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Rußland Wie Chicago

Moskau kämpft gegen die wuchernde Kriminalität und einen selbstherrlichen Bürgermeister.
• aus DER SPIEGEL 7/1993
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In der hauptstädtischen Metrostation »Poleschajewskaja« entdeckte Boris Jelzin ein Zeichen des Aufschwungs. Im Führerstand des neuen U-Bahn-Zugs »001« pries Rußlands Präsident die Qualität des Triebwagens, den ein früherer Rüstungsbetrieb entwickelt hat: »In allen Details Weltniveau.« Oberbürgermeister Jurij Luschkow, 56, stand geschmeichelt daneben.

Doch die Moskowiter grollen. Zwei Drittel der über neun Millionen Einwohner sehen laut Umfragen ihre Stadt vom Verfall bedroht: Die Straßen voller Schmutz und Müll, der Nahverkehr bricht fast zusammen, ganze Wohnviertel im Zentrum verkommen.

Viele Hauptstädter warten schon seit zehn Jahren auf die Zuweisung einer staatlichen Wohnung, während jetzt privater Wohnraum per Auktion (bis zu einem durchschnittlichen Jahresgehalt pro Quadratmeter) an Neureiche verkauft wird. Die Kunden müssen in Moskaus Geschäften ein Mehrfaches der im russischen Umland üblichen Preise bezahlen. Korruption blühe in der Stadtverwaltung, klagt Golos, das Sprachrohr des Journalistenverbandes. Auf den Straßen breiteten sich Prostitution und Kriminalität aus. Die Diagnose: »Moskau ist bereits klinisch tot.«

»Luschkow vor Gericht«, skandieren empörte Bürger vor dem Sitz der Stadtregierung. Der bullige Oberbürgermeister, Sohn eines Zimmermanns, ist in ihren Augen verantwortlich für die Misere - und obendrein ohne demokratische Legitimation zu seinem Posten gekommen, dank Förderer Jelzin. Der hatte - damals noch als allmächtiger Moskauer Parteisekretär - den Chemiker 1987 in die Stadtverwaltung geholt.

Binnen drei Jahren stieg Luschkow ("Ich bin kein Waschlappen, ich kann kämpfen") zum Vize-Bürgermeister auf. Als Stadtoberhaupt Gawriil Popow im Juni 1992 sein Amt niederlegte, setzte Jelzin den gewieften Luschkow per Präsidenten-Anweisung als Nachfolger ein - über die Köpfe der 440 noch zu Kommunisten-Zeiten gewählten Abgeordneten des Stadtrats (Mossowjet) hinweg.

Ganz Populist wie Jelzin, mit einer ledernen Schiebermütze auf dem Kopf, mischt sich Luschkow seither mal als kinderwagenschiebender Großvater, mal als Fußballer oder Eisbader unters Volk. Das Fernsehen zeigt den Bürgermeister, der zwei Jahrzehnte lang Mitglied der kommunistischen Staatspartei war, mit der Kerze in der Hand beim orthodoxen Gottesdienst oder mit Nachfahren der Zarenfamilie im trauten Gespräch.

Luschkow ersetzte die städtische Nomenklatura durch Männer seiner Wahl als Präfekten in den Stadtbezirken. Der Mossowjet wurde ebenfalls entmachtet: Für viele Beschlüsse muß der Stadtrat erst die Zustimmung des Oberbürgermeisters einholen. Das läuft auf eine Art Präsidialregime für die Hauptstadt hinaus.

Bereits im Juni vorigen Jahres sprachen Moskaus Volksvertreter ihrem allzu tatkräftigen Stadtoberhaupt das Mißtrauen aus. Luschkow blieb ungerührt im Amt und konterte: »Eine Ansammlung von Schwätzern und Demagogen.«

Luschkow habe in Moskau ein »fürchterliches administratives Chaos« angerichtet, die korrupte Beamtenschaft habe die Stadt zur »Geisel krimineller Gruppierungen gemacht«, begründete Parlamentsvize Bondarenko den Wunsch nach Neuwahlen, die das Stadtgericht jedoch erst mal stoppte.

Luschkows Stadtregierung - Eigentümerin von 40 000 Häusern, 10 000 Geschäften, Baubetrieben, Krankenhäusern, Transportunternehmen - verscherbele nach dem Unionszerfall alles zu Schleuderpreisen, klagen Abgeordnete.

Einem russisch-amerikanischen Jointventure habe die Stadtregierung zu Vorzugsbedingungen und unter Umgehung geltender Gesetze sieben Häuser vermacht; im Vorstand sitze auch Oberbürgermeister Luschkow, behauptete die Chauvinisten-Zeitung Djen. Einer mehrheitlich von französischen Firmen beherrschten Gesellschaft hätten die Beamten ein 60 Hektar großes Gelände in bester Stadtlage zugeschanzt, Laufzeit der Pacht: 99 Jahre.

Der Vorsitzende des Krasnopresnensker Stadtbezirksparlaments und Bewerber um den OB-Posten, Alexander Krasnow, beschuldigte seinen Konkurrenten, Deviseneinnahmen aus Hausverkäufen zu verheimlichen und Mieteinkünfte von Milliarden Rubel an der Stadtkasse vorbeizuschleusen. Zwei Millionen Dollar habe das städtische Baukomitee für Auslandsreisen und den Kauf von Importautos sowie privater Heimelektronik verpraßt.

Städtische Beamte würden zunehmend »von der Schattenwirtschaft gefüttert«, klagte auch Moskaus oberster Staatsanwalt Gennadij Ponomarjow. Wegen Bestechlichkeit wurde der Präfekt des Stadtbezirks Krylatskoje aus allen Ämtern entfernt.

Wirtschaftschaos, Korruption und Politschacher, glaubt Chefankläger Ponomarjow, begünstigten auch die gewöhnliche Kriminalität. Immer offener demonstriert Moskaus Unterwelt, wer in der Stadt das Sagen hat: Beamte werden bedroht und unter Druck gesetzt, Geschäftsleute als Geiseln genommen und erst gegen fünfstellige Dollar-Beträge wieder freigelassen, die Mercedes-Limousine eines hauptstädtischen Luxushotels wird angehalten und requiriert.

Immer öfter geht es zu wie in Chicago zu Zeiten des legendären Al Capone: Am 21. Januar stürmten maskierte Männer in schwarzen Ledermänteln das Büro der Handelsfirma Istok. Mit mehreren Salven streckten sie vier der anwesenden Mitarbeiter nieder. Die Polizei vermutet eine Auseinandersetzung rivalisierender Banden; Firmenchef Tarassow hatte sich mit einer beträchtlichen Geldsumme nach England abgesetzt.

Der Vorstandschef der Moskauer Techkombank wurde samt Leibwächter vor seinem Haus erschossen. Im Stadtteil Kunzewo suchten Unbekannte Mitte Januar die Zentrale einer in einem Schulgebäude untergebrachten Privatfirma heim: Die Kugeln aus automatischen AK-74-Gewehren trafen den Direktor und zwei seiner Mitarbeiter tödlich; ein 15jähriger Schüler - Zeuge des Überfalls - wurde schwer verletzt.

»Einen Verfall öffentlicher Macht zugunsten der Unterwelt« beklagte der ehemalige Staatssekretär und Präsidentenberater Gennadij Burbulis. In Moskau operieren 85 größere Gangsterbanden, die besser bewaffnet sind als die Polizei. Schwere Maschinengewehre verschwanden gegen Barzahlung aus Magazinen der Moskauer Garnison.

Längst ist Moskau krank vor Angst. Mehr als drei Viertel der Bürger, so eine Umfrage, fürchten sich vor einem Überfall, über 60 Prozent verlassen abends ihre Wohnung nicht mehr. Demonstrativ stellte sich Luschkow selbst an die Spitze einer Kommission zur Verbrechensbekämpfung. Ab fünf Uhr abends patrouillieren jetzt Soldaten als Polizeiverstärkung durch die Stadt.

Den 1991 ernannten Polizeichef General Komissarow drängte Luschkow bald aus dem Amt - der Beamte wollte Bestechungsskandalen nachgehen, in die womöglich auch der Bürgermeister verwickelt war. Komissarows Nachfolger, der Zivilist Arkadij Muraschow, ging im November im Streit mit dem OB. Muraschow hatte mehrere Beamte der städtischen Privatisierungsbehörde ins Gefängnis gebracht.

Die Gangster haben jeden Respekt vor der Polizei verloren. Im Durchschnitt wird in Moskau pro Monat mindestens ein Beamter umgebracht. Immer mehr Polizisten geben auf, in ganz Rußland fehlen inzwischen 300 000 Beamte. Ex-Polizisten verdingen sich oft direkt in der Moskauer Unterwelt.

In der Russischen Zeitung rief ein Arbeiter zur Selbstverteidigung mit Feuerwaffen auf, Taxi- und Krankenwagenfahrer schlossen sich dem Appell an. Die Eisenbahnverwaltung setzt in den Vorortzügen Spezialtruppen zum Schutz der Passagiere ein. Mehrere Betriebe gründeten eine Bürgerwehr aus Afghanistan-Veteranen.

Verbrechensbekämpfung ist das wichtigste Thema aller künftigen Anwärter auf das Oberbürgermeisteramt. Während der Augenarzt Swjatoslaw Fjodorow und der Chef der Partei für Wirtschaftsfreiheit, Konstantin Borowoi - beide sind schwerreiche Unternehmer -, durch entschlossene Privatisierung Moskau aus dem Korruptionssumpf ziehen wollen, setzen ihre Rivalen auf Faust und Feuerwaffe.

»Arbeitermilizen« will der pensionierte General Wiktor Filatow von der ultrarechten Russischen Partei gründen. Filatow, Herausgeber von Exzerpten aus Hitlers »Mein Kampf« in der Moskauer Zeitschrift für Kriegsgeschichte, verkündete vor der Belegschaft einer Gießerei: »Moskaus Werktätige brauchen kein Brot, sondern Kalaschnikows.«

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