Bulgarien Wie die GPU
Muskelfeste Geheimdienstler des Sofioter KP-Regimes spielten Stalin-Zeit. In Kopenhagen überfielen sie ihren Landsmann Boris Arsoff Ilieff, 59 -- einen aktiven, 1970 in den Westen geflüchteten Antikommunisten -, und schmuggelten ihn auf bisher unbekanntem Weg zurück nach Bulgarien.
»Kein zweiter Staat Osteuropas wagt heute noch solche CPU-Methoden«, empörte sich Ilieffs Mitkämpfer Stefan Tabakoff, Vorsitzender der »Bulgarischen Sozialdemokratischen Partei im Exil«.
Die rund 200 000 Bulgaren, die seit 1946 größtenteils illegal das Land verließen, sind fanatische Gegner der Kommunisten -- sonst aber untereinander zerstritten: An die 20 Exilgruppen und Grüppchen rangelten ein Vierteljahrhundert lang miteinander um den rechten vaterländischen Kurs: Das republikanische »Nationalkomitee« wollte von der königstreuen »Nationalfront« nichts wissen, die Anhänger der Bauernpartei und der Sozialdemokraten gaben einander nicht einmal die Hand.
Im Sommer 1974 jedoch stoppten die Flüchtlinge erstmals ihren Zank. Aufgeschreckt durch Gerüchte über einen baldigen Anschluß Bulgariens an die UdSSR, versammelten sie sich am 10. August in Frankfurt am Main und schickten eine Flut von Protesttelegrammen durch die Welt -- an Waldheim und Tito, an den Papst und sogar an Breschnew. »Unserem Volk steht die totale Auslöschung bevor«, hieß es in den gemeinsamen Resolutionen, »ein Schicksal, wie es vielen Völkern der Sowjet-Union widerfuhr.« Unterzeichnet waren die Depeschen von den 14 größten bulgarischen Emigrantenorganisationen.
Bulgariens KP- und Staats-Chef Schiwkoff ließ die Annexionsgerüchte sofort wütend dementieren ("Unsinn") und befahl, den frechen Auslands-Bulgaren mit allen Mitteln den Mund zu stopfen. Seine Geheimpolizei D. 5. (Darschawna Sigurnost) unterhält noch immer eine Spezialtruppe für Menschenraub.
Die politischen Kidnapper, die in Sofia im Eckhaus Georgi-Dimitroff-Straße und Boulevard Sliwnica residieren, hatten ihre spektakulärste Tat in der Nacht vom 14. auf den 15. November 1972 vollbracht, als sie den 40jährigen bulgarischen Flüchtling Seiko Srednoridski -- einen Thermotechniker mit zuviel Wissen über bulgarische Raketenbasen -- aus dem Wiener Vorstadtgasthaus der Frau Edith Kindl holten und via Fernlaster durch Österreich und Jugoslawien heimschleppten.
Während sich die bulgarischen Emigranten-Führer in ganz Europa noch schmeichelten, durch ihr Frankfurter Memorandum die Bildung einer 16. Sowjet-Republik verhindert zu haben, verschwand aus Kopenhagen der Sozialdemokrat Boris Arsoff Ilieff. »Ein komplettes Rätsel«, kabelten die Ilieff-Mitarbeiter. Des Rätsels Lösung stand als Prozeßbericht in allen Sofioter Zeitungen: »Das Stadtgericht Sofia hat den politischen Verbrecher Boris Arsoff Ilieff zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt.«
Die Artikel bejubelten »den langen Arm jener, deren Aufgabe es ist, über die Heimat zu wachen« (so die Zeitung »Kooperatiwno Selo"), die »rechtzeitige Einmischung der Sicherheitsorgane« ("Otetschestwen Front") und deren »glorreiche Sorgfalt« ("Literaturen Front").
Ilieff hatte seine Kopenhagener Exilzeitung »Lewski« (Links) regelmäßig auf allerlei Wegen nach Bulgarien geschleust, in Flugblättern zum Sturz des Sofioter Regimes aufgerufen und sogar eine »Warnung« an das Zentralkomitee der bulgarischen Kommunisten verfaßt. Darin drohte er für den Fall politischer Prozesse in Sofia Repressalien an -- »gegen alle Vertretungen des kommunistischen Bulgarien in der freien Welt, gegen reisende Sportler, Theatergruppen«.
Das Sofioter Gericht sah darin eine »Vorbereitung von Terror-Operationen« und lastete dem Entführten auch Delikte an, die im Ostblock bislang straffrei waren: Kritik am Papst (wegen dessen Ostpolitik), an Spaniens Franco (weil der dem bulgarischen Ex-König Simeon im Madrider Exil jegliche politische Betätigung untersagt hat) und an US-Entspanner Kissinger.
Vor allem aber wurde Ilieff wegen des Plans einer »Einheits-Plattform« aller Emigranten verurteilt. Denn Sofia sah in dem Sozialdemokraten -- gewiß übertrieben -- den großen Aussöhner und Koordinator der Auslands-Bulgaren.
Was Ilieff nicht gelungen war, erreichten seine Entführer: Am 10. Oktober fielen sich in Paris die bisherigen Feinde -- die Sozialdemokraten Stefan Tabakoffs und die Bauernparteiler des Dimitar Krsteff -- gerührt in die Arme. Diese zwei größten bulgarischen Emigranten-Organisationen bilden nun gemeinsam das »Nationale Bulgarische Komitee im Exil«. Tabakoff: »Das sind wir dem armen Ilieff schuldig.«