WERNER STEIN
ist seit 1964 Senator für Wissenschaft und Kunst in West-Berlin und damit politisch verantwortlich für die unruhigste deutsche Hochschule, die Freie Universität. Den Forderungen der von dort ausstrahlenden antiautoritären Protestbewegung kam er mit einem -- 1969 in Kraft getretenen -- Universitätsgesetz entgegen, dos zum erstenmal die Demokratisierung von Hochschulgremien ermöglichte. Stein geriet damit ins kulturpolitische Kreuzfeuer rechter wie linker Kritiker: Die CDU forderte mehrfach seinen Rücktritt, aber auch dem immer mehr anwachsenden rechten Flügel seiner Berliner Partei, der SPD, erscheint er noch zu nachgiebig gegenüber allem, was links ist. Der vielseitige Mann -- er ist Professor für Biophysik an der FU und schrieb im vergangenen Sommer das Vorwort zum 300. Tausend des von ihm verfaßten synoptischen Geschichtslexikons »Kulturfahrplan« -- kämpft auch an der FU einen Zweifrontenkrieg um Zeitgewinn für seine Reformen: gegen die konservative und meist anonym agierende Professorenriege der »Notgemeinschaft für eine freie Universität« und gegen die marxistisch-leninistischen »Roten Zellen« (SPIEGEL 41/1970). Letzte Woche mußte er eine Niederlage einstecken; das von FU-Präsident Rolf Kreibich angerufene Berliner Verwaltungsgericht hob vorerst seine Anordnung auf, drei Übungen im Fachbereich 16 (Germanistik) zu streichen. Die drei inkriminierten Lehrveranstaltungen über antikapitalistische Literatur und Dokumente des Klassenkampfs nach 1945, abgehalten von drei jungen Wissenschaftlern und besucht von etwa 300 Studenten, waren in das Programm des »Sozialistischen Studiums« der Roten Zelle Germanistik (Rotzeg) aufgenommen und vom Fachbereichsrat am 4. November als »verfassungsfeindliche Handlung« qualifiziert worden. Aber schon drei Wochen später hatte derselbe Fachbereichsrat sich anders besonnen und von administrativen Maßnahmen abgeraten. Gleichwohl diente sein erster Beschluß dem Senator als Verbots-Begründung; selbst der »Tagesspiegel« kritisierte mild, allein aus den Themen könne man wohl keinen Verfassungsbruch ableiten und eine inhaltliche Oberprüfung habe gar nicht stattgefunden. Rotzeg-Stellungnahme: »Im März 1971 stehen die Abgeordnetenhauswahlen bevor. Die SPD fürchtet um Wählerstimmen. Mit dem Verbot des Sozialistischen Studiums soll die antikommunistische Gesinnung zur Schau gestellt werden.«