Werner Meyer,
56, Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Basel, ist bei vielen seiner Schweizer Landsleute nicht gut gelitten. Der Wissenschaftler erhält laufend Telefonanrufe und Briefe verärgerter Zeitgenossen, darunter war sogar eine Morddrohung. In einer Ausstellung über die Geschichte der Schweiz hat der Professor heiligste Güter der Nation zerstört. Laut Meyer gab es weder eine Erhebung von Bauern gegen unterdrückerische Habsburger im 13. Jahrhundert noch einen Rütlischwur, mit dem sich die Eidgenossen zu einem freien und demokratischen, egalitären und unabhängigen Staat zusammenschlossen. »Das ist keine Frage der Interpretation«, so Meyer über die Standardversion der Schweizer Anfänge, »sondern nachweislich falsch.« So falsch wie die Sache mit Wilhelm Tell. Der Nationalheld entpuppt sich in der Ausstellung im Historischen Museum zu Lausanne als Figur der Folklore. »Sie erfanden all die großen Ereignisse«, so Meyer nüchtern über die Schweizer Altvorderen, »und stellten dann die erfundene Figur Tell in diese erfundene Landschaft.«