SCHULE »Wenn Allah möchte«
Alle sind sie dafür: der Bundesinnenminister, Otto Schily, der Bundespräsident, Johannes Rau, der Chef der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Friedrich Merz, die Ausländerbeauftragten von Bund und Ländern - und sogar die Hardliner aus der CSU.
Als die niedersächsische Kultusministerin Renate Jürgens-Pieper (SPD) vorvergangene Woche mitten ins Sommerloch die Nachricht lancierte, ihr Land wolle Islam-Unterricht in deutscher Sprache an den Schulen einführen und schon im nächsten Jahr mit einem Versuch beginnen, erntete sie bundesweit Aufmerksamkeit und Beifall von Politikern aller Couleur. »Wenn wir das hinkriegen, dann wäre Niedersachsen an der Spitze der Bewegung«, lobte sich Jürgens-Pieper selbst.
Die Betonung liegt auf »wenn«. Denn Jürgens-Piepers ehrgeizige Idee, einen Runden Tisch einzurichten, um sich mit den Islam-Verbänden zu einigen, ist in Wahrheit ein alter Hut - nur ist sie bisher nirgendwo verwirklicht. Experten in den Ministerien anderer Länder wundern sich deshalb über den demonstrativen Optimismus der Niedersachsen. »Was die mit dem Runden Tisch vorhaben, hatten wir schon vor drei Jahren in Angriff genommen«, sagt die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD). Bislang ohne Erfolg.
Die nordrhein-westfälische Schulministerin Gabriele Behler (SPD) biss mit ihrer Anregung, über deutschsprachigen Islam-Unterricht zu reden, bei einigen Islam-Verbänden auf Granit. Und Annette Schavan (CDU), Kultusressort-Chefin in Baden-Württemberg, verhandelt seit zwei Jahren, ohne sich jedoch festlegen zu wollen, wann der Islam-Unterricht nun losgehen soll.
Trotz aller wortreichen Bekenntnisse sind die deutschen Politiker somit bislang an rechtlichen Problemen, der Uneinigkeit der Muslim-Organisationen und an ihrem eigenen mangelnden politischen Durchsetzungswillen gescheitert.
Dabei ist der Bedarf längst erkannt. Bereits 1979 beauftragte der damalige Kultusminister Nordrhein-Westfalens, Jürgen Girgensohn, sein Landesinstitut für Curriculumentwicklung, einen Lehrplan für muslimischen Religionsunterricht auf Deutsch zu erarbeiten. Der liegt zwar inzwischen - nicht mit den muslimischen Vertretern abgestimmt - vor. Doch das Fach gibt es bis heute nicht.
Nach über 20 Jahren Diskussion hat es noch kein Bundesland geschafft, regulären Islam-Unterricht unter staatlicher Aufsicht in deutscher Sprache für die rund 700 000 muslimischen Schüler in Deutschland anzubieten. Nur zwei Modellversuche laufen: in Bayern und in NRW. Stattdessen haben es Behörden und Politiker zugelassen, dass die Moscheen die Erziehung junger Muslime monopolisiert haben.
Spätestens seit den Anschlägen vom 11. September ist freilich das Misstrauen darüber gewachsen, was allnachmittäglich in den Schulungsräumen der Moschee-Vereine gelehrt wird.
Dieses Misstrauen gegen den selbst organisierten Koranunterricht, der von etwa 70 000 Kindern in Deutschland besucht wird, gründet sich auf mehr als nur dumpfe Vorurteile. In Koranschulen werde »gegen den Westen und unsere Lebenskultur agitiert, da werden Überlegenheitsansprüche geltend gemacht, da wird die Ghettoisierung gefördert«, sagt die Marburger Islam-Forscherin Ursula Spuler-Stegemann. Auch der Leiter des Instituts für Türkeistudien, Faruk ¸Sen, warnt: Korankurse »hemmen die Integration«.
In einigen Koranschulen sind die Kinder den ganzen Tag untergebracht, ständig unter Aufsicht der Hodschas, der religiösen Lehrer, mit wenig Kontakten nach draußen. In den Moscheen des konservativ-orthodoxen Verbands der Islamischen Kulturzentren (VIKZ), des drittgrößten Moschee-Dachverbands, etwa werden die Kinder am Wochenende und in den Ferien geschult. Der Verband bemüht sich aber auch, Wohnheime für Schüler zu betreiben.
