Wie ein Kolibri - DER SPIEGEL
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SPD Wie ein Kolibri

SPD-Geschäftsführer Peter Glotz hat Mühe mit seinem Wunderknaben-Image. Vielen gilt er als Klugredner, der sich zu sehr um die Exoten in der Partei kümmert.
• aus DER SPIEGEL 30/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Egon Bahr nach vier strapaziösen Jahren genug hatte vom Job des SPD-Bundesgeschäftsführers, da sorgte sich sein Chef Willy Brandt, die Partei sei »in Gefahr auszutrocknen, wie Johannes Rau sagt, oder in Langeweile zu verrotten, wie Erhard Eppler sagt«.

Die Sozialdemokraten, befand der Vorsitzende, brauchten einen intellektuellen Muntermacher. Gesucht wurde ein Multitalent, das im Bonner Erich-Ollenhauer-Haus zugleich praktisch zupacken und die lustlosen Genossen mit einem Feuerwerk von Ideen wieder in Schwung bringen sollte.

Die Rolle schien auf Peter Glotz zugeschrieben. Als Wissenschaftssenator in Berlin, damals noch mit reichlich Muße zum Nachdenken ausgestattet, hatte er vor Freunden immer wieder davon geschwärmt, in Bonn am Profil der SPD mitzuzeichnen.

Je größer die Herausforderung, um so heftiger treibt es Glotz nach vorne. Wenn etwas brenzlig wird, fängt er als erster an zu schnuppern. Wo andere erst verstört hochschrecken, hat Glotz das Problem schon erkannt, analysiert und beschrieben.

Die Schnelligkeit, mit der er Fragen beantworten kann, bevor sie gestellt werden, ist vielen in der Partei unheimlich. Der Parteiorganisator weiß, daß manche Genossen so einem wie ihm mit Mißtrauen begegnen.

»Der hat noch keine richtigen Bataillen erlebt«, sagt etwa Helmut Rohde, bei dem Glotz drei Jahre lang im Bildungsministerium als jüngster Parlamentarischer Staatssekretär der Bundesregierung diente.

Was Helmut Schmidt von dem fixen Aufsteiger hält, ließ er Glotz gleich bei dessen Amtsantritt in der Zentrale wissen. »Na ja, wenigstens kein Außenpolitiker«, höhnte der Kanzler über den Nachfolger des Hobby-Diplomaten Bahr.

Auch nach den fünf Monaten, in denen Glotz jetzt das Management führt, hat sich der Argwohn nicht gelegt. Gestandene Sozialdemokraten vom rechten Flügel beobachten mit Unbehagen, wie der Geschäftsführer versucht, das Wegdriften junger Wähler zu alternativen und grünen Listen zu stoppen. Denn je deutlicher Glotz jenen entgegenkommt, die eine ökologisch orientierte Umkehr fordern, um so eher riskiert er, den traditionellen Arbeitnehmer-Flügel der Partei zu verprellen.

So wehrt sich Bundestagsvizepräsidentin Annemarie Renger dagegen, S.31 »daß diese SPD ins Schlingern gerät, weil alle möglichen Kräfte wichtiger genommen werden als unsere Stammanhänger«.

Rohde, Vorsitzender der einflußreichen Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen (AfA), beklagt, daß die »zweifellos notwendige Öffnung« der Partei hin zur neuen Mittelschicht »manchmal zu viel Schlagseite« habe.

Die Geschäftsführer in den Bezirken und Landesverbänden wiederum neigen dazu, ihrem Chef Starallüren vorzuwerfen: »Er sollte der erste Diener der Partei sein, statt dessen dient die Partei dazu, ihn herauszuheben.« Und ein Parteiarbeiter hielt ihm vor: »Im Umgang mit der Basis ist deine Eloquenz dein größtes Problem.«

Solche Kritik, meint Glotz, müsse einer in Kauf nehmen, der ständig zwischen den streitenden Lagern hin und her eilt. Als »Moderator« begreift er sich, der die zerbröckelnde politische Identität der SPD mit dem »Prinzip Dialog« rekonstruieren will.

Das ist tatsächlich nicht frei von primadonnenhaften Zügen. Den Auftritten ihres Dialogkünstlers steht die Parteibasis meist sprachlos gegenüber. Mit dem Hochmut des Intellektuellen spielt Glotz seinen wachen Geist gegen die Politiker-Kollegen aus, etwa wenn er Peter Handkes »Kindergeschichte« »unseren Oberen« zur Lektüre für »konferenzfreie Nachmittage« empfiehlt.

Kein Wunder, daß manch biedere Funktionäre draußen im Lande so einen begaffen wie einen Kolibri. Glotz' Problem aber ist es aufzupassen, daß die Genossen ihn nicht als einen Conferencier der Politik abtun, statt ihm bei seinem Integrationsversuch zu helfen.

