WERBEFILME
»Publikum geht amüsiert mit« - notiert also das Fachblatt. Ist das ein großes Kunststück bei den »im abgedunkelten Raum versammelten Menschen«, die (laut Ihrem Titelhelden Fischerkoesen) »herausgelöst aus gewohnter Umgebung sind, also in günstigen Umständen, mit denen kein anderes Werbemittel rechnen kann«? Die Menschen müssen nämlich etwas über sich ergehen lassen, wofür sie sich durchaus nicht - mehr oder weniger pünktlich - im Kino versammelt haben! Denn:
- 20 bis 30 Diapositive zu je 10 bis 12 Sekunden,
- 2 bis 4 Werbefilme, oft genug schon bekannt von früherem Kinobesuch, und
- die anreißerischen Ausschnitte der nächsten 2 bis 3 Programme des Hauses
beanspruchen in der Regel 20 bis 25 Minuten! Ganz zu schweigen von dem oft endlosen Vorspann des Hauptfilms, für den sich relativ wenige Leute interessieren.
Das sind 20 bis 25 Prozent der ganzen Programmdauer - ausschließlich zu Lasten der Zeit des zahlenden Besuchers!
z. Z. Hiddesen OTTO KANOLD
Während der Uninteressierte den Werbeteil der Zeitungen gleich in den Papierkorb fallen lassen und die Radioreklame durch einen sanften Druck aufs Knöpfchen von sich fernhalten kann, ist der pünktliche Filmfreund dem massiven Ansturm von der Leinwand passiv ausgeliefert ...
Ausgesprochen widerlich ist es schließlich, wenn man die gleichen Werbefilme wochenlang in demselben Kino sieht und ihnen danach auf längere Zeit im nächsten Kino - zwei Straßen weiter - begegnet. Die Resonanz der Werbefilme kann man natürlich nicht an Besucherzahlen messen, sondern höchstens an der spontanen Reaktion im Zuschauerraum. Dabei ergibt sich dann allerdings, daß der gezeichnete Werbefilm das kleinere Übel ist. Wer das freudige Ah und Oh kennt, mit dem Disneys Ente Donald Duck zum Teil begrüßt wird, wenn sie sich einmal ins legitime abendliche Beiprogramm verirrt, der weiß auch, daß - in abgeschwächter Form - ein ähnliches Wohlwollen auf den gezeichneten Reklamefilm übertragen wird. Aber doch wohl nur, weil in Deutschland niemand mehr den reinen Zeichentrickfilm ohne den Reklame-Pferdefuß pflegt. Die industrielle Trickfilmfabrikation zehrt von dem allgemeinen Interesse an einer vergnüglichen, originellen Kunst.
Münster MANFRED JÄGER
stud. phil.