Weniger als nichts - DER SPIEGEL
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Unterhändler Weniger als nichts

Wolfgang Vogel, Honeckers in Ost und West geachteter Anwalt fürs Humanitäre, mußte in der vergangenen Woche eine Schlappe einstecken.
• aus DER SPIEGEL 40/1989
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In dem kleinen, mit durchgesessenen schwarzen Ledersesseln zugestellten Wartezimmer des Ost-Berliner Anwalts Wolfgang Vogel hängt ein Spruch von Albert Schweitzer: »Das Wenige, was du tun kannst, ist Viel.«

Das ist das Motto, an dem der ostdeutsche Jurist seine Arbeit mißt - nicht nur die als Advokat, sondern vor allem die als »persönlicher Beauftragter für humanitäre Fragen« (so sein offizieller Titel) des SED-Chefs Erich Honecker.

Derzeit hat Wolfgang Vogel reichlich Gelegenheit zu überprüfen, was das Wort des Urwalddoktors taugt: In Prag und Warschau nahmen vergangene Woche mehrere tausend DDR-Bürger, die in die Bonner Botschaften geflüchtet waren, um auf direktem Weg in den Westen zu kommen, Honeckers Mann fürs Menschliche nicht einmal mehr ab, daß er überhaupt etwas tun kann - nach ihrer Ansicht weniger als nichts.

Bis dato war das anders. Da war Wolfgang Vogel im deutsch-deutschen Deal Menschen gegen Moneten stets Garant für ein Happy-End, für Agenten aus Ost und West wie für in Bautzen oder Brandenburg einsitzende politische Häftlinge, für auseinandergerissene Familien wie für verzweifelte DDR-Bürger in westdeutschen Dependancen zwischen Ost-Berlin, Prag und Warschau.

Weit mehr als 100 000 republikmüden Ostdeutschen hat der Anwalt in den Westen geholfen, seit er in Sachen Familienzusammenführung und Agentenaustausch, Ausreise und Häftlingsfreikauf tätig ist, inzwischen länger als ein viertel Jahrhundert. Vogels Wort galt mehr als alle schriftlichen Zusicherungen ostdeutscher Behörden oder Funktionäre. Sein Standardsatz: »Es wurde Vertraulichkeit vereinbart.«

Die gespannte Atmosphäre besetzter Bonner Vertretungen kennt Vogel seit 1984, als sich erstmals Hunderte von Ostdeutschen in den Bonner diplomatischen Filialen in Ost-Berlin und Prag drängten. Auch damals wurde er, als er mit seinem damaligen westdeutschen Partner, dem Staatssekretär im Innerdeutschen Ministerium, Ludwig Rehlinger, die 140 DDR-Bürger aufsuchte, die sich in der Prager Botschaft eingenistet hatten, mit Pfiffen und »Raus«-Rufen bedacht, sein Kompagnon Rehlinger als »Lackaffe« beschimpft. Der rettete die Situation, indem er kühl konterte: Vogel und er seien nicht zu ihrem Vergnügen hier, sie würden ihr Pilsener Urquell lieber anderswo trinken.

Die Besetzer glaubten schließlich den gemeinsamen Beteuerungen von Rehlinger und Vogel. Der deutsch-deutsche Eklat war abgewendet. Rehlinger fiel das Werben um den freiwilligen Abzug der Besetzer leicht, er konnte sich auf ein Papier stützen, in dem die DDR die Ausreise der Asylanten in den Bonner Vertretungen in Prag und Ost-Berlin garantierte - abgezeichnet mit »Einverstanden E. H.«

Bis Ende des Jahres dürfte sich die Erfolgsquote des Anwalts Vogel noch beträchtlich erhöhen. Denn ein Großteil jener 100 000, die Erich Honecker 1989 legal aus seinem Regime entläßt, laufen über Vogels Büro in der Reiler Straße im Ost-Berliner Stadtteil Friedrichsfelde, wo Namen und Daten der Antragsteller nach Großväterart auf sauber ausgefüllten Karteikarten in einem voluminösen Stahlschrank verwahrt sind.

