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»Wer schweigt, wird schuldig«

Bischof Joseph Zen über den Angriff der Kommunisten auf die Bürgerrechte in Hongkong, seinen Aufruf zum Widerstand und den Kampf um die Glaubensfreiheit in der Volksrepublik China
Von Erich Follath und Andreas Lorenz
• aus DER SPIEGEL 28/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Exzellenz, 500 000 Menschen sind für bürgerliche Freiheit und gegen die Regierung auf die Straße gegangen - es war die größte Demonstration in Hongkong seit der Übernahme durch die Volksrepublik vor sechs Jahren. Waren Sie an vorderster Front dabei?

Zen: Ich war in der Kirche und habe für die Demonstranten gebetet.

SPIEGEL: Ziemlich überraschend für einen Mann, den viele für einen der wichtigsten und eloquentesten Bürgerrechtler und Regimekritiker in Hongkong halten. Warum haben Sie sich den Menschen nicht angeschlossen, die Sie doch gerade in letzter Zeit besonders zum Protest ermuntern?

Zen: Ich habe Provokationen gefürchtet, den Ausbruch von Gewalt. Ich bin sehr froh, dass es so friedlich geblieben ist. Eine halbe Million Menschen auf der Straße und keinerlei Zwischenfälle. Das soll uns mal jemand nachmachen. Jetzt haben wir den Beweis: Hongkong ist keineswegs unpolitisch - die Menschen hier sind reif für die Demokratie. Wir verdienen Demokratie.

SPIEGEL: Die KP-Führung in Peking und ihr Hongkonger Statthalter Tung Chee-hwa haben die Demonstration zugelassen. Das zeigt doch immerhin ...

Zen: ... dass Hongkong nicht vergleichbar ist mit Städten auf dem Festland. Natürlich gibt es hier noch mehr Freiheiten als in Peking oder Shanghai. Doch die Kommunisten versuchen, diese immer mehr zu untergraben. Das ist ja der Hauptgrund für die Massenproteste. Dazu kommt noch: Peking-nahe Unternehmer haben Zeitungen in Hongkong gekauft, was dazu führte, dass viele Journalisten inzwischen die Schere im Kopf haben.

SPIEGEL: Unter dem Motto »Ein Land - zwei Systeme« hatte die Volksrepublik 1997 der ehemaligen britischen Kronkolonie zugestanden, für 50 Jahre als Sonderverwaltungsregion innerhalb des Staatsverbandes weitgehend ihre Freiheiten zu behalten. Hongkong genießt formal eine besondere Form der Autonomie. Wo haben die KP-Führer denn ihre Versprechen gebrochen?

Zen: Das fing schon unmittelbar nach der Übergabe an. Der letzte Gouverneur des Kolonialregimes, Chris Patten, hatte ja er-

folgreich versucht, demokratische Reformen voranzubringen. Der von Peking bestimmte Provisorische Rat tat alles, um diese Rechte wieder zu beschneiden. Nur eine kleine Anzahl unserer Abgeordneten wird direkt gewählt, die Mehrheit wird auf undemokratische Weise bestimmt, durch Repräsentanten einzelner Berufsgruppen und Ausschüsse. So kann eine Regierung von Pekings Gnaden in Hongkong alles bestimmen - auch gegen die Mehrheitsmeinung der Menschen auf der Straße.

SPIEGEL: Wie das von den Demonstranten besonders angegriffene Sicherheitsgesetz, das diese Woche verabschiedet werden soll?

Zen: Die Regierung hat darüber nicht einmal eine wirkliche Debatte erlaubt. Es ist traurig: Das Hongkonger Parlament verkommt zu einer Abstimmungsmaschine. Es ist ein furchtbares Gesetz, das Hongkong auf jeden Fall erspart bleiben sollte.

SPIEGEL: Peking sagt, Gesetze gegen Subversion gäbe es in fast allen Staaten.

Zen: Solche Sprüche der KP-Führer regen mich furchtbar auf. Halten die uns Hongkonger eigentlich für geistig minderbemittelt? Nationale Sicherheit bedeutet doch in funktionierenden Demokratien wie in Deutschland, Frankreich oder den USA etwas ganz anderes als in der Volksrepublik. In China bedeutet »unser Land« in Wahrheit »unsere Regierung«, und das wiederum heißt: die KP. Mit dem neuen Gesetz soll ihre Herrschaft in alle Ewigkeit gesichert werden. Die Hongkonger sollen endgültig unterjocht werden. Wer dazu schweigt, wird schuldig.