Die elfjährige Türkin Sebahat, die verschleiert und mit dem Koran im Ranzen in die VIKZ-Moschee in Bottrop-Welheim huscht, lernt dann etwa, dass Männer den Vordereingang nehmen, Frauen dagegen durch den Hintereingang hereinkommen. Oder dass von einer guten Muslimin nur Gesicht und Hände zu sehen sein dürfen. Auch wenn das kein Zwang sei, wie Hodscha Hilmi Faruk Aciksöz betont. »Wenn Allah möchte, begnadigt er die, die keinen Schleier tragen.«
Die Koranschulen verschärften die innere Zerrissenheit von muslimischen Jugendlichen, warnt Islam-Kundler Hasan Alacacioglu, der die erste Studie über Koranschulen verfasst hat. Sie zögen die Kinder mit Macht zurück in die Welt ihrer Eltern und Großeltern.
Auch ist der Koranunterricht oft stupide und autoritär und traktiert Kinder wie die fünfjährige Ruhi mit phantasieloser Pädagogik. Gehüllt in ein besticktes Kopftuch, sagt Ruhi ihrer Lehrerin in der Hamburger Pak-Alem-Moschee mit kehligen Tönen arabische Koransuren auf. Die 13-jährige Nida hat gelernt: »Den Koran muss man nicht verstehen, man muss ihn immer wiederholen, damit man ihn auswendig kann.«
Eltern muslimischer Kinder und Jugendlicher haben bislang nur die Wahl zwischen Koranschule oder gar keinem Religionsunterricht. Dabei wünschen sich - laut einer Umfrage des Zentrums für Türkeistudien - beispielsweise 89 Prozent der türkischen Muslime in Deutschland durchaus konfessionellen Islam-Unterricht an den Schulen. Nur 7 Prozent meinen, Mohammeds Lehrer gehörten allein in die Hände der Islam-Verbände.
Seit Jahren müssen muslimische Kinder und Eltern mit Notlösungen vorlieb nehmen - etwa Religionsunterricht durch den türkischen Staat. In Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein, Berlin und Hamburg unterrichten von der Türkei entsandte Lehrer Kinder in ihrer Muttersprache und in Islamkunde. Mit türkischen Lehrplänen, »in ausschließlicher Verantwortung des Türkischen Generalkonsulats«, wie die Stuttgarter Landesregierung betont.
Diese Lehrer seien »Instrumente ihrer fremdstaatlichen Herkunftsinstitutionen«, warnt der Islam-Wissenschaftler Bassam Tibi. Der türkische Staat zahlt rund 3,6 Millionen Euro jährlich dafür, dass er in Baden-Württemberg den Unterricht halten darf.
In Berlin organisieren Religionsgemeinschaften den Unterricht selbst. Das führte dazu, dass die Islamische Föderation im vergangenen Jahr das Recht erstritt, in öffentlichen Schulen unterrichten zu dürfen. Was hinter den verschlossenen Klassenzimmertüren passiert, darauf hat die deutsche Schulaufsicht keinen Einfluss.
Hamburg versucht dagegen, das Problem vermeintlich elegant zu lösen, indem ein gemeinsamer Unterricht alle Weltreligionen behandelt. In Hessen wird ab diesem Schuljahr in einigen Klassen »Ethik mit Schwerpunkt Islam« angeboten. Den Inhalt der Stunden will die Schulbehörde mit dem Integrationsbeirat des Landes festlegen, es soll auch um »Liebe, Sex und Partnerschaft« gehen.
Während die Politiker an den Problemen herumdoktern, bekommen die Praktiker die Folgen der Koranerziehung in den Moscheen täglich zu spüren. Deren »massiven Einfluss« sogar auf alle übrigen Unterrichtsfächer beklagt etwa die Leiterin der Berliner Fichtelgebirge-Grundschule, Annette Spieler, in deren Klassen auch die Islamische Föderation unterrichtet. Manche Siebenjährige hätten kaum noch Zeit für Hausaufgaben. Und ausgerechnet Kinder, die weder gut Deutsch noch Türkisch sprächen, müssten nun zusätzlich Arabisch pauken.
Immerhin aber gibt es vereinzelte Fortschritte. In Bayern hat eine neu gegründete »Islamische Religionsgemeinschaft« einen Lehrplan vorgeschlagen. An fünf Pilotschulen wird bereits Islam-Kunde auf Deutsch unterrichtet. Und Bremen wollte nach erfolgreicher Entwicklung eines Lehrplans eigentlich schon diesen Sommer in den fünften Klassen einer Schule anfangen - es fand sich nur kein geeigneter Lehrer.
Der Lehrermangel ist überhaupt das zweite Riesenproblem des Islam-Unterrichts: Die Länder suchen nach Pädagogen mit einer Ausbildung, die es noch gar nicht gibt. Zwar schreibt die Universität Münster nun einen Lehrstuhl für Islamische Theologie aus, an dem Lehramtsstudierende in einem viersemestrigen Zusatzstudium ausgebildet werden sollen. Doch bis die ersten fertig sind, dauert es noch einige Jahre.
So lange wollte Nordrhein-Westfalen nicht warten. Seit 1999 gibt es an 24 Schulen probehalber Islam-Kunde-Unterricht auf Deutsch. Allerdings, aus rechtlichen Gründen, nur Unterricht, der Wissen über die Religion Islam vermittelt - und keine dem christlichen Religionsunterricht gleichgestellte Erziehung zum muslimischen Glauben, wie etwa Niedersachsen sie einführen will. Ausgeweitet wird der Versuch trotzdem: Im kommenden Jahr könnten noch einmal rund hundert Schulen dazukommen. Schulministerin Behler will Geld für mehrere Dutzend Lehrerstellen lockermachen.
Wie teuer der Islam-Unterricht auf Deutsch die Länder käme, zeigen Berechnungen des Tübinger Juristen Martin Heckel. Würde der Unterricht flächendeckend eingeführt, bräuchte man dafür einige tausend Lehrer - und Hunderte Millionen Euro, die in keinem Bildungsetat eingeplant sind. Jürgens-Pieper hat als Kosten für ihren Modellversuch bislang 11 000 Euro veranschlagt - ein deutliches Zeichen für die Fragwürdigkeit ihres Vorhabens.
Die niedersächsische Ministerin will auf Lehrer zurückgreifen, die bereits Türkisch unterrichten. So machen es auch Bayern und Nordrhein-Westfalen. Da muss es eben reichen, dass ein Türkisch-Lehrer gut Deutsch spricht, damit er im Hauruck-Verfahren zum Islam-Lehrer weitergeschult werden kann.
Ein Lehrer wie Hüseyin Çetin, der selbst Imam war und in der Türkei Gymnasiallehrer, ist ein seltener Glücksfall. Der 43-Jährige unterrichtet an der Gemeinschaftsgrundschule Bruckhausen in Duisburg und erklärt seinen Drittklässlern gerade, warum Allah die Reinen liebt. »Was müssen wir sauber halten?«, fragt er. »Unsere Küche«, sagt Kübra, 9. »Unsere Straßen«, schlägt Fatih vor, »Sauberkeit ist ein Befehl von Gott.« Und mit ein bisschen Unterstützung des geduldigen Lehrers kommen die Schüler der 3a/b auch darauf, dass man ein reines Herz nicht durch Wasser bekommt, sondern durch die Dinge, die Allah gefallen.
Dass der Islam-Unterricht den Moscheen Zulauf abgraben werde, glaubt Çetins Schulleiter Rainer Peglow nicht. Aber die Schule müsse falschen Aussagen in den Moscheen etwas entgegensetzen können.
Prompt haben einige von Çetins Schülern schon mal gewagt, ihrem Hodscha zu widersprechen, als der etwas anderes erzählt als der Lehrer in der Schule. Doch die Rebellion wird schnell erstickt. »Euer Lehrer weiß nichts«, herrscht der Hodscha die Kinder an. Noch Fragen? Nein, keine. CORDULA MEYER