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ARCHITEKTUR Wie Blumen

Trotz steigender Energiepreise kommen Glas- und Kristallpaläste wieder in Mode.
• aus DER SPIEGEL 34/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Zeit der Glashäuser ist vorbei«, kommentierte der amerikanische Architekt Philip Johnson 1978 die Energiekrise. Dann baute er sein bislang größtes Glashaus, die »Crystal Cathedral«, im kalifornischen Garden Grove.

So scheinbar paradox und bockig wie der große alte Kauz denken und handeln zur Zeit viele Bauherren und Baumeister Amerikas. Während Verstand und Gefühl seit den Ölschocks der siebziger Jahre dem Baustoff Glas kaum noch Chancen geben dürften, steigt die Zahl der gigantischen Glas-Vitrinen in den Großstädten in bislang ungekanntem Ausmaß an.

So widersinnig, wie sie scheint, ist die Entwicklung dennoch nicht. Denn den Wissenschaftlern in den Labors der Glasindustrie ist es noch eben rechtzeitig gelungen, Produkte zu entwickeln, die für das Energiespar-Zeitalter besonders gut geeignet sind.

So entstehen vor allem in den aufblühenden Metropolen im Süden der USA spiegelglas-verkleidete Wolkenkratzer, die rundum ihre Nachbarschaft reflektieren - für deutsche TV-Zuschauer beispielsweise jeden Dienstagabend im Titelvorspann der Serie »Dallas« zu sehen. Doch auch »Greenhouses«, die Wintergärten und Gewächshäuser des 19. Jahrhunderts, erleben derzeit eine zweite Blüte.

Dabei werden die neuen Glaspaläste erstmals ins Innerste der Citys, an verkehrsreiche Straßen plaziert. Beim derzeitigen Umbau Manhattans - dem größten New Yorker Bauspektakel seit einem halben Jahrhundert - entstehen Gewächshäuser zwischen Büro- und Hotelriesen.

Ein IBM-Neubau an der Madison Avenue bekommt gleich einen verglasten Park eingepaßt; ein Kastenbau der 60er Jahre an der Park Avenue wird sogar nachträglich mit einem Super-Wintergarten ausgestattet: »Chemcourt« soll das öffentliche Grün im Unterleib eines 50stöckigen Büroturms heißen und die Adresse 277 Park Avenue für den neuen Hausherrn, die Chemical Bank, aufwerten.

Die Plaza vor und die Lobby in dem Gebäude werden über drei Geschosse in Glas gefaßt und mit Bäumen und Bänken, Teichen und Springbrunnen ausgerüstet. »Wir küssen den Frosch und versuchen, ihn in einen Prinzen zu verwandeln«, erläutert einer der Architekten den Umbau.

Gewaltige Neubauten hat der Architekt Cesar Pelli für die Südspitze Manhattans, in Nachbarschaft der zwei Wolkenkratzertürme des World Trade Center, geplant. Dort entsteht, mit der »Battery Park City«, ein Gebäudekomplex in den Dimensionen des Rockefeller Center und als einer seiner Anziehungspunkte ein Wintergarten, dessen Räumlichkeit so groß sein soll wie die Bahnhofshalle der Grand Central Station.

Pelli, als 25jähriger mit einem Stipendium aus Argentinien zugewandert und mittlerweile Dekan an der Yale-Universität, ist derzeit wohl Chef-Glaser der US-Architektur. Er schuf das blauschimmernde »Pacific Design Center« in Los Angeles und die »Rainbow Mall« samt »Winter Garden« für die Stadt Niagara Falls im Staat New York. Die beiden Glashäuser zählen zu den Attraktionen der modernen Architektur.

Für Pelli ist Glas ein zeitgemäßes Baumaterial. Stein ist ihm »zu tot« und »zu ewig« und auch zu teuer. Glas, so meint er, habe »ephemere Qualitäten« und sei allein schon aus diesem Grund unserer Zeit angemessen. Seine Zerbrechlichkeit gebe ihm den Reiz einer Blume, eines Sonnenuntergangs, eines Schmetterlings.

Darüber hinaus »bekommt man bei Glas eine Menge für sein Geld«. Pellis Beleg: ein Preisvergleich seines Pacific Design Center mit dem Centre Pompidou in Paris. Beide Bauwerke entstanden, fast gleichzeitig, mit dem gleichen Bauvolumen. Preis des Pelli-Centers: 18 Millionen Dollar. Kosten für das Pompidou: 80 Millionen Dollar.

Mit Glas, begründet Pelli seine Vorliebe für die großen Vitrinen, »kann man für sehr wenig Geld herrliche Sachen machen«. Er machte es, zum Beispiel, in Niagara Falls.

Pellis gläserne Kaskade über der zentralen Promenade der Ortschaft ist in der Fachwelt über Nacht so berühmt geworden wie der monströse Wasserfall nahebei - so ausdrucksstark und unverwechselbar ist ihre Silhouette.

Die Stadtverwaltung hatte mit ihrem Auftrag vielerlei Wünsche verbunden. Sie wollte ein Quartier sanieren, eine komfortable Verbindung zwischen S.108 einem Kongreßzentrum, einem Hilton-Hotel und einem Aussichtspark an den Niagara-Fällen herstellen; es sollte etwas Ganzjähriges werden, eine Attraktion für Touristen und ein Anlaß für den Bürgerstolz.

Pelli entwarf, was Kritiker schon einen »eisernen Schmetterling« nannten - eine strenge Stahlstruktur als Gestell für die gläserne Verkleidung einer subtropischen Landschaft.

450 Meter lang und 30 Meter breit ist die Einkaufs-Mall zu zwei Seiten eines ausladenden Wintergartens, unter dessen 30 Meter hohem First Palmen und anderes Immergrün ein Labyrinth aus Treppen und Brücken überwuchern.

Mit Pellis Entwurf bekam die Stadt, was sie nicht nur beiläufig suchte: ein Wahrzeichen. Glas als Baustoff, das zeigt sich immer deutlicher, dient ehrgeizigen Bauherren bevorzugt auch zur Befriedigung gesellschaftlicher Ambitionen.

Damit knüpfen sie an eine Tradition des 19. Jahrhunderts an, in dem Adel und Geldaristokratie sich mit Wintergärten, Palmenhäusern und eleganten Salons unter Glas die Statussymbole der Privilegierten zugelegt hatten, noch bevor auch das Volk, gegen Eintrittsgeld, öffentliche Glaspaläste aufsuchen konnte.

Einer der bekanntesten unter den Mäzenen der neuen Glashaus-Mode ist der amerikanische Unternehmer William A. Hewitt, der es sich schon seit einem Vierteljahrhundert zum Ziel gesetzt hat, Spitzenwerke der Architektur zum eigentlichen Markenzeichen seiner Firma zu machen. Das »American Institute of Architects« hat ihn darob schon in eine Reihe mit den Medicis und den Bourbonen gestellt.

Seit Hewitt vor 26 Jahren die Leitung der Firma Deere & Company, des größten Konzerns für landwirtschaftliche Maschinen, übernahm (Jahresumsatz: fünfeinhalb Milliarden Dollar), hat er mehr als 60 Neubauten mit fast zwei Millionen Quadratmeter Nutzfläche errichten lassen, und viele Architekturkenner verbinden mit dem Namen Deere eher die Bilder ambitionierter Bauten als die Vorstellung von Mähdreschern und Traktoren.

Unbestrittenes Prachtstück dieser Sammlung war bis vor kurzem das Hauptquartier der Firma in Moline im Staate Illinois, bei dem der finnischamerikanische Architekt Eero Saarinen zum erstenmal den korrosionsbeständigen Cor-Ten-Stahl als Fassadenmaterial verwandt hatte (Cor-Ten entwickelt als Dauerschutz einen dunkelbraunen Rostfilm).

Dann aber schufen die Saarinen-Schüler Kevin Roche und John Dinkeloo - nachdem sie einige unfertige Arbeiten ihres verstorbenen Meisters, wie den Dulles Airport bei Washington, das TWA-Gebäude auf dem New Yorker Kennedy-Flughafen und den 180 Meter hohen Stahlbogen von St. Louis, vollendet hatten - zumindest Ebenbürtiges: den Erweiterungsbau in Moline.

Ein dreigeschossiger Glas-Trakt mit 18 500 Quadratmeter Nutzfläche und 900 Arbeitsplätzen umschließt, als Großraumbüro, ein Atrium, das die Ausmaße von vier Tennisplätzen hat. Unter seinem 19 Meter hohen Tageslichtgewölbe liegt eine kunstvoll arrangierte Landschaft aus Felsen und Feigenbäumen; eine Brücke durchzieht den Tropenwald; Tische und Stühle der Kantine sind auch vor die Cafeteria, S.109 in die Landschaft, gestellt - ähnlich wie bei einem Straßencafe.

Kevin Roche, der mit Innengrün schon während der 60er Jahre bei seinem Bau für die Ford Foundation in Manhattan experimentiert hat, findet: der Mensch sei »nicht geboren fürs Büro«, Büroarbeit sei die »unnatürlichste aller Beschäftigungen«. So müsse er dem menschlichen Bedürfnis nach Kontakten mit der Natur entgegenkommen.

Doch nicht nur in Amerika sind Glashäuser wieder in Mode. Auch in Japan enstand in jüngster Zeit eine Reihe gläserner Konstruktionen, die freilich nicht gerade durch architektonische Schönheit beeindrucken. Es sind meist gewaltige Treibhäuser am Rande der Städte, die als Klimahüllen für ganzjährig durchgehende Massenvergnügen dienen.

Die eher utopischen Vorschläge des amerikanischen Konstrukteurs Buckminster Fuller für städteüberspannende Kuppeln dienten als Muster für die gigantischen Fiberglas-Gewölbe, unter denen mit Computern jedes gewünschte Klima erzeugt werden kann.

Eine der größten und erfolgreichsten dieser Einrichtungen ist der »Tropische Garten« bei den heißen Quellen von Nagaschima. Die Anlage überdeckt eine Fläche so groß wie 20 Fußballfelder, jährlich werden 1,6 Millionen Besucher gezählt. In dem Treibhaus werden Bedingungen wie in der Wüste oder wie in tropischen Regenwäldern produziert; entsprechend vielseitig ist die Flora.

Wie ein gewaltiges Raumschiff liegt der Freizeit-Komplex »Sommerland« 30 Eisenbahn-Minuten vor Tokio: eine riesige, üppig begrünte Badeanstalt, in der alle Wunder der Südsee simuliert werden - bis zum automatischen Wellenbad mit Brandungsgischt.

Mittlerweile arbeitet der Architekt Yutaka Murata schon an der »aufblasbaren Stadt«, an einer weitgespannten Membrane, zu der ihn der Deutsche Frei Otto, Mitschöpfer der Zeltdächer für den Pavillon von Montreal und das Münchner Olympiastadion, mit seinen Entwürfen für Spanndächer in der Arktis inspiriert hat.

Im Auftrag der Sowjet-Regierung untersuchte Murata bereits die Möglichkeiten eines einen Kilometer langen, überdachten Erholungsparks für Sibirien. Unter dem Dach soll es dann aussehen wie im Herzen von New York: Murata will das sibirische Erholungs-Treibhaus nach dem Vorbild des Central Parks begrünen.

S.108Links: »Tropischer Garten« bei Nagaschima. Rechts: »Sommerland« beiTokio.*

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