Wenn Mielke kam - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 13 / 146

Wenn Mielke kam

Ein westdeutscher Politikprofessor von der Freien Universität Berlin macht Karriere als Dorfbürgermeister in der Uckermark.
Von Susanne Fischer
• aus DER SPIEGEL 40/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf seinen jüngsten Erfolg ist der Bürgermeister von Wartin besonders stolz. Von 250 Dörfern in der Uckermark hat das Land Brandenburg dieses Jahr lediglich 2 in sein Dorfentwicklungsprogramm aufgenommen - und Wartin ist dabei. Drei Jahre lang steuert das Land jetzt 70 Prozent zu Investitionen der Gemeinde bei, auch Privatleute können, etwa für ein neues Dach, Hilfe bekommen. Gerade ist der erste Bewilligungsbescheid gekommen: 360 000 Mark für die Restaurierung einer alten Pflasterstraße.

Ein Jahr lang hat Hans-Joachim Mengel mit seiner Gemeinde für dieses Ziel gearbeitet, hat sich mit interessierten Bürgern immer wieder in der Dorfkneipe versammelt, um Projekte zu beraten. Die Leute mögen ihn, obwohl der Bürgermeister, der aussieht wie ein etwas zerstreuter Professor, noch immer eine befremdliche Figur ist im bodenständigen Brandenburg. Mengel stammt eben nicht von hier. Er kommt nicht mal aus Ost-Deutschland. Tatsächlich ist er das, wonach er aussieht: ein Professor für Politikwissenschaft an der FU Berlin.

Nach Wartin hat ihn vor zehn Jahren eine Annonce gelockt: Schloss zu verpachten. Neugierig geworden, weil er damals Ausschau hielt nach einem Landhaus, um für seine Studenten nach angloamerikanischem Vorbild Seminare in abgeschiedener Campus-Atmosphäre zu organisieren, machte er sich auf den Weg an die deutsch-polnische Grenze.

Mengels erster Gedanke, als er das Schloss sah, war: »Niemals!« Seit 1928 war das Herrenhaus nicht mehr in Privatbesitz gewesen, war erst von der NSDAP als Gauleiterschule, dann von der örtlichen LPG als Kantine genutzt worden. Welliges Linoleum über verfaultem Parkett, 14 Pilzsorten im Holz, zerbröselnde Decken und Wände. Bloß weg, dachte der Professor.

Er hatte nicht mit Karl-Heinz Schulz gerechnet. Der damalige Bürgermeister von Wartin ließ nicht locker. Lud den Professor und seinen Assistenten, den Neuseeländer Charles Elworthy, noch einmal nach Wartin ein. Seine Frau tischte Ente und Rotkohl auf und er Argumente, warum das Schloss für die Pläne der beiden genau das Richtige sei. Das Ergebnis: ein Erbpachtvertrag auf 99 Jahre.

Wartin also. Anderthalb Autostunden von Berlin, 450 Einwohner, geduckte Einfamilienhäuser, eine Dorfkneipe, ein Konsum, eine Kirche mit einem Pastor, der mehrere Gemeinden betreut. Und mittendrin ein einst verfallenes Herrenhaus, das heute in sonnigem Gelb zwischen den alten Bäumen des Schlossparks schimmert.

»Europäische Akademie« steht auf dem Schild vorm Eingang, das eine ansehnliche Reihe Sponsoren auflistet. Drinnen ist das alte Linoleum verschwunden, das Parkett saniert. Das Gebälk unterm Dach wurde erneuert, Decken und Wände wurden neu verputzt und gestrichen, Leitungen gelegt und die zwei Küchen mit großen eisernen Herden aus England bestückt. Kunst aus der Uckermark steht zwischen den Möbeln aus allen Epochen überall im Haus verteilt. In der Küchenkammer stapelt sich Geschirr mit Jagdmotiven: Teller und Tassen mit goldgeränderten Fasanen und Hirschen, ein Erbe von Erich Mielke, das der Landkreis dem Schloss übergab, weil man nicht wusste, wohin damit. Draußen hegt eine Ziegelmauer den weitläufigen Schlosspark ein.

Die beiden Wessis betreiben keine Hochglanzsanierung, entstanden ist in zehnjähriger Kleinarbeit eher eine Villa Kunterbunt. Mengel passt gut dazu mit Wolljackett, ausgebeulter Hose und quer über den Kopf gekämmten Haaren, ein kurioser Kontrast zu seinem bis zum Einstecktuch stets perfekt gekleideten Assistenten Elworthy.

