USA / GEHEIM-BERICHTE Wer fälscht?
Sorglos rückte Luftwaffen-General Nathan Twining, Chef des US-Generalstabs, seine Brille zurecht und schickte sich an, mit gewohnter Sicherheit die Parlamentarier über die militärische Vorrangstellung der Vereinigten Staaten zu belehren. Dozierte der General: »Die Vereinigten Staaten sind stärker als die Sowjet-Union und werden es auch bleiben. Der sowjetische Vorsprung auf dem Gebiet der Raketenwaffen wird immer kleiner. Ich kann versichern ...«
Da wedelte der demokratische Senator Stuart Symington, ehemaliger Luftwaffenminister der Truman-Ära, mit einem schmalen Aktenhefter durch die Luft und unterbrach den Vortrag des Generalstabschefs: »Ist Ihnen denn nicht bekannt, General, daß unser Geheimdienst festgestellt hat, die Sowjets hätten mehr interkontinentale Raketen auf ihren Abschußrampen, als man im vorigen Jahr vorausgesehen hat?«
Doch Nathan Twining trumpfte auf: Im letzten Jahr gab es ja überhaupt keine nachrichtendienstlichen Schätzungen über sowjetische Interkontinentalraketen!«
Lächelnd bat der Senator den General, er möge sich von seinem Zeugenstuhl erheben und sich zu ihm, dem Senator, bemühen. Symington klärte den Generalstabschef auf: Der Leiter des amerikanischen Geheimdienstes, Allen W. Dulles, habe vor einigen Wochen den Senatoren in einer vertraulichen Sitzung mitgeteilt, von seiner Behörde sei im vergangenen Jahr geschätzt worden, daß die Sowjet-Union der Raketenmacht Amerika in der Zeit zwischen Sommer 1960 und Ende 1962 um das Dreifache überlegen sein werde; man habe sich dabei jedoch um 20 bis 50 Prozent zugunsten Amerikas verschätzt, so daß mit einer fünffachen Raketen-Überlegenheit der UdSSR zu rechnen sei.
Stammelte Twining: »Senator, ich werde das alles richtigstellen, nur dieser Saal hier ist nicht der geeignete Platz dafür.« Twining mußte zugeben, daß er die Geheimstatistik des Allen W. Dulles nicht gekannt habe; sie sei auch dem Verteidigungsministerium niemals vorgelegt worden. Die Parlamentarier beschlossen daraufhin, den Mann zu vernehmen, der dem General Twining und damit dem Kabinett Eisenhower diese empfindliche Schlappe bereitet hatte: Allen W. Dulles.
Die Niederlage des Generals Twining vor dem Senats-Unterausschuß für Militärische Bereitschaft Mitte Februar legte die Frage nahe, was den Chef des amerikanischen Geheimdienstes bewogen haben mochte, die optimistischen Berechnungen des Generalstabs zu zerpflücken. Gegner des Geheimdienstlers äußerten den Verdacht, Dulles habe die Mitglieder der Exekutive bewußt mangelhaft informiert, um sie in der Öffentlichkeit desto demonstrativer bloßstellen zu können.
In der Tat ist unbestreitbar, daß Dulles seit dem Tode seines Bruders John Foster einen eigenen Kurs steuert, der von der internationalen Entspannungspolitik des Präsidenten Eisenhower merklich abweicht. Ob das Tempo der sowjetischen Industrie-Entwicklung oder die Friedfertigkeit Nikita Chruschtschows zur Diskussion steht - immer läßt Spionagechef Dulles zur rechten Zeit Geheiminformationen kursieren, mit denen er seine unverhohlene Auffassung bekräftigt, Sowjetrußland sei für Amerika trotz aller Entspannungswünsche gefährlicher denn je.
Solche Skepsis veranlaßte auch Allen W. Dulles, die Verteidigungspolitik seines Präsidenten besonders mißtrauisch zu verfolgen. Eisenhower hat sich nämlich entschlossen, seine Partei mit einem ausgeglichenen Staatshaushalt in den bevorstehenden Wahlkampf um die Neubesetzung des Weißen Hauses zu schicken; ein solches Budget aber setzt voraus, daß die Regierung auf jede härtere Anstrengung verzichtet, durch die allein der Raketen-Vorsprung Rußlands eingeholt werden könnte.
Die Minister und Propagandisten der Regierung wurden durch das Land geschickt, den sowjetischen Raketen-Vorsprung zu bagatellisieren. Besonderer Lautstärke bediente sich dabei Verteidigungsminister Thomas S. Gates, als er das neue Budget Eisenhowers vor dem Kongreß zu begründen hatte.
Minister Gates renommierte: »Aufgrund der Auswertung aller Berichte des Geheimdienstes sind wir zu der Überzeugung gekommen, daß die Überlegenheit der Sowjets auf dem Gebiet der interkontinentalen Raketen nicht so groß ist, wie ursprünglich angenommen wurde.«
Gates begründete diesen Optimismus mit einem neuen Verfahren bei der Auswertung militärischer Geheiminformationen. »Bisher haben wir Ihnen«, erläuterte der Verteidigungsminister den Parlamentariern, »Geheimdienstzahlen unterbreitet, die etwas über die theoretische Stärke der sowjetischen Raketenwaffe aussagten. Jetzt aber haben wir zum erstenmal Geheimdienstberichte vorliegen, aus denen eindeutig hervorgeht, was die Sowjets sehr wahrscheinlich tun werden.«
Mit anderen Worten: Es komme nicht darauf an, die Kapazität der sowjetischen Raketenindustrie zu kennen, sondern deren genaue »Absichten« (intentions). Aus dem vom US-Geheimdienst ausgearbeiteten »national intelligence estimate« aber - so behauptete Gates gehe deutlich hervor, daß der sowjetische Vorsprung im Jahre 1963 geringer sein werde als bisher angenommen; von einer dreifachen Überlegenheit der sowjetischen Raketenmacht gegenüber der amerikanischen könne nicht mehr gesprochen werden.
Kaum hatte der Verteidigungsminister Gates dieses optimistische Bild gemalt, da erschien Allen Dulles mit einem Schreckensgemälde vor demselben Kongreßausschuß. Anhand zweier Graphiken zerstörte der Spionagechef in einer Geheimsitzung das Vertrauen des Ministers: Die früheren Schätzungen, die von einer dreifachen Raketen-Überlegenheit Moskaus sprachen, seien viel zu niedrig gewesen, der Abstand im Raketenrennen werde sich daher nicht verringern, sondern vergrößern. Kein demokratischer Kritiker der Regierung Eisenhower hätte die amerikanische Verteidigungspolitik härter disqualifizieren können als der Spionagechef.
Indes, dem Generalstabschef Twining blieben die Dulles-Erklärungen in der geheimen Sitzung des Kongreßausschusses unbekannt. Als der General Mitte Februar im Kongreß das neue Budget verteidigte, fiel es dem oppositionellen Senator Symington denn auch leicht, die Argumente Twinings mit den Dulles-Zahlen zu widerlegen.
Die Regierung sei offenbar - wetterte der ehemalige Luftwaffenminister Symington - »entschlossen, die Bücher des Geheimdienstes zu fälschen, um das Haushaltsbuch in Ordnung halten zu können«. Symington beantragte daraufhin, den Spionagechef vor den Kongreß zu laden, um »die Verwirrung in Washington« aufzuhellen.
Der Verteidigungsminister Gates aber ordnete inzwischen die Errichtung einer »Wahrheitsbrigade« ("New York Times") an, die im Auftrag des Pentagon verhindern soll, daß weiterhin - wie Gates in einem Memorandum an seine Staatssekretäre schrieb - »das Vertrauen der Nation in ihre Verteidigung durch Fehlinformationen erschüttert wird«. Gates-ließ freilich offen, ob er auch den Geheimdienstchef Dulles zu den Fehlinformanten rechnet.
Spionagechef Dulles
Die Wahrheitsbrigade marschiert