Wolfgang Vogel läßt keinen Zweifel, daß er nicht als neutraler Makler zwischen den Fronten steht. Er zeigt gern seine in rotes Leinen gebundene Bestallungsurkunde der DDR-Regierung vor und seinen Diplomatenpaß. Doch er ist ein höchst unkonventioneller Diener seines Regimes: gläubiger Katholik, geschieden und wieder verheiratet, SED-Genosse, aber von durchaus bürgerlicher Lebensart, neuestes Mercedes-Modell und Urlaub in Österreich inbegriffen.

Der Anwalt der Ost-Berliner Einheitssozialisten kann sich zwischen den Welten frei bewegen. Nicht, weil die Genossen einen besonderen Narren an ihm gefressen haben, sondern weil sie seit den Zeiten des Kalten Krieges einen Mann wie ihn dringend brauchen, als Mittler in heiklen Missionen zwischen Ost und West, die auf diplomatischen Ebenen nicht zu bewältigen sind.

Seine Karriere verdankt der aus Niederschlesien gebürtige Vogel, der Ende dieses Monats 64 wird, dem 1987 gestorbenen langjährigen Generalstaatsanwalt der DDR, Josef Streit - und den Russen.

Streit, dessen Bild in Vogels Arbeitszimmer hängt, überredete den damals im Justizministerium tätigen jungen Juristen 1953, aus dem Staatsdienst auszuscheiden und sich als Anwalt niederzulassen.

Vogels steilen Aufstieg jedoch bewerkstelligten die Sowjets. Sie betrauten den Anwalt 1962 mit den Verhandlungen über den Austausch ihres in einer amerikanischen Zuchthauszelle sitzenden Topagenten Rudolf Abel gegen den über der UdSSR abgeschossenen Piloten des amerikanischen Spionageflugzeugs U 2, Francis Gary Powers.

Seit jener erfolgreichen Aktion mitten im Kalten Krieg ist Vogel bei jeder spektakulären Agentenübergabe dabeigewesen - vom KGB-Spitzel beim BND, Heinz Felfe, über den Kanzleramtsspion Günter Guillaume bis zum sowjetischen Dissidenten Anatolij Schtscharanski, der am 11. Februar 1986 über die Glienicker Brücke in den Westen ging.

Schtscharanskis Austausch gegen im Westen einsitzende Ostagenten inszenierte Vogel gemeinsam mit jenem Amerikaner, mit dem er 24 Jahre zuvor schon den Fall Abel/Powers gelöst hatte und mit dem er seit jenen Tagen befreundet ist: Francis Meehan, 1962 zweiter Mann in der West-Berliner US-Mission, zur Schtscharanski-Zeit Botschafter seines Landes in der DDR.

Die Freigabe Schtscharanskis leitete die innenpolitische Liberalisierung des Genossen Michail Gorbatschow ein, sie sollte eigentlich nur das Vorspiel für die Freiheit eines anderen sein: des in Gorki arretierten Friedensnobelpreisträgers Andrej Sacharow.

Im Auftrag Gorbatschows verhandelte Vogel in den Monaten danach mit den Südafrikanern über einen brisanten Deal. Ausreise für Sacharow in die USA gegen die Freilassung des schwarzen Widerstandskämpfers Nelson Mandela. Der Handel scheiterte an der Sturheit der Buren, Gorbatschow löste das Problem Sacharow auf bessere Weise: Er rehabilitierte den Atomphysiker im eigenen Lande, eine Tat, die sein Ansehen weltweit entscheidend beförderte.

