Wenn Sie gestatten - DER SPIEGEL
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Wenn Sie gestatten

• aus DER SPIEGEL 16/1948
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die beiden Polizisten vor dem Düsseldorfer Mannesmann-Haus, die die nordrhein-westfälische Landesregierung bewachen, wußten nicht recht, wie sie den schwarzen Hochglanz-Maybach wegdirigieren sollten, der direkt vor dem Hauptportal hielt. Ungerührt polierte General Bishops Fahrer den Lack. Sein Chef saß inzwischen mit wundervollem Rheinblick bei Ministerpräsident Arnold in dem Zimmer, von dessen Schreibtisch früher Generaldirektor Zangen den Mannesman-Konzern führte, und das heute mitsamt seinem geliehenen Teppich von Karl Arnolds sachlich-kühler Chefsekretärin allen unberufenen Blicken wie ein Staatsgeheimnis entzogen wird.

Daß der britische General den Ministerpräsidenten besuchte, hatten die Polizisten noch nicht erlebt. Früher mußte Karl Arnold immer zum Mil.-Gov. Stahlhof kommen. General Bishop hat nun eingeführt, daß man sich zu regelmäßiger Aussprache abwechselnd und gegenseitig besucht. »Wir müssen nur richtig zusammenarbeiten, dann werden wir in der Produktion bald 100 Prozent der 36er-Fertigung erreicht haben«, hatte der Gouverneur sich ein paar Tage vorher bei seiner Antritts-Pressekonferenz für die Marshall-aktualisierten Ruhr-Reste gerührt.

Er fand überhaupt Worte, wie sie aus englischem Mund noch nicht allzuoft gekommen sind. »Statt Zynismus herrscht jetzt ein neuer Geist der Zusammenarbeit zwischen Engländern und Deutschen.« Wenn er eine Presseantwort nicht parat hatte, ließ er sich hinter dem Rücken des Dolmetschers beraten.

Sein Zonenchef Robertson hat ihn bisher gern dorthin geschickt, wo es etwas delikate Arbeit gab. (Die Exodus-Juden waren unter seiner Regie ausgeschifft worden.) Seine Kritik an den Deutschen begann er diesmal: »Wenn Sie gestatten, bin ich als Ihr Freund der Meinung, daß ...«, und zum Schluß sagte er noch ein Gedicht. Bald war die englische Hand ausgestreckt.

Karl Arnold machte dasselbe ein paar Tage später für die Deutschen in Essen. Er hatte aber mehr Vorbehalte.

Seine Idee war es gewesen, mit einer Massen-Kundgebung gleichzeitig seinem mit äußerster Skepsis aufgenommenen nationalen Manifest neue Luft einzublasen und bei der Gelegenheit seine Bedingungen für eine Zusammenarbeit mit den Besetzern bekanntzugeben. Essens Oberbürgermeister, Dr. Dr. Heinemann, nebenbei Nordrhein-Westfalens Justizminister, hatte seinen Namen unter die Einladungen gesetzt.

»Die Leute haben ja gar nicht kapiert, was der Ministerpräsident mit dem Manifest eigentlich will«, räusperte sich Landespressechef Dr. Katzenberger, der sich gern Geheimrat nennen hört (er erdiente sich den Titel in der Weimarer Republik), früher die Zentrums-»Germania« redigierte und selbst schon einmal mit einem nationalen Manifest durchfiel. Der agile Herr mit den großen Bewegungen ist über die Ansichten und Pläne seines Premiers genauestens orientiert. »Wenn Sie den Ministerpräsidenten fragen wollen, können Sie auch mich fragen.« Dann doziert er, »er (Arnold) muß in der Frage der nationalen Einheit endlich offensiv werden. Bis jetzt mußten wir immer nur die östlichen Einheitsrufer abwehren.«

Das Offensiv-Werden in Essen wurde von einem Massenaufgebot von Polizisten zu Fuß und auf Pferden umrahmt. »Die Ruhr ruft Europa« war das Motto. Sie rief aus dem vollen Zirkus Bügler.

Das Programm hätte um ein Haar noch über den Haufen geworfen werden müssen. Dr. h. c. Böckler von der Gewerkschaft hatte sich mit einer Lungenentzündung ins Bett gelegt. »Der Ministerpräsident fühlt sich auch nicht ganz wohl«, sorgte sich Katzenberger.

Der Premier brachte seine Rede aber doch noch an die versammelte Prominenz, das Ruhrvolk und die Welt, die durch den Schweizer Schriftsteller Eugen Wyler repräsentiert wurde.

Das werktätige Volk klatschte heftig, als Arnold die Industrie in Gemeinwirtschaft überführt wissen wollte. Albin Carl vom DGB hatte gerade vorher unter Parallel-Applaus von Gemeineigentum gesprochen. Kaum einer merkte den Unterschied, über dem beim letzten Landtag die Sozialisierungs-Verabschiedung in die Brüche gegangen war.

Dann kam der Premier auf sein Manifest. Von der Militär-Regierung hat noch keiner geantwortet. »Aber er ist trotzdem mit der Resonanz zufrieden«, sagt Adlatus Katzenberger. »In spätestens einem Jahr werden seine Gedanken verwirklicht sein.«

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