SPIEGEL: Aber wäre es nicht in Pekings eigenem Interesse, den Status Hongkongs als freie Finanz- und Handelsmetropole zu erhalten?

Zen: Gegenfrage: Müsste dieses Argument denn dann nicht für ganz China gelten? Peking ist jetzt Mitglied der Welthandelsorganisation, macht Geschäfte, wo und mit wem es kann. Dennoch verfolgt es gleichzeitig Dissidenten.

SPIEGEL: Was macht Ihnen am neuen Sicherheitsgesetz die meisten Sorgen?

Zen: Das Gesetz richtet sich nicht nur gegen potenzielle Umstürzler. Es bedroht mit schweren Strafen jede »nicht autorisierte Veröffentlichung« von Artikeln, wenn sie die »nationale Sicherheit« gefährden. Allein der Besitz solcher Informationen kann zur Verurteilung führen - ich sehe darin eine wesentliche Gefährdung der Pressefreiheit. Nach der Gesetzesvorlage kann Hongkongs Verwaltung außerdem jede Organisation verbieten, die in der Volksrepublik wegen angeblicher Bedrohung der nationalen Sicherheit verboten ist.

SPIEGEL: Das richtet sich vor allem gegen Falun Gong, eine populäre Sekte, die in China verboten ist, aber in Hongkong offen auftritt und um Mitglieder wirbt.

Zen: Es geht nicht nur gegen Falun Gong, sondern möglicherweise auch gegen die Katholiken. Denn in der Volksrepublik ist die katholische Kirche geteilt in eine offizielle, von der Regierung akzeptierte Gemeinschaft ...

SPIEGEL: ... die vom Vatikan nicht anerkannt wird ...

Zen: ... und in die Untergrundkirche, die den Papst als oberste Instanz ansieht. Deshalb können wir hier in Hongkong schon morgen zur Gefahr für die Staatssicherheit deklariert werden.

SPIEGEL: Nur weil Sie Kontakte zu der verbotenen Untergrundkirche pflegen?

Zen: Genau. Fast alle der etwa 50 Romtreuen Bischöfe sind schon heute Repressionen ausgesetzt. Die Behörden verfolgen neuerdings nicht nur die Untergrundkirche, sondern sogar Teile der offiziellen Kirche, weil viele eigentlich regimetreue Bischöfe ihre Loyalität gewechselt haben und sich vom Papst anerkennen ließen.

SPIEGEL: Handeln Sie bei Ihrem Protest gegen schärfere Gesetze in Hongkong auch im Auftrag des Papstes?

Zen: Für meine Aktivitäten in Sachen Bürgerrechte bedarf es keiner Instruktionen aus Rom. Das ist Teil unserer katholischen Soziallehre. Ich bin sicher, dass der Heilige Vater unsere Meinungen hierzu teilt. Er hat seine Erfahrungen mit kommunistischen Regimen. Nicht von ihm direkt, aber von anderen Offiziellen im Vatikan erhalten wir konkret Rückendeckung.

SPIEGEL: Sie, Herr Bischof, dürfen nun schon seit einiger Zeit nicht mehr aufs Festland reisen. Das Verhältnis zwischen dem Vatikan und China ist zerrüttet ...

Zen: ... weil Peking nicht zu Kompromissen bereit ist, sondern auf unserer Kapitulation besteht. China beharrt darauf, unsere Bischöfe zu ernennen, was wir nicht akzeptieren können.

SPIEGEL: Manche werfen Ihnen vor, Sie seien inzwischen mehr politischer Aktivist als Seelsorger.

Zen: Eine solche Kritik gibt es, aber ich kann sie nicht akzeptieren.

SPIEGEL: Der offizielle Pekinger Bischof Fu beispielsweise hat Ihnen vorgeworfen, Politik mit Religion zu vermischen.

Zen: Der muss wohl so etwas sagen.

SPIEGEL: Gehen Sie als Bischof nicht zu weit, wenn Sie die Hongkonger Regierung der Speichelleckerei beschuldigen?

