PHILIPPINEN Wie die Wasserbüffel
Regen prasselt auf Manila. Doch die zwei Millionen Menschen harren in den tropischen Wasserfluten aus: Sie wollen Oppositionsführer Benigno »Ninoy« Aquino, bei seiner Heimkehr aus dem US-Exil auf heimischem Boden ermordet, das letzte Geleit geben.
Ein Blitz schlägt mitten in der Masse ein, ein Mann sinkt tot zu Boden, elf weitere Menschen werden verletzt - aber die Filipinos suchen keinen Schutz unter den Vordächern. Bei jedem Donnerschlag applaudiert die Menge, einige Männer schütteln die Fäuste zum Himmel: »Marcos, Marcos, lach nur, solange du kannst, aber denk an das Schicksal des Schahs von Persien.«
»Hindi ka nagiisa, Ninoy« (Du bist nicht allein, Ninoy) stand in tagalog auf den Bannern der Demonstranten und »Marcos, du bist jetzt allein«. »Das ist eine Katharsis«, sagte eine Nonne, die elf Stunden lang mit den Trauernden die 30 Kilometer von der Santo-Domingo-Kirche bis zum Memorial Park marschiert war.
Hatten die Polizisten und Sicherheitskräfte sich noch bis zur Beisetzung zurückgehalten, so kam es in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag voriger Woche zu blutigen Zusammenstößen. Ein Student wurde durch Bauchschuß getötet, 44 Jugendliche wurden schwer verletzt.
Obwohl die Massendemonstration das sichtbarste Zeichen für den Verfall der 18jährigen Diktatur war, ließ sich niemand aus dem Marcos-Clan öffentlich blicken. In den Tagen vor der Beerdigung soll sich die Diktatorsgattin Imelda über die vielen Trauerumzüge in der Stadt mokiert haben - das seien alles nur Neugierige: »Wir zahlen denen 20 Centavos, und dafür gehen sie überall hin.«
Aquinos Erzfeind Marcos ist aus der Öffentlichkeit verschwunden. Er arbeite nicht an einem, sondern an drei Büchern gleichzeitig, heißt es im Präsidentenpalast. Doch die demonstrative Zurückgezogenheit des schriftstellernden Diktators war für die exaltierten Filipinos erst recht ein Hinweis dafür, daß Marcos womöglich schon auf dem Sterbebett läge. So trat der General zweimal vor die Fernsehkameras - einmal, um vor Unruhen und Aufständen zu warnen, und einmal, um sein Südseehemd über dem Bauch zu lüften wie einst der frühere US-Präsident Lyndon B. Johnson, um zu zeigen, daß er keine Narbe in der Nierengegend habe.
Der 65jährige autokratische Herrscher leidet nach Auskunft eines Urologen an »Lupus erythematodes«, einer gefährlichen Hautkrankheit, die zu Nierenversagen führt und für die es keine Heilungsmöglichkeiten gibt.
Falls der Diktator stirbt, soll sofort ein 15köpfiges Exekutivkomitee vorübergehend die Geschäfte führen und innerhalb von 90 Tagen Neuwahlen ausschreiben. Aber niemand in Manila bezweifelt, daß die ehrgeizige und unermeßlich reiche Imelda, die dem Komitee als Ministerin für Siedlungsfragen angehört, Präsidentin werden will. Doch an ihrer Person - und an ihrem Mann haftet schwerer Verdacht.
Obwohl Marcos erklärte, es sei »idiotisch« anzunehmen, er hätte seinen langjährigen Rivalen und Ex-Parteifreund Aquino umgebracht, bleibt das Regime belastet. Selbst Ministerpräsident Cesar Virata schließt eine Beteiligung von »Regierungselementen« nicht aus.
Zwar präsentierte die Polizei den angeblichen Mörder Aquinos, einen »käuflichen Killer« namens Rolando Golman y Dawang. Doch Kenner behaupten, daß nichts auf dem 7000-Insel-Reich ohne Billigung des Marcos-Clans geschehen könne. Und General Fabian Ver, einem Cousin Marcos, der zudem als Oberbefehlshaber der Armee auch noch für die Sicherheit am Flughafen verantwortlich war, trauen nicht nur die Oppositionellen skrupelloses Handeln zu.
Politische Gewalt gehört zum Stil der Nation. »Die Menschen im Westen vergessen oft«, so hat Aquino kurz vor seinem Tod noch im amerikanischen Exil gesagt, »daß die Philippinen ein lateinamerikanisches Land sind. Wie die Länder Südamerikas haben die Philippinen eine lange Geschichte spanischer Kolonialherrschaft hinter sich. Ihre Wirtschaft ist gekennzeichnet durch einen Bruch zwischen den wenigen Reichen und den vielen Armen.«
1972, als Marcos aus Angst vor einer Wahlniederlage das Kriegsrecht ausrief, wollte er die Herrschaft der 100 oligarchischen Familien zugunsten seiner »Neuen Gesellschaft« abschaffen. Nun sitzen zusätzlich die bis dahin unpolitischen Militärs auf den Staatspfründen - und der Marcos-Clan selbst.
Die Philippinen, von 1898 bis 1946 amerikanische Kolonie, sind bis heute von US-Wirtschafts- und -Militärhilfe abhängig. Marcos gilt trotz brutaler Menschenrechtsverletzungen als ein nützlicher, weil willfähriger Partner. Die Vereinigten Staaten haben auf den Philippinen ihre wichtigsten Pazifik-Stützpunkte: die Clark Air Base und den Hafen Subic Bay.
Wäre Marcos wirtschaftlich erfolgreich, dann hätte die Bevölkerung die Korruptionsaffären und Vetternwirtschaft seiner Familie hingenommen, denn »die Filipinos sind geduldig wie die Carabaos, die Wasserbüffel«, sagt ein Priester. Doch das Regime hat 20 Milliarden Dollar Auslandsschulden aufgehäuft. 60 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze.
Aquino hätte die zerstrittenen zwölf Oppositionsparteien einigen und bei den Parlamentswahlen im kommenden Frühjahr eine demokratische Regierung bilden können. Ohne ihn steuern die Philippinen dem Bürgerkrieg zu.
Die »Neue Volksarmee«, die kommunistische Guerilla, wächst - selbst enttäuschte Priester treten der Armee im Untergrund bei. »Wir sind nur 30 Prozent der Opposition«, sagt Aquino-Freund und Oppositionsführer Ex-Senator Salvador Laurel, »die übrigen 70 Prozent sind schon in den Bergen.«