Widrige Winde - DER SPIEGEL
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ITALIEN / SPIONAGE Widrige Winde

• aus DER SPIEGEL 6/1962
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Der Patient lag in tiefer Narkose. Chirurgen und Operationsschwestern umringten den 22jährigen Bulgaren, dessen Gesicht entstellt, dessen linker Arm mehrfach gebrochen war.

In der Nähe des Operationstisches notierten zwei Beamte des italienischen Geheimdienstes, was der Narkotisierte während der Operation ausplauderte. Die sprachkundigen Schnellschreiber hatten ausdrücklich darum gebeten, den Bulgaren mit einem Anästhetikum zu betäuben, das die Mitteilungsfreudigkeit fördert.

Unterleutnant Milosch Solakoff von der zweiten Staffel der 11. Jägerabteilung in Bergovica, der am 20. Januar mit einer bulgarischen Düsenmaschine des russischen Typs Mig 17 an der italienischen Adriaküste notgelandet war, hatte nicht, wie er bei seiner Rettung behauptete, die »Freiheit gewählt«, sondern war als zweckentsprechend ausgerüsteter Spion gekommen:

- Zwischen seinen Papieren wurde eine Karte gefunden, auf der nahezu sämtliche Nato-Stützpunkte in Italien verzeichnet waren;

- die Mig 17 (Aktionsradius: 1100 Kilometer) des Bulgaren war mit hochempfindlichen Photoapparaten für Aufnahmen aus großer Höhe ausgestattet und enthielt außerdem eine Spezialanlage, mit der Solakoff vor seiner Notlandung sämtliche Filme unbrauchbar gemacht hatte;

- der Schleudersitz der Maschine war blockiert, so daß sich der Pilot bei einem Absturz aus großer Höhe nicht hätte retten können; er wäre der Gegenseite tot in die Hände gefallen;

- unter seiner Fliegerkombination trug Solakoff einen grauen Konfektionsanzug nebst weißem Oberhemd und Krawatte, so daß er sich im Falle einer sanften Notlandung in einen Zivilisten verwandeln konnte;

- für diesen Fall trug der Pilot außerdem drei Pässe bei sich, die auf drei verschiedene Namen lauteten: Milosch Solakoff, Milosch Podgoros, Solakoff Kiroff.

Knapp zwei Jahre nach dem Absturz des amerikanischen U2-Piloten Francis Gary Powers über der Sowjet-Union, den Chruschtschow im Mai 1960 dazu benutzt hatte, die Pariser Gipfelkonferenz zu sprengen, war nun der erste rote Spion vom Himmel gefallen.

Im Tiefflug raste Solakoff am Nachmittag des 20. Januar zweimal über den Nato-Stützpunkt Gioia del Colle nahe der Hafenstadt Bari, wo amerikanische Jupiter-Raketen bereitstehen, die ihre Atomsprengköpfe bis nach Moskau tragen können. Dann landete er in einem Olivenhain. Bäume und Tragflächen zersplitterten; zwei Bauern zogen den Bulgaren aus dem Wrack seiner Maschine.

Die römische Regierung beauftragte einige Luftwaffenoffiziere und Spezialisten ihres Nachrichtendienstes mit der Untersuchung der Solakoff-Landung. Gleichzeitig wurden mehrere Nato-Experten nach Gioia del Colle beordert, um die dortigen Radaranlagen zu überprüfen: Solakoff war völlig unbemerkt durch den westlichen Radarvorhang an der italienischen Adriaküste geschlüpft.

Die Bulgarische Gesandtschaft bestritt den Spionage-Vorwurf, erklärte, »widrige Winde' hätten die Mig 17 bei einer Flugübung über die Adria abgetrieben, und forderte die Überlassung der Wrackteile sowie ein Gespräch mit dem Bruchpiloten.

Die Erklärungen der, Bulgaren waren freilich kaum phantasievoller als die Notlüge der Amerikaner, die vor zwei Jahren zunächst behauptet hatten, der U 2-Flug über Rußland habe meteorologischen Untersuchungen gedient.

Doch während der Sowjetpremier die amerikanischen Ausflüchte - seinerzeit ironisch vom Tisch gefegt hatte (Chruschtschow: »Vielleicht sollte Powers gar zum Mars fliegen und mit seinen zwei goldenen Uhren und sieben goldenen Ringen die Mars-Damen verführen"), bezeichneten die Italiener das bulgarische Mißgeschick lakonisch als »unfreundliche Aktion«.

Die italienischen Behörden ließen den bulgarischen Militärattache Oberst Kantscheff und den Dritten Gesandtschaftssekretär Teneff zwar nach Bari reisen, doch bekamen die beiden weder die Wrackteile noch ihren Landsmann Solakoff zu Gesicht.

Drei Tage lang antichambrierten sie vergebens bei italienischen Militärs. Dann wurde ihnen erklärt, sie müßten nach Rom zurückkehren: Bulgarische Diplomaten in Italien dürfen sich, ebenso wie ihre italienischen Kollegen in Bulgarien, nur für begrenzte Zeit von ihrem Amtssitz entfernen.

Während Teneff zürnte: »Sie haben uns rausgeschmissen, als wären wir Hunde«, höhnte Oberst Kantscheff: »Militärische Anlagen zu photographieren, ist längst überflüssig.«

»Werft einen Blick in eure Zeitungen«, riet er italienischen Journalisten. »Dort stehen die Nummern und Bezeichnungen der militärischen Verbände. Dort findet man auf geographischen Kärtchen auch die genaue Lage der Raketen -Abschußrampen.« Und: »Eure Pressefreiheit verhindert, daß ein militärisches Geheimnis lange gewahrt wird.«

Im März wird Solakoff vor ein ordentliches Gericht gestellt werden. Höchststrafe für Spionage: 15 Jahre Gefängnis. Für zehn Jahre haben die Sowjets den U 2-Piloten Powers hinter Gefängnismauern geschickt.

Roter Luftspion Solakoff Im Konfektionsanzug ...

... durch den Radarvorhang: Solokoffs notgelandete Mig 17

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