Islam Wie ein Blinder
Wir machen den Islam zur neuen Antriebsfeder der Menschheit«, frohlockte Fathi Schikaki, Sprecher der palästinensischen Kampforganisation Islamischer Dschihad. »Unsere Feinde werden zittern.« Sein Glaubensbruder Hassan Hafis el-Salihi aus dem Tschad trumpfte auf: »Die islamische Welt ist jetzt vereint, Allah führt uns in eine bessere Zukunft.«
Und auch der jemenitische Scheich Abd el-Madschid el-Sandani, der die Liquidierung sozialistischer »Gottesfeinde« im Südjemen guthieß, war sich sicher: »Unsere Konferenz ist ein Wendepunkt in der islamischen Geschichte. Die Leiden der Moslems haben ein Ende.«
Die rosige Zukunft wurde in der sudanesischen Hauptstadt Khartum beschworen, wo einst der legendäre Mahdi den britischen Gouverneur Charles Gordon geschlagen hatte. Am Zusammenfluß des Blauen und des Weißen Nil berieten über 300 Vertreter islamischer Organisationen aus 85 Ländern ein ehrgeiziges Projekt - die Gründung einer panislamischen Internationale.
Gastgeber Hassan el-Turabi, 62, Vorsitzender der vor vier Jahren gegründeten »Arabischen und Islamischen Volkskonferenz« und selbsternannter Mittler zwischen den islamischen Völkern und dem Westen, strebt ein großes Ziel an: Der Sudan soll das Islam-Zentrum der Zukunft werden, »Drehscheibe für den Weltendialog von morgen« zwischen Morgenland und Abendland (siehe Interview Seite 148).
Sogar von den Philippinen, aus den zentralasiatischen Republiken der früheren UdSSR, von den karibischen Inseln und aus Australien waren Eiferer angereist. »Solch eine islamische Vielfalt hat die Welt bisher noch nicht erlebt«, brüstete sich Vordenker Turabi, der in Paris und Oxford studiert hat. »Die Moslems aller Kontinente schauen auf den Sudan« - und auf Turabi selbst, den Mentor der sudanesischen Militärjunta, die sich 1989 an die Macht putschte und den Sudan zum ersten islamischen Gottesstaat Afrikas gemacht hat.
Die Teilnehmerliste las sich wie eine Hitparade internationaler Terrororganisationen. Neben Hamas, der Islamischen Heilsfront aus Algerien oder der durch Sprengstoffanschläge bekannt gewordenen tunesischen »Nahda«-Bewegung drängten sich Scharfmacher aus Kaschmir, Beirut, Bangladesch und Burma nach vorn, um von den Konferenzteilnehmern »die Kampfansage an den Satan Amerika«, aber auch an »den Teufelsstaat Indien« zu fordern.
Doch die Solidarität der Radikalen hatte ihre Grenzen. Vor allem dem Iran mißfällt, daß Turabi nach der Rolle des geistigen Führers aller Moslems strebt - und damit Teherans Ajatollahs in den Schatten stellen würde.
Gegen den Willen von Turabi erzwang eine Stimmenmehrheit die Umbenennung der Veranstaltung in »Islamische Volkskonferenz«. Der Abgesandte der iranischen Mullahs erläuterte: »Die Araber sind nur eine Minderheit in der islamischen Welt, diese Konferenz soll doch allen Moslems dienen.«
Auch der alte Gegensatz zwischen Schiiten und Sunniten drohte wieder aufzubrechen. Um die »Konferenz der Einheit und Brüderlichkeit der Moslems« (der sudanesische Staatssender Omdurman) nicht durch den Dauerdisput der Glaubensrichtungen zu gefährden, hatte Turabi schweren Herzens die irakischen Schiiten gar nicht erst eingeladen, die vom sunnitischen Diktator Saddam Hussein blutig unterdrückt werden.
»Ein Unding«, erboste sich daraufhin Radio Teheran, »allein dadurch entpuppt sich die Konferenz als Knall ohne Folgen. Der wahre Weg in die islamische Zukunft führt über Iran.«
Statt der geknechteten Irak-Schiiten durfte Abd el-Karim el-Muchtar, Chefredakteur der Bagdader Baathistenzeitung El-Dschumhurija, das Wort ergreifen. Weil sein Herr Saddam Hussein vielen Moslems als Gottesfeind gilt, boykottierten ganze Delegationen den Auftritt des Irakers. Der Mann aus der alten Kalifenhauptstadt Badgad warb mit einer Empfehlung besonderer Art: »Ich komme aus dem Land, das die erste Rakete auf Israel abgefeuert hat.«
Die Libyer, deren Revolutionsführer Gaddafi beste Wünsche im »Kampf gegen den Unrechtsstaat Israel und seine Ziehmutter Amerika« entbot, wurden mit einem Appell zur Aufhebung der internationalen Sanktionen belohnt.
Ebenso bezeichnend wie die Zusammensetzung der Teilnehmer aber war die Liste der Abwesenden. Um Ärger mit dem einflußreichen Saudi-Arabien vorzubeugen, war kein Saudi-Dissident geladen. Die Überweisungen der 300 000 sudanesischen Gastarbeiter aus dem Wüstenkönigreich sind für den international weitgehend isolierten Sudan lebenswichtig.
Wohlweislich hatte Turabi auch kein Mitglied der islamischen Terroristengruppen nach Khartum gebeten, die in Ägypten auf Polizisten, koptische Christen und westliche Touristen schießen. »Wir wollen mit diesem Frevel nichts zu tun haben«, bekannte Sudans Staatschef Umar Hassan el-Baschir.
Turabi schonte die Gefühle der Türken, deren islamistische Wohlfahrtspartei den Debatten lauschte: Über die Unterdrückung und Verfolgung moslemischer Kurden verloren die Panislamisten kein Wort. Dem tschetschenischen Außenminister Schamseddin Jussif reichten die ersten beiden Konferenztage: »Die haben doch alle kein Konzept, für wen sprechen sie eigentlich?« Er reiste ab, nur mit einem nichtssagenden »Vermittlungsangebot« der Islamkonferenz an Moskau in der Tasche.
Bitter enttäuscht verließ auch die Delegation der Moslembruderschaft Khartum. Dabei ist sie die weltweit stärkste islamistische Oppositionsbewegung, mit einem Netz, das von Marokko bis Pakistan reicht.
Als einer ihrer Führer, Mustafa Aschur, das Bruderschaftskonzept eines islamischen »Weltstaates« erläutern wollte, entzog ihm der Diskussionsleiter schnell das Wort - die Zusammenführung der islamischen Welt gilt als reservierte Domäne des Gastgebers Turabi.
»Wer die islamische Zukunft ohne die Moslembruderschaft plant, irrt durch Allahs Welt wie ein Farbenblinder«, schimpfte daraufhin Seif el-Islam Hassan el-Banna, Enkel des legendären Gründers der Moslembruderschaft. »Wie soll der Westen da noch Angst bekommen vor einem starken Islam?«