Für Vogel war die Rückendeckung aus Moskau stets ein überlebenswichtiger Faktor. Denn unter den eigenen Genossen gab und gibt es nicht wenige, denen der Anwalt nicht nur wegen seiner exzellenten Kontakte zum Klassenfeind, von der US-Regierung bis zu Herbert Wehner, stets suspekt war. Sie kreiden dem Salonkommunisten auch seinen offen zur Schau getragenen bürgerlichen Lebenswandel an.

Doch Vogel wird fürs humanitäre Engagement nicht bezahlt, sein Westgeld rührt aus ganz normaler Anwaltstätigkeit - aus Gebühren etwa, die Bonn ihm bezahlt, wenn er BND-Spione vor DDR-Gerichten verteidigt, oder aus Honoraren westdeutscher Klienten, um deren zivile Belange im Osten er sich kümmert, zum Beispiel in Erbschaftssachen.

Feinde hat Vogel indes nicht nur unter den Seinen. Auch zahlreiche Ostler, die ohne ihn nicht aus dem Lande gekommen wären, haben den Anwalt vom Westen aus beschuldigt, er trage auf zwei Schultern - der Preis für Vogels Gewerbe in der Grauzone zwischen humanitärer Hilfe (etwa bei menschlich schwierigen deutsch-deutschen Fällen) und Menschenhandel (beim Freikauf von Häftlingen, für die der Staat DDR kräftig in Bonn kassiert).

1980 ging Vogel in West-Berlin vor Gericht, weil organisierte westdeutsche Menschenrechtler ihn offiziell einen Stasi-Offizier geschimpft hatten. Der Anwalt gewann, nicht zuletzt, weil zahlreiche Ex-DDRler für ihn gutsagten.

Daß der Anwalt regen Umgang mit der Stasi pflegt, daraus macht er keinen Hehl. Wie sonst wohl, sagt er, solle er den Menschen helfen, wenn er sich dem Feilschen mit denen verweigere, die über die Macht verfügen, DDR-Bürger zu behalten oder ziehen zu lassen. Doch daß er von der Stasi sei, haben seine Partner im Westen nie geglaubt.

Bei ihnen genießt der Mann aus dem Osten seit Jahren höchstes Ansehen - dank der Pingeligkeit, mit der er sein Wort hält und dank seiner Aufrichtigkeit. Bundespräsident Richard von Weizsäcker schickte dem Ost-Berliner zum 60. ein persönliches Glückwunschschreiben.

Das Vertrauen in Vogel rührt aus seiner Nähe zu Erich Honecker. Der Anwalt hat direkten Zugang zum Staatsratsvorsitzenden. Er spielt für ihn nicht nur den humanitären Ausputzer, sondern häufig auch den Kurier, wenn es politische Absprachen zwischen Bonn und Ost-Berlin vorab zu sondieren gilt.

Im Auftrag Honeckers hält er etwa seit langen Jahren guten Kontakt zu Herbert Wehner. Er bereitete dessen spektakuläres Treffen 1973 in der Schorfheide mit Honecker vor und besucht den kranken Altmeister der SPD noch heute regelmäßig zum Geburtstag.

Was Vogel versprach, so hat sich stets erwiesen, war mit dem Mann an der Spitze direkt abgesprochen, oft genug vorbei an den Apparatschiks von der Partei und der Sicherheit.

Nur einmal bislang konnte der Honecker-Vertraute nicht einlösen, was er versprochen hatte: Als nach der Demo beim Rosa-Luxemburg-Gedächtnismarsch am 17. Januar 1988 die Stasi zuschlug und über 100 Mitglieder der Ost-Berliner Friedens- und Ökoszene in den Knast brachte, garantierte Vogel die Freilassung der Inhaftierten in die DDR.

Doch die Sicherheitsfraktion im Politbüro verpaßte Honecker einen Denkzettel: Die Dissidenten Stephan Krawczyk, Freya Klier, Bärbel Bohley und Ralf Hirsch wurden nach Westen gepreßt - nur Bärbel Bohley durfte wieder zurück.

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