»Widerstand ist ein nationales Recht«
SPIEGEL: Mit Feuergefechten an der libanesisch-israelischen Grenze droht der Dauerkonflikt in Nahost jetzt auch Ihr Land wieder zu erfassen. Wie erklären Sie diese Eskalation?
Lahoud: Israels Premier Ariel Scharon trägt allein die Verantwortung. Er hält sich nicht an unterschriebene Abkommen und hat mit seiner Offensive die ganze Region an den Rand einer Explosion gebracht. Die arabischen Nachbarn wollen hingegen einen dauerhaften, gerechten Frieden. Es geht um die Zukunft unserer Söhne und der Söhne unserer Feinde.
SPIEGEL: Warum dürfen dann Hisbollah-Einheiten mit Ihrem Einverständnis von libanesischem Territorium aus mit Mörsern und Raketen ungehindert Israel beschießen?
Lahoud: Was ist dabei, wenn ich unsere Widerstandsbewegung unterstütze? Mit dieser Haltung stehe ich nicht allein da, unsere ganze Bevölkerung steht hinter den Kämpfern. Widerstand ist ein nationales Recht, ja die Pflicht jedes Bürgers. Und wie die Erfahrung zeigt, waren wir mit diesem Verhalten erfolgreich - am Ende konnten wir die israelischen Feinde aus dem Libanon vertreiben.
SPIEGEL: Fast täglich ergreifen libanesische Soldaten entlang der Grenze »bewaffnete Elemente«, die auf israelischem Gebiet Terroranschläge verüben wollen.
Lahoud: Das sind versprengte Gruppierungen, die auf eigene Faust operieren - palästinensische Kämpfer verschiedener Organisationen. Sie reagieren damit spontan auf die Gräueltaten in ihrer Heimat, auf die Angriffe israelischer Panzer gegen palästinensische Flüchtlingslager und Zivilisten. Die libanesische Armee hat die Situation aber im Griff und verhaftete diese Leute.
SPIEGEL: Warum erlauben Sie dann die gelegentlichen Feuerüberfälle auf die von Israel besetzten Schibaa-Farmen unweit der Golan-Höhen?
Lahoud: Hier handelt es sich um libanesisches Gebiet unter israelischer Besatzung, das die Soldaten des Feindes nach einem Beschluss des Uno-Sicherheitsrats räumen müssen: Wir bestehen daher auf unserem Recht, dieses Land zurückzubekommen, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln.
SPIEGEL: Sie sind Berufsoffizier, waren Armeegeneral. Glauben Sie wirklich, Sie können die Israelis mit diesen Schießereien zum Rückzug ihrer Armee zwingen?
Lahoud: Sie erkennen das Recht auf Befreiung nicht an? Solchen Unsinn haben wir früher schon öfter gehört, genauso wie die Forderung, die Widerstandsbewegung gehöre zerschlagen. Das ist dummes Zeug. Ich war als Oberbefehlshaber der libanesischen Armee gegen dieses Ansinnen und lehne es heute genauso ab. In diesem Punkt herrscht, Gott sei Dank, nationaler Konsens. Immerhin hat es die Widerstandsbewegung verstanden, dem Feind empfindliche militärische Schläge zu versetzen. Am Ende sahen auch Israels Strategen ein, dass der Südlibanon nicht mit militärischer Gewalt zu halten war.
SPIEGEL: Premier Scharon, auch er ein General a. D., hat Sie aufgefordert, dem »Spiel mit dem Feuer« entlang der Grenze ein Ende zu machen. Er droht, die »terroristische Infrastruktur« und sogar syrische Stellungen im Libanon zu zerstören.
Lahoud: Scharon sollte zur Kenntnis nehmen, dass seine Drohungen uns Libanesen nicht mehr einschüchtern. Gewiss, in der Vergangenheit haben sie uns angegriffen. Aber was die Israelis im Südlibanon zerstörten, haben wir längst wieder aufgebaut.
SPIEGEL: Ohne den Druck seines engsten Bundesgenossen, der USA, wird Israel nicht einlenken.
Lahoud: Das wissen wir auch. Überrascht hat uns jedoch, dass Präsident George W. Bush zu den israelischen Massakern schweigt. Vor allem schmerzt uns, was in Betlehems Gotteshäusern passiert ist: Die Geburtskirche ist ein Ort, der nicht nur arabischen Christen heilig ist, sondern weltweit religiöse Bedeutung hat. Aber Bush steht unter dem Druck der jüdischen Lobby - Washington betreibt eine einseitige Politik zu Gunsten Israels und berücksichtigt weder die Rechte der Palästinenser noch die Interessen der arabischen Staaten.
SPIEGEL: Setzen Sie Ihre Hoffnungen auf die Überzeugungsarbeit der Europäischen Union? Gerade Deutschland steht für eine eher Israel-freundliche Politik.
Lahoud: Wir betrachten Europa als Stimme des Rechts. Und ich frage mich: Ist es nicht an der Zeit, dass Deutschland seine Empfindlichkeiten wegen des Zweiten Weltkriegs ad acta legt? Als starke Macht innerhalb der EU kommt Deutschland große Verantwortung zu, aber wegen der Last der Vergangenheit zögern die Deutschen, in der Palästina-Frage Stellung zu beziehen. Ich glaube, Berlin muss seine Nahostpolitik überprüfen. Es geht nicht, dass Deutschland den Henker besser behandelt als das Opfer.
INTERVIEW: ADEL S. ELIAS