Glotz selbst hat sich die Meßlatte für seinen Hochsprungversuch gelegt. »Wir müssen uns klarmachen«, schärft er den Delegierten auf Landes- und Bezirksparteitagen ein, »daß die nächsten acht, zehn oder zwölf Monate über die Frage entscheiden werden, ob wir die 80er Jahre als Regierungspartei gestalten oder als Oppositionspartei begleiten werden.«

Die Sozialdemokraten haben mit einer »doppelten Opposition« (Glotz) zu tun: Auf der einen Seite schwimmen enttäuschte Junge zu den Alternativen ab, auf der anderen entscheiden sich resignierte Alte fürs Nichtwählen oder gar für die Union.

Würde die SPD sich radikal ökologisch und jugendbewegt orientieren, müßte die Partei unter diesem Anpassungsdruck zerbrechen. Stieße sie die Randgruppen ab, würde sie vermutlich auf einen Wähleranteil von etwa 30 Prozent schrumpfen -- wo sie schon mal war, vor dem Godesberger Programm von 1959.

Der einzig mögliche Ausweg aus dem Dilemma, folgert Glotz, liege in der Fähigkeit zum vernünftigen, vorurteilsfreien Dialog, aus dem heraus neue »Orientierungspunkte« entstehen müßten. Es schmerzt ihn, daß er sich Mißverständnissen auf allen Seiten aussetzt, wenn er so die Balance hält.

Schon in Berlin, wo der Wissenschaftssenator Glotz mit Studenten, Tunix-Anhängern, Spontis und Alternativen bereits zu einer Zeit diskutierte, als andere Sozialdemokraten noch auf Abgrenzung und Abschreckung im Umgang mit der Protestgeneration setzten, hielten ihm die Jugendlichen vor, er benutze den Dialog, um sie einzufangen und damit Konflikte auf bürgerliche Weise zuzudecken.

Wahrscheinlich ahnt er, daß diese Skepsis vor allem in seiner Person und in seinem Verhalten gründet. Glotz kokettiert gerne damit, ein »Berufspolitiker« zu sein. Gegen professionelle Verformung in diesem Job kämpft er an, indem er öffentlich über sich selbst und sein Gewerbe nachdenkt -- in Büchern und zahllosen Aufsätzen.

In der Massendemokratie, meint der studierte Kommunikationswissenschaftler, müsse der Berufspolitiker vor dem Wahlvolk auch Seele und Gemüt preisgeben, um glaubwürdig zu wirken. Also gewährt er Einblicke in sein Innenleben. Doch man erkennt: Weil bei Glotz auch die Emotionen über den Kopf gehen, verbirgt er hinter der Innenwelt, die er zeigt, stets eine andere, die er eisern verteidigt.

Dies schafft Mißtrauen und bestärkt das Gefühl, hier sei nur ein raffinierter, ausgebuffter Profi am Werk.

Die Ehrlichkeit seines Bemühens kann der Wunderknabe für Kommunikation letztlich nur in beharrlicher Kleinarbeit nachweisen. Bisher blieb ihm nicht viel Zeit, um sein Konzept des offenen Dialogs in parteiinterne Wirklichkeit umzusetzen. Denn gleich nach seinem Amtsantritt war nicht langfristige Planung, sondern rasches Krisenmanagement in Berlin und in Hamburg gefragt.

Die Geschicklichkeit, mit der er dort agierte, nötigte auch jenen Spitzengenossen Respekt ab, die, wie Kanzler Schmidt und SPD-Vize Hans-Jürgen Wischnewski, mit Schnellredner Glotz sonst nicht sonderlich gut zurechtkommen. Hans-Jochen Vogel nach Berlin und Klaus von Dohnanyi nach Hamburg zu holen, war beide Male Glotz' Idee. Und er sorgte auch dafür, daß die in sich zerstrittenen Landesverbände den neuen Mann jeweils akzeptierten -- indem er die Genossen nach bewährtem Rezept schlicht totredete.

Jetzt will er sich daranmachen, geeignete Themen zu finden, um Gegensätze in der Partei zu überdecken und den Zusammenhalt der Sozialdemokraten zu stärken. In einer Reihe festgeplanter Veranstaltungen -- über die Friedenspolitik, den Sozialstaat und Verkehrspolitik -- soll die SPD noch in diesem Jahr das solidarische Diskutieren wiedererlernen.

Am Ende, so viel ist ihm klar, wird sein Erfolg als Bundesgeschäftsführer nur an den Wahlergebnissen der Partei gemessen werden. Aber auch darauf hat sich der Wortgewandte den passenden Spruch mit Blick auf das Ergebnis der letzten Berliner Wahl schon zurechtgelegt: »Lieber 38 Prozent mit einer guten Politik als 40 Prozent mit einer schlechten.«

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