornehmen müssen. Von militärischer Notwendigkeit ist kaum noch die Rede.

Mehr noch: Inzwischen scheint auch der Haushaltsausschuß des Bundestages seinen hinhaltenden Widerstand gegen die Beschaffung eines neuen Minenraum-Systems aufgegeben zu haben -- mit Blick auf die teuren Fregatten.

Bei der Vorführung der technischen Neuheiten am Mittwoch letzter Woche in Eckernförde verblüffte nämlich der Marineinspekteur, Vizeadmiral Günter Luther, die Etat- und Wehrexperten mit der schlichten Frage: Was nützen die für den Schutz von Nachschub-Geleitzügen wichtigen Fregatten, wenn sie im Ernstfall aus den vom Feind verminten Häfen gar nicht auslaufen können? Auch heute noch gelte der alte Minensucher-Spruch: »Wo die Flotte fährt, sind wir längst gewesen.«

Den Einwand, daß die Modernisierung doch bereits 1975 mit dem Umbau von zwölf alten Minensuchern zu hochmodernen Minenjägern eingeleitet sei, entkräftete die Marineführung mit geographischen Eigentümlichkeiten. Nur 50 Prozent der Ost- und 65 Prozent der Nordsee seien nach neuesten Untersuchungen »minenjagdfähig«. Das restliche Einsatzgebiet müsse weiterhin durch Minensuchboote oder Minentaucher gesäubert werden.

Die Minenjagd, in den 60er Jahren von Engländern und Franzosen entwickelt, funktioniert tatsächlich nur, wenn die feindlichen Minen durch ein Sonargerät im Wasser oder auf dem Meeresgrund geortet werden können. In diesem Fall wird ein fischähnliches drahtgelenktes Tauchgerät (PAP 104) ins Wasser gelassen, das mit Hilfe einer Fernsehkamera das sonar erfaßte Objekt identifiziert und in der Nähe der Mine eine Sprengladung ablegt. Wenn das Tauchgerät zurückgeholt ist, wird die Sprengladung über Funk gezündet.

Sind die Minen dagegen unsichtbar, zum Beispiel im Meeresboden versunken, müssen nach Meinung der Marine auch weiterhin traditionelle Räum-Methoden angewandt werden, die auf dem Prinzip der Simulation beruhen. Sehr leichte und leise Minensucher mit Holzrumpf schleppen Geräte hinter sich her, die den Druck oder die Geräusche größerer Schiffe vortäuschen und so die mit Spezialzündern versehenen Minen zur Explosion bringen. Dabei besteht immer die Gefahr, daß auch das Schleppfahrzeug in die Luft geht.

Um das Risiko für die Besatzung zu mindern, entsannen sich die Techniker des Hohlstabes, der schon während des Zweiten Weltkrieges erfolgreich eingesetzt wurde.

In jahrelanger Entwicklungs- und Versuchsarbeit entstand das jetzt serienreife »Troika«-System: Ein mit Elektronik vollgestopftes Lenkboot steuert über Funk drei wie Schiffe aussehende unbemannte Hohlkörper (HFG-F 1) in das Gefahrengebiet und zündet -- ebenfalls durch Simulation

die abgelegten und nicht sichtbaren Minen.

Der wendige Hohlstab, 80 tons schwer und 27 Meter lang, wird elektrisch angetrieben. Unter seinem schiffsähnlichen Aufbau verbirgt sich ein Stahldruckkörper, der nicht nur als magnetischer Eisenkern wirkt, sondern auch die Antriebs-, Funk- und Elektronikanlagen weitgehend vor Minendetonationen schützt.

Alternativen zu diesem gleichwohl noch relativ störanfälligen System (Kosten für die geplanten sechs Lenkschiffe mit ihren 18 Schwimmkörpern: 326 Millionen Mark) hat die Marine in den letzten Jahren auf Abgeordnetenwunsch zwar untersucht, aber immer wieder verworfen.

Selbst der Hinweis, daß die Amerikaner bei der Säuberung im Golf von Tonking und im Suezkanal mit Erfolg Hubschrauber eingesetzt haben, die an langen Leinen Minenraumschlitten über das Wasser zogen, konnte die »Lutheraner« (Hardthöhen-Spitzname für die eingefleischten Anhänger des Marineinspekteurs) nicht überzeugen. Ihr Urteil: technisch nicht ausgereift.

Der wahre Grund: Vom Boot auf den Helikopter umsteigen wollen die Admirale erst, wenn ihr Fregatten- und »Troika«-Programm genehmigt ist. Auf Luthers neuer Wunschliste stehen nämlich neben neuen Minenabwurfgeräten und U-Jagd-Flugzeugen neuerdings auch Kampfhubschrauber.

Das Konzept ist bereits fertig und mit dem Vermerk »dringend« versehen. Durch eine Kombination schneller kleiner Kampfboote mit Hubschraubern soll das Abwehrpotential gegen sowjetische Schiffe in Ost- und Nordsee verstärkt werden: Schleswig-Holstein als Flugzeugträger-Ersatz.

SPD-Haushaltsexperte Peter Würtz: »Der Marine geht allmählich der Sinn für Realitäten ab. Woher sollen wir eigentlich das Geld nehmen?«

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