»Der Professor« und »der Doktor«, wie die beiden im Dorf genannt werden, bringen jeweils zu Beginn des Semesters ihre Berliner Studenten nach Wartin - damit sie sich beim Essen unterm Walnussbaum im Rosengarten kennen lernen - und dann immer wieder für einzelne Projekte. Sie veranstalten im Schloss Konzerte, Theater und Lesungen - zum 100. Todestag von Nietzsche etwa las die Justizministerin Herta Däubler-Gmelin, die im Schloss öfter Urlaub macht, aus dem Werk des Philosophen. Die Fraktionen des Kreistags nutzen das Schloss für Klausurtagungen, Künstler aus der Region stellen hier ihre Werke aus.

Und welchen Nutzen haben die Wartiner davon? Was hat ihnen der Einzug der Wessis in ihr Dorf gebracht? Arbeitsplätze sind, bis auf zwei 630-Mark-Jobs im Schloss-Sekretariat, nicht entstanden. »Das haben wir auch nie versprochen«, sagt Mengel. Sie würden, kündigte er bei Übernahme des Schlosses an, versuchen, zum Wohl des Dorfes Fördertöpfe anzuzapfen. Tatsächlich hat - verteilt über die zehn Jahre - praktisch aus jeder Familie mindestens einer eine ABM-Stelle im Schloss gehabt.

Und die Zugezogenen haben noch viel vor: ein Schlosscafé, Übernachtungszimmer, irgendwann vielleicht ein Restaurant - längst hat sich das Schloss ihrer bemächtigt, ist aus dem Projekt eine Lebensaufgabe geworden. Durch sie habe das Dorf »einen neuen Geist« bekommen, lobt der 93-jährige Artur Bohlmann vom Nachbargrundstück die neuen Schlossherren.

Doch genau das war am Anfang nicht jedem recht. Zu DDR-Zeiten arbeiteten von 500 Einwohnern 160 in der LPG. Das machte LPG-Chef Hans Tempel zu einem mächtigen Mann. Als Mengel und Elworthy mit den Bauarbeiten im Schloss begannen, hatte er das Gefühl, da wuselten Fremde in »seinem« Schloss herum; schließlich war darin lange die Genossenschaftskantine untergebracht. »Das wird doch alles nichts«, machte er in der Dorfkneipe Stimmung gegen »die Wessis« - bis Mengel ihn zur Rede stellte. Heute arbeitet Tempels Sohn Thomas, gelernter Schreiner, immer wieder für das Schloss.

»Es gab Momente, da war ich so müde, das Dorf mitzunehmen«, erzählt Mengel vom deutsch-deutschen Annäherungsprozess im Mikrokosmos Wartin. Etwa wenn er sich bemühte, den Wartinern seine Pläne möglichst genau zu erklären, und zu hören bekam: »Der tut, als wären wir gerade von den Bäumen herabgestiegen.« Ein Satz, der ihm immer wieder begegnet: »Herr Professor, wir sind hier nicht in Berlin.«

Als vor einigen Jahren erste Zeitungsberichte erschienen über das Stasi-Ausbildungslager Wally am Ortsrand von Wartin, wo Spezialeinheiten für Terroreinsätze im Westen trainiert wurden, ging Mengel abends neugierig in die Gemeindeversammlung: »Wusstet ihr das?« Klar, redeten alle wild durcheinander, »wenn Mielke kam, mussten wir doch immer alle vom Feld«. Ein einmaliger reger Austausch, dann war das Thema wieder begraben.

»Wir fragen in der Regel nicht, und sie erzählen meist nichts«, sagt Mengel. Vielleicht liegt darin das Geheimnis seines Erfolgs, seiner Akzeptanz in Wartin: Er kam nicht mit der Attitüde des moralisch Überlegenen, stocherte nicht in der Vergangenheit, sondern blickt stur nach vorn. Ob einer in der Partei war, wer vielleicht wen bei der Stasi denunziert hat, will er nicht wissen. Die Gegenwart zählt und was sie gemeinsam daraus machen können. Weil in ihrem Leben nichts mehr so ist, wie es einmal war, seien die Menschen in Dörfern wie Wartin so mit dem Alltag beschäftigt, dass die großen Linien leicht aus dem Blick geraten. Da könne ein »Watchdog« aus Berlin manchmal hilfreich sein.

Momentan führt er die Wartiner in den Kampf gegen Windmühlen. Anfang Oktober wird über den Regionalplan Windnutzung für die Uckermark entschieden. 46 Windparks seien geplant, empört sich Mengel, allein bei Wartin sollen knapp 20 Windräder aufgestellt werden, bis zu 120 Meter hoch. »Dann können wir alle Hoffnung auf Tourismus hier begraben.« SUSANNE FISCHER

Ich warte darauf, dass endlich die Investoren und nicht nur die Gebrauchtwagenhändler in die DDR reisen JOHANNES RAU, SEPTEMBER 1990

Zur Ausgabe
Artikel 13 / 146

Mehr lesen über