Wie die alten Ägypter?
Nr. 11/2002, Nahost: Scharons Krieg verstört seine Anhänger
Israel hat schon lange seine moralische Unschuld verloren! David Ben-Gurion wird sich im Grab umdrehen.
MÜNCHEN WOLFGANG SPECKMANN
Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient. Diese Tatsache ist oft nicht leicht zu akzeptieren. Gott sei Dank geht das Volk seiner Regierung manchmal voran. Zum Beispiel in Israel, wo Hunderte Soldaten den Dienst in den besetzten Gebieten verweigern. Nicht aus Feigheit, sondern aus Gewissensgründen. Erfreulicherweise wollen auch viele Gläubige diesem Bruderkrieg nicht länger tatenlos zuschauen: »Wir Israelis haben den Krieg verloren, und je schneller wir dies erkennen, desto besser«, schrieb David J. Forman, Sprecher der Israelischen Rabbiner für Menschenrechte in der »Jerusalem Post« vom 28. Februar. Die Identität des jüdischen Volkes sei in der Sklaverei der biblischen Gefangenschaft in Ägypten entstanden, schreibt er. »Sind wir in das Land unserer Vorfahren zurückgekehrt, nur um zu werden wie die alten Ägypter?« Er fordert zum Rückzug aus den besetzten Gebieten auf: »Wir alle müssen jene Reserveoffiziere unterstützen und erklären: 'Nein zur Hölle, wir gehen nicht!', damit wir diese Besatzung beenden und zu uns selbst finden können.«
HITZENDORF (ÖSTERREICH) STEFAN BIRNSTINGL
Im Inhaltsverzeichnis steht »Scharons Krieg«, als hätte der jetzige Premierminister die Intifada begonnen oder als läge sie ihm am Herzen. Das unterstellt ihm eine Schuld, die er nicht trägt, denn der Krieg begann noch vor der Wahl Scharons mit dem bewaffneten Aufstand von Palästinensern. Falls Sie auf Scharons Besuch auf dem Tempelberg anspielen wollten, so seien Sie auf den Bericht der Mitchell-Kommission verwiesen, die festgestellt hat, dass dieser nicht ursächlich für ebenjene Terrorakte ist.
BERLIN DR. MED. M. PLOTKIN