Zen: Ich habe nie den Rücktritt des Regierungschefs gefordert. Ich habe die Menschen ermutigt, für mehr Demokratie auf die Straße zu gehen und gegen ein schlechtes Gesetz. Wir Katholiken verdammen die Sünde, nicht den Sünder. Und außerdem: Wenn Herr Tung abtritt, wissen wir nicht, wer ihm nachfolgen wird. Es könnte ja noch schlechter kommen.

SPIEGEL: Sie fordern allgemeine Wahlen, die einer wie Tung nie überstehen würde.

Zen: Das von Briten wie Chinesen vereinbarte Grundgesetz nennt freie Wahlen für Hongkong als Ziel. Im Jahr 2007 könnte der Regierungschef und im Jahr 2008 das ganze Parlament frei gewählt werden - so war es zumindest einmal vorgesehen. Aber das will Peking gemeinsam mit der hiesigen Regierung verhindern oder zumindest auf die lange Bank schieben.

SPIEGEL: Werden sich die Verantwortlichen von einer Massendemonstration wie der am vorigen Dienstag beeindrucken lassen?

Zen: Kommunisten wollen immer alles kontrollieren. Nun müsste ihnen eigentlich klar geworden sein, dass dies in Hongkong nicht mehr möglich ist. Vielleicht suchen sie ja den Kompromiss. Ich setze darauf, dass die jetzt in Peking nachrückende jüngere Führungsriege reformwilliger ist als die alte.

SPIEGEL: Was macht Sie optimistisch?

Zen: Niemand kann das Land schlechter regieren als der vor wenigen Monaten offiziell abgetretene Staats- und Parteichef Jiang Zemin. Er hat die goldene Chance verpasst, in einer Phase der Stabilität und des wirtschaftlichen Aufschwungs politische Reformen einzuleiten. Die Korruption ist dramatischer denn je. Noch haben wir es mit einer Diktatur in China zu tun.

SPIEGEL: Mit einer Diktatur, die wirtschaftlich aber ziemlich erfolgreich ist. Und die sich mit Hongkong - zumindest bis jetzt - eine Stadt leistet, in der es demokratische Freiheiten gibt. Wie etwa eine weitgehend unabhängige Justiz.

Zen: Falsch. Die Autonomie der Hongkonger Rechtsprechung ist auch schon zerstört worden. Beim Recht auf freie Niederlassung in der Stadt, für Chinesen mit engen Familienangehörigen in Hongkong entscheidend, wurden unsere Richter von der Pekinger Regierung gedemütigt. Auch bei solchen Fragen gilt leider: Die KP will sagen, wo es langgeht.

SPIEGEL: Und die katholische Kirche hält mit Ihnen dagegen; dabei sind nicht einmal 250 000 der rund 7 Millionen Hongkonger Katholiken. Sie werden von der Presse das »Gewissen von Hongkong« genannt ...

Zen: ... was absoluter Blödsinn ist, denn wie wäre es um eine Stadt bestellt, deren Gewissen ein Einzelner ist ...

SPIEGEL: ... oder sogar zum »Mann des Jahres« gekürt.

Zen: Auch daraus mache ich mir nichts. Sie kennen die Journalisten ja - einmal heißt es: Hosianna, dann wieder: Kreuzigt ihn. Jeder muss nach seinem Gewissen handeln, nur darum geht es.

SPIEGEL: Die Medien auf dem Festland haben die Demonstration der 500 000 Hongkonger totgeschwiegen. Und Pekings ehemaliger Vizepremier und Außenminister Qian Qichen hat gesagt, jeder, der gegen das neue Sicherheitsgesetz sei, trage »den Teufel in der Brust«.

Zen: So Unrecht hat er damit ja gar nicht. Wir alle haben einen Teufel in uns, aber auch einen Engel.

SPIEGEL: Herr Bischof, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Am 1. Juli auf dem Weg zum Amtssitz von Gouverneur TungChee-hwa.Das Gespräch führten die Redakteure Erich Follath und AndreasLorenz.* Am 1. Juli bei einer Rede anlässlich des sechsten Jahrestagsder Rückkehr Hongkongs zu China.* Am 1. Juli